Henning Zeidler

Der Kunstsinnige

Kunst ist für Henning Zeidler ein selbstverständlicher Teil seines Lebens. Vor allem, seit der 67-jährige Rheumatologieprofessor im Frühjahr 2007 von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) emeritiert ist, ist das kreative Schaffen in den Mittelpunkt seines Tuns gerückt. Das Zeidlersche Haus, dessen großes Wohnzimmer sich mit deckenhohen Glaswänden in einen versteckten Garten öffnet, birgt überall Skulpturen, Bilder und Objekte, die Zeidler selbst, seine Frau oder befreundete Künstler geschaffen haben. Auf dem halbhohen Bücherregal mit den Künstlerbiographien erinnert ein Ensemble von Keramiken an urzeitliche Fossilien. Die Bildern an der Wand zur Küche zeigen Eindrücke, die der Professor in einem Frankreich-Urlaub festgehalten hat. Und in einer Ecke am Fenster ist eine Skulptur seiner Frau platziert: Fließende, organische Formen, die einen unbekannten Organismus bilden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Kunstbegeistert war der gebürtige Rheinländer schon immer. „Dank eines tollen Kunstunterrichts, in dem wir sämtliche Techniken vom Kartoffeldruck bis zur Glasmalerei ausprobieren durften“, schmunzelt der Professor, der mit sportlichen Jeans, weißem Hemd und gepflegtem Schnauzer so gar nicht wie ein Pensionär wirkt. Trotzdem entschied sich Zeidler für die Medizin.

„Im Studium in Mainz habe ich dann zum ersten Mal die Rheumapatienten in der Klinik meiner Heimatstadt Bad Kreuznach kennengelernt“, erzählt er. Danach war für den jungen Mediziner klar, dass er in die Rheumatologie gehen würde. In diesem Fachgebiet erlebte er, wie sich die Gelenke der von schmerzhafter Polyarthritis geplagten Kranken entzündeten, wie sich ihre Finger versteiften und die Hände zu Krallen wurden, ohne dass die Ärzte diesen Prozess aufhalten konnten. Später wechselte Zeidler ganz bewusst an die MHH: „Das war seinerzeit der Kristallisationspunkt der modernen Rheumatologie“, sagt er. Damals lernten die Ärzte auch, dass Rheuma eng mit dem Immunsystem verknüpft ist. Auf dieser Basis entwickelten Forscher moderne Medikamente. „Damit ist die arthritische Hand heute Vergangenheit“, erklärt Zeidler.

Fasziniert vom medizinischen Fortschritt und betroffen vom Leiden der Patienten widmete sich Zeidler in diesen Jahren vorwiegend der Medizin. Die Kunst spielte damals eine eher passive Rolle. „Bei Kongressen habe ich allerdings immer versucht, eine Ausstellung oder ein Museum zu besuchen“, sagt er. In den neunziger Jahren begann dann seine Frau, ebenfalls Heilberuflerin, in ihrer Freizeit Skulpturen zu schaffen und Zeidler packte die Neugier. Zunächst arbeitete er an Kalksteinskulpturen, später widmete er sich mithilfe eines befreundeten Künstlers der Malerei. „Mich fasziniert es, etwas aus dem Gefühl heraus zu tun“, erklärt er. „In der Kunst kann ich etwas aus mir selbst heraus schaffen.“ In der MHH hat der Rheumatologe nicht nur das Kunstforum ins Leben gerufen, wo zeitgenössische Werke ausgestellt werden, sondern gleichzeitig Workshops für die MHH-Mitarbeiter initiiert, daneben Kulturtage und eine regelmäßige „Kestnerschau“ in der Ladenpassage.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Nach seiner Emeritierung hat Zeidler zudem begonnen, die Biographien bekannter Künstler aufzuarbeiten, die an Rheuma litten. Schwer betroffen war beispielsweise der Maler Auguste Renoir, der Ende des 19. Jahrhunderts die Freuden des Lebens auf der Leinwand festhielt. Mit 54 Jahren begannen die Schmerzen in den Gelenken. „Aber er hat trotzdem immer weiter gemalt“, berichtet Zeidler. Mit Lederbällen und Klavierübungen versuchte Renoir die Beweglichkeit seiner Hände zu erhalten, noch vom Rollstuhl aus ließ er sich Pinsel in die mit Tuch umwickelten Hände stecken und nutzte eine Roll-Leinwand, um seine – immer noch positiven – Bilder Stück für Stück zu entwickeln. „Damit war er quasi der Erfinder der Physiotherapie“, sagt Zeidler.

Neben Renoir hat sich der Rheumatologe auch dem zu den „Blauen Reitern“ gehörenden Alexj Jawslensky gewidmet und konnte anhand von Briefen zeigen, dass dieser ebenfalls an rheumatoider Polyarthritis litt. „Als nächstes würde ich gerne die Krankheit von Niki de Saint Phalle untersuchen, die neben ihrem Lungenleiden auch rheumatoide Arthritis hatte“, sagt der Mediziner.

Mehr aus Hannover

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen