Wettbewerb der Sparkasse holt Kleinstkunst nach Hannover

Der Londoner Street-Art-Künstler Slinkachu im ZiSH-Interview

Slinkachu ist Street-Art-Künstler, Fotograf und Blogger und lebt in London. Seit 2006 platziert er dort die „Little People“ und fotografiert die Installationen aus zwei Blickwinkeln: Einmal erschafft er so eigene Lebenswelten der scheinbar lebensgroßen Figuren, mit dem zweiten Bild zeigt er die wahren Größenverhältnisse. Slinkachu ist einer der bekanntesten Künstler der Szene, seine „Little People“ finden weltweit Nachahmer.

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Slinkachu, wie groß bist du?
1,75 Meter. Warum?

Nun, deine "Little People" sind Miniaturfiguren, machen dich als Künstler praktisch zu einem Riesen. Da kann man ja mal nach Komplexen fragen. Hast du was aus deiner Kindheit zu verarbeiten?
Nein, ich hatte eine schöne, aber unspektakuläre Jugend. Ich bin im ländlichen England aufgewachsen und habe ganz begeistert kleine Dinge gesammelt, besonders Käfer und andere Insekten.

Und du hast sicher oft "Gullivers Reisen" gelesen.
Nein, niemals. Schlimm, ich weiß.

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Okay, kurzer Exkurs: Swifts Buch ist in der Originalversion eine Satire auf England im 18. Jahrhundert. In einer deiner Installationen – "Terroralarm" – bewachen Mini-Polizisten in London einen Haufen Hundekot, und das zwei Jahre nach den Bombenanschlägen in der Stadt. Dein satirischer Blick auf schärfere Sicherheitsmaßnahmen?
Ja, es gibt diese Absurditäten des Lebens, und ich finde sie interessant. Vor Kurzem wurde am Flughafen Gatwick eine Waffe beschlagnahmt – die fünf Zentimeter große Spielzeugpistole eines kleinen Kindes! Die Chancen, Opfer eines Terroranschlags zu werden, sind winzig im Vergleich mit der Gefahr, von einem Auto angefahren zu werden. Wir machen uns über die falschen Dinge Sorgen.

Gab es da nicht Ärger mit der Polizei?
Es hat mich tatsächlich jemand erkannt und "Hallo" gesagt, als ich "Terroralarm" fotografiert habe. Ich frage mich, ob er die Figuren dann weggenommen hat oder ob ihn die Scheiße abgehalten hat.

Was zeigen deine Installationen?
Die Menschen sind einsam und vom Großstadtleben eingeschüchtert. Ich sehe meine Installationen gerne als kleine Dramen des Alltags, an denen wir so oft vorbei gehen, ohne sie überhaupt wahrzunehmen.

Die "Little People" sind, nun ja, klein. Was können sie, was größere Figuren nicht können? Oder sind sie einfach nur günstiger?
Die Menschen fühlen sich zu den kleinen Figuren hingezogen, einfach, weil diese so klein sind. Und sie sind einfacher zu verstecken. Dass sie übersehen werden, ist ein zentraler Aspekt meiner Arbeit, es geht ja um die Flüchtigkeit des Alltags in der Stadt. Die meisten Menschen laufen vorbei, verfangen in ihren urbanen Tagträumen, und bemerken nichts. Und ja, da ich die Figuren an den Orten lasse, ist der günstige Preis schon eine gute Sache.

Ist es nicht auch schade, dass viele einfach so an deiner Kunst vorbeigehen?
Nein, das macht gerade den Charme aus, das macht es interessant. Nur ein paar Glückliche sehen meine Installationen.

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Wo findest du all die kleinen Dinge?
Die meisten Figuren stellt das deutsche Unternehmen Priester serienmäßig für Modelleisenbahnen her. Ich verändere daran manchmal Kleinigkeiten, bastele einen Hut dazu oder bemale die Figur und suche dann kleine Requisiten. Meist ist das einfach Müll, oder ich finde etwas bei Ebay. Oft benutze ich auch Insekten, die ich auf der Straße auflese.

Du beschreibst die Menschen als gehetzte Tagträumer mit Scheuklappen. Bist du nicht ähnlich unterwegs, die Augen zum Boden gerichtet, auf der Suche nach neuen Plätzen für die "Little People"?
Nun, ich gehe nicht so viel zu Fuß, aber ansonsten trifft es das wohl ganz gut. Überall wo ich heute hingehe, schaue ich mich nach interessanten Plätzen um. Ich habe mir aber antrainiert, mehr auf meine Umgebung zu achten – und London so besser kennengelernt. Mein Orientierungssinn ist aber weiter schlecht – Gott sei dank gibt es Google Maps.

Wann bist du das letzte Mal gegen ein Verkehrschild gelaufen, die Augen auf den Boden gerichtet?
Das ist mir noch nie passiert, wirklich. Aber ich habe mich fast selbst an einer gebrauchten Spritze aufgespießt, als ich für ein Foto über den Boden gerobbt bin.

Was ist zuerst da: Ort oder Idee?
Beides ist möglich. Die meisten Ideen habe ich aus den Nachrichten oder wenn ich Leute beobachte. Ich möchte Geschichten konstruieren, Ideen in die Miniaturform pressen, selbst wenn es die nur in meinem Kopf gibt. Manchmal finde ich aber auch einen tollen Ort und überlege mir dann eine Installation dazu. Mein Ideenbuch habe ich immer dabei.

Gibt es Pläne für "Giant People"?
Nein, ich halte die Dinge lieber klein.

In London startete "Reclaim the Streets" – eine Bewegung, bei der Menschen die Stadt als ihren Lebensraum zurückerobern wollten. Wem gehört die Stadt?
Ich finde es interessant, dass es gerade eine große Bewegung gibt, mit Street-Art, Graffiti und Urban Play. Das hängt sicher auch mit dem Internet zusammen: Heute können wir diese faszinierenden Aktionen aus aller Welt betrachten, oft noch vor den Anwohnern. Das fasziniert die Leute, und sie wollen sich in ihrer Umgebung sichtbar machen, ein Zeichen setzen und probieren sich so auch aus.

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Das sind Zeichen. Aber was können die Leute machen, um urbanen Raum zu einer lebenswerten Umwelt zu machen.
Viele Menschen sind faul. Bei ihnen heißt es nicht "Reclaim the Streets", sondern "Claim the Sofa" – erobere die Couch.

Eine Welt im Maßstab 1:87 und du bist der Schöpfer: Wie sieht diese Welt aus?
Diese 1:87-Welt wäre voll von 1:1-Dingen – riesige explodierende Cola-Dosen, marodierende Gangs von Schlägertypen-Ameisen und eine majestätische Brücke über einem Haufen Hundescheiße.

Und deine perfekte Stadt?
Ich schaue heute anders auf die Stadt, mag die heruntergekommenen Viertel. Da gibt es Interessanteres zu entdecken. Ich bin gerne draußen, wenn es ruhig ist und keiner auf den Straßen. Meine perfekte Stadt wäre wohl eine verlassene.

Deine "Little People" waren schon in der London Black Rat Gallery, du veröffentlichst Bücher, und selbst in den"Tagesthemen" gab es ein Porträt über dich. Ernähren dich die "Little People"?
Ja, ich kann mir sogar einen Ferrari leisten – leider nur die 1:87-Version. Es gibt keinen regelmäßigen Lohnscheck wie früher bei meinem Schreibtischjob. Da musste ich mich erst dran gewöhnen.

Banksy hat einen Film gemacht, der deutsche Film "Little Big Berlin" zeigt die Hauptstadt als Modelleisenbahnwelt. Gibt es Pläne für ein "Little Movie"?
Ich arbeite seit mehr als einem Jahr an einem Drehbuch für einen Kurzfilm. Und natürlich wird es darin viele kleine Dinge geben. Ich hoffe, wir starten in diesem Jahr. Leider schreibe ich sehr langsam.

Du möchtest anonym bleiben. Wenn wir schon kein Foto zeigen können, welcher der "Little People" kommt am nächsten an den Menschen hinter Slinkachu?
Auf jeden Fall die melancholischen – das sagt wahrscheinlich viel über mich.

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Interview: Gerd Schild

Eine Auswahl der Bilder der „Little People“ findet sich in dem Buch „Kleine Leute in der großen Stadt“ bei Hoffmann und Campe erschienen, 128 S., 12,95 Euro.

„Little People“ selbst machen

Manchmal genügt ein kleiner Perspektivwechsel, um Überraschendes, Absonderliches oder Skurriles zu entdecken, einen poetisch anmutenden Graffitischriftzug etwa oder eine Blume, die zwischen Pflastersteinenblüht. Nach dem Vorbild des britischen Street-Art-Künstlers Slinkachu könnte aus der unscheinbaren Blume am Straßenrand das phantastische Zuhause einer Fee werden. Inspiriert von den Arbeiten Slinkachus will der Fotowettbewerb der Sparkasse Hannover, der noch bis zum 30. April läuft, den Blick auf den städtischen Raum und das private Umfeld schärfen. Unter dem Motto "Wir schaffen Spielräume" ruft das Geldinstitut Interessierte ab 16 Jahren dazu auf, winzige Spielfiguren so zu fotografieren, dass sie und ihre Umgebung deutlich größer wirken. "Das Große soll im Kleinen erkennbar sein", sagt Dagmar Bennecke von der Sparkasse. "Das Projekt soll neue Perspektiven eröffnen."

Fotografen müssen zwei Bilder einsenden: eine Detailaufnahme, die die „Little People“ in Aktion zeigt, und ein Bild, das die Figuren in einem größeren Umfeld verortet. Die Fotos können auf der Homepage wir-schaffen-spielraeume.de hochgeladen werden. Dort gibt es Tipps und Teilnahmebedingungen zum Wettbewerb.

zish

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