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Hannover und Braunschweig

Der Klimareport

Foto: „Die Rivalität zwischen den Klubs hat sich irgendwie verselbstständigt“, sagt Holger Schomburg (Bildmitte).

Eintracht-Anhänger Ulrich Wenzel: „Wäre ich in Hannover aufgewachsen, wäre ich wohl 96-Fan."

Hannover/Braunschweig. Als der Aufstieg perfekt war, verschwand das Weiß aus dem Leben von Ahmet Ötztürk. BlauGelb sollte sein Lokal in Zukunft sein, Vorhänge, Türen, Tischläufer, Kerzen, Plakate und Wappen an den Wänden, er hatte es versprochen. Sogar das Klopapier war in den Vereinsfarben von Eintracht Braunschweig gehalten, bis jemand bemerkte, was Gäste da eigentlich taten mit dem stolzen Symbol. Draußen rauscht vielspuriger Verkehr vorbei, ins Zentrum oder nach Helmstedt. Bis zum Mauerfall war die Gegend Zonenrandgebiet, der Fußball machte auch danach keine Ausnahme.

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Jetzt wohnt das Glück bei Ahmet Ötztürk. 1. Liga, Eintracht ist dabei, Männer in Anzügen kommen vorbei und Männer in Trikots, auf zwei Wolters oder Variationen vom Fleisch. Wenn Freitag das Derby steigt, das erste nach bald vier Jahrzehnten, das Fieberspiel, dann schaltet Ötztürk in seinem Restaurant „Elvan“ den Fernseher an, über dem ein aufgehängter Schal das Motto des Abends schon vorgibt. „96 – nein danke“ steht drauf. In Ordnung ist das nicht. Politisch korrekte Eintrachtler sagen stets: 95 plus 1 und Hanoi, wenn sie Hannover meinen. Die Idee ist, dass nicht existiert, was nicht gesagt wird.

Heute ist auch Holger Schomburg da. „Ich bin hier Schomi“, erzählt er bei einem Teller Currypommes. Er ist irgendwas über 50, Braunschweiger von Geburt, aufgewachsen in der Nähe vom Stadion und korrekter Eintrachtler, das ist auch Konzentrationssache. Seit er zur Eintracht geht, also seit 1967, mag er Hannover nicht. „Hat sich irgendwie verselbstständigt.“ Schomi braucht die Welfen nicht, um ein paar Gründe zu nennen, die jüngste Geschichte ist ihm genug. Wie Hannover 96 Rechtsmittel einlegte, als Eintracht dem Rivalen bei der Bundesligagründung vorgezogen wurde. 1963 war das. Jahre später rettete sich 96 am letzten Spieltag durch einen überraschenden Sieg vor dem Abstieg, auf Kosten von Braunschweig. „Ein sehr merkwürdiger Sieg“, glaubt Schomi, so, als wäre nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Und wie war das noch, als 95 plus 1 so gut wie pleite war und dennoch die Lizenz zum Spielen bekam? „Man stößt auf so etwas als Braunschweiger.“ Von Politik war da noch nicht die Rede.

Banalitäten und Verschwörungstheorien

Es sind diese Geschichten, Banalitäten manchmal, Verschwörungstheorien, Erzählungen von tatsächlichen oder gefühlten Benachteiligungen, die Außenstehende für Schrullen halten könnten, die Rivalität und Identität ausmachen. Für Jungs, die in Braunschweig keine Rechnung auf 96 Cent oder Euro begleichen. Für Fans, die niemals einen Spieler aus Hanoi akzeptieren würden, der in Hannover ein Wappenküsser war. Die Erinnerung an den „Tatort“, der noch mal das Bild mit dem Slogan „Tod und Hass dem BTSV“ sendete.

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Rund 70 Kilometer weiter nordwestlich. In hannoverschen Kaufhäusern ist Stoff für Freunde aller möglichen Glaubensrichtungen im Angebot. Hannover 96 sowieso, dazu Trikots, Kaffeebecher, Geldbörsen, Schals von Bayern, Dortmund, dem HSV, in Auslagen leuchtet es rot, gelb, blau und grün, sogar für Freunde der bei etlichen 96-Fans ungeliebten Fischköppe vom Sportverein Werder Bremen gibt es Material. Braunschweig? Kommt nicht vor. Wer naiv nach Eintracht-Trikots fragt, hört verwunderte Antworten. „In Hannover?“ Da werde der Kunde nichts finden, sagt ein Verkäufer, die Rivalität der Klubs sei zu groß. Vor ein paar Jahren traute sich ein optimistischer Geschäftsführer, in blau-gelbes Papier eingewickelte Weihnachtsmänner aus Schokolade in hannoversche Regale zu stellen. Nicht lange, und sie waren eingedrückt, mitsamt dem Eintracht-Wappen. Jemand hatte gezielt Hand angelegt. Im Internetforum schreibt ein „Roter“, er habe einen Händler in der City aufgefordert, Fanschlüssel mit Eintracht-Wappen zu entfernen. Bleiben die anderen so vielleicht vor der Burg?

"Ich geh` nicht zum Spiel"

Nein. Mitten in der Landeshauptstadt Hannover existiert, versteckt in einem Zweckbau, ein Ort, der den Fußballverein Eintracht Braunschweig feiert. Das Foto der Meister 1967, eine blau-gelbe Kaffeetasse, das Plakat, das von der ersten Liga träumt, Erinnerungen an den Pokalsieg gegen Hannover 96. Hier bereitet sich Ulrich Wenzel, Richter am Verwaltungsgericht, auf seine Verfahren vor. Und das muss ein Fan mal schaffen: Sein Arbeitsplatz liegt am Eintrachtweg.
Wenzel ist Jahrgang 1958, er ist schlank und sportlich und eher der Typ Leichtgewicht. An 17 Wochenenden im Jahr zieht er zu Hause eines seiner gelben Eintracht-Trikots über, steckt seine Dauerkarte ein, Stehplatz, Südkurve, und macht sich mit dem Auto auf den Weg nach Braunschweig. Dort parkt Wenzel seinen Wagen mit dem Hannover-Kennzeichen eine schöne Strecke entfernt vom Stadion. An diesem Freitag ist der Weg viel kürzer, wenn sein Klub in Hannover spielt. Trikot rüber, aufs Fahrrad, und einen Platz im Stadion suchen. Alles ist so nah. Alles wäre so nah. Wenzel sagt: "Ich geh' nicht zum Spiel. Da hab' ich Schiss."

Die Vorzeichen lassen diesen Schluss zu. In den Wochen vor dem Derby hat sich die aufgestaute Rivalität bei etlichen Hardlinern zu inneren Hassgebirgen aufgetürmt. "Alle Braunschweiger töten" sangen Ultras im Fanblock von Hannover 96. Im Internet beschimpfen sich Anhänger gegenseitig, humorlos, brutal, eine geschmacklose Montage im Zusammenhang mit dem Tod von 96-Torhüter Robert Enke nutzt eine private Tragödie, um für einen Moment zu schockieren. In Braunschweig zogen Leute los, um 96-Symbole an Stadion, Vereinsbus und Wartehäuschen zu schmieren. Die Polizei erwischte sogenannte Problemfans und erwartet zum Spiel Männer, die einen Grund zum Prügeln suchen. Beide Seiten provozieren, die anderen tun's ja auch, war schon immer so, gehört dazu. Und so weiter. Die "Raumschutzzone", so heißt es bei der Einsatzleitung in Hannover, fängt deshalb schon in Braunschweig an.
Ulrich Wenzel weicht diesem explosiven Gleichgewicht des Schreckens aus. Aus Vorsicht, er weiß nicht, wie hartgesottene "Rote" auf die falsche, gelbe, Farbe an seinem Leib reagieren. Es ist riskant auf dem Weg ins Stadion, auf der Tribüne, auf dem Rückweg, glaubt er. "Nicht jubeln zu können, ohne Trikot und Schal zum Spiel, das ist nichts." Wenzel steht zwischen den Blöcken, seine Lage ist absurd. In Braunschweig muss er, der Eintracht-Fan, sein Auto in Sicherheit bringen vor Fanatikern, weil er aus der falschen Stadt kommt. Im 96-Stadion kann der Richter aus Hannover nicht frei atmen, weil sein Trikot falsch ist.
Solche Probleme haben Oliver Meier, 38, Verwaltungsangestellter, und Jana Schweitzer, 17, Schülerin, nicht. Sie sind zum Stadion am Maschsee gekommen, um zu erklären, wie es sich verhält mit den Vereinen von Hannover und

Braunschweig. Das ist erst mal ganz einfach. „Ich wünsche Braunschweig sportlich nur das Schlechteste“, sagt Meier. Und Jana, in der Südkurve mit Ya-Konan-Trikot unterwegs, erzählt, „dass ich es deren Fans nicht gönne, wenn die in unserem Stadion feiern könnten“.

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Dabei kümmerten sich Anhänger von Hannover 96 lange Jahre nicht sonderlich um den kleinen Nachbarn, 96 war auf einem anderen Planeten unterwegs, dem Planeten mit Bayern statt Paderborn. Jetzt keimt die Rivalität wieder auf. Und Erinnerungen an früher. Meier weiß noch, wie Fans vor zehn Jahren  beim Pokalspiel in Braunschweig empfangen wurden, sehr unfreundlich, „mit Angriffen auf Busse“. Jana kennt die Geschichten von früher nur aus Erzählungen. Sie hat nichts gegen die Eintrachtmannschaft, in Interviews fand sie Spieler sogar ganz nett, aber sie war entsetzt über diese Enke-Montagen. Völlig unangebracht, sagt sie, „deswegen bin ich gegen die Fans“. Routinier Meier sorgt sich viel mehr um das Spiel. Seine größte Sorge ist, dass die 96-Mannschaft das Derby nicht so ernsthaft angeht, wie er selbst das Spiel betrachtet. Kann es nicht einfach durch Pech verloren gehen? Nein, sagt Meier, in solch einem Spiel muss man Pech ausschließen. Abgeklärt, ruhig, die bessere Mannschaft sein, strukturiert spielen, gewinnen. Meier sagt: „Sonst geht es hier ab.“

Nahezu alle wollen friedliches Derby

Sie wollen keine Gewalt, die Fans in dieser Geschichte. Sie haben unterschiedliche Grenzen, was Provokationen angeht. Oliver Meier findet es furchtbar, wenn in der Nordkurve Hasssänger texten „Alle Braunschweiger töten“. Gastwirt Ötztürk warf Gäste raus, die sich über den Tod von Enkes kleiner Tochter lustig machten. Es ist das Erstaunliche in den Tagen vor dem Spiel: Nahezu alle wollen ein friedliches Derby, laut, voller Rivalität, mit Schärfe, das schon. Trotzdem glauben etliche aus der Szene, dass es zum Spiel Ausschreitungen gibt.

An einem kalten Dezembertag 1968 kommt das Auto von Jürgen Moll, 29 Jahre alt und Spieler bei Eintracht Braunschweig, auf der A 7 von der Straße ab. Moll und seine Frau sterben und hinterlassen zwei Töchter. Eine Tragödie, ähnlich wie der Tod Enkes, eine Gemeinsamkeit in der Geschichte der Klubs. In einem Benefizspiel für Molls Familie trat eine gemischte Mannschaft von Eintracht und 96 gegen ein Team aus Erstligaspielern an. Richter Ulrich Wenzel hätte sich gewünscht, dass die Vereine solch eine Aktion wiederholen vor dem Derby, als Zeichen von Verbundenheit. Eine gegenwärtige Tragödie wäre Anlass genug. Hakan Bicici, 42, liegt nach einem Autounfall im Wachkoma. Er spielte für Hannover 96 und Eintracht Braunschweig.

HAZ

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