Carsten Niemann

Der Passionierte

Ein nahezu kindlicher Enthusiasmus lebt in Carsten Niemann auf, wenn er über seine Passion, die edlen Trakehner, plaudert. Vielleicht wäre er jetzt Pferdezüchter, wenn es den studierten Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftler nicht vor 15 Jahren ans hannoversche Theatermuseum verschlagen hätte, mit dessen Leitung er seit 1995 betraut ist.

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Seine Liebe zu der kostbaren Pferderasse macht sich selbst in Niemanns Büro, das sich über den Museumsräumen befindet, auf Schritt und Tritt bemerkbar. Überall in dem kleinen, zu gleichen Teilen mit schnöden Akten und schönen Dingen gefüllten Raum finden sich Verweise auf die stolzen Huftiere, sei es in Buch- oder Postkartenform oder als Hintergrundbild auf dem Computermonitor. Die meisten Motive zeigen die fuchsfarbene Trakehnerstute "Annabelle", die sich jahrelang in Besitz von Niemann befand und vor zwei Jahren starb. "Sie war schön und eigenwillig, ein echter Charakter", schwärmt Niemann. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man glauben, er spräche von einer verflossenen Geliebten, nicht von einem Tier. Ein Glück, dass Niemanns Frau Annette, eine Kunstwissenschaftlerin, das Faible ihres Mannes teilt. Sie sitzt ebenso gerne im Sattel wie er. Kinderlos, aber mit zwei Katzen und ihrem neuen Pferd "Beau", einem Halbtrakehner, lebt das Paar in einem im Landhausstil eingerichteten Fachwerkhaus in der Wedemark. Carsten Niemann schätzt das Wohnen im Grünen: "Natur ist etwas Ehrliches, Unverfälschtes. Der perfekte Ausgleich zum schönen Schein der Theaterwelt."
Mit der hat der 45-Jährige tagtäglich zu tun, "montags bis sonntags und prinzipiell rund um die Uhr." Als er vor 13 Jahren die Leitung des Theatermuseums in der Prinzenstraße übernahm, verordnete er der kleinen, aber feinen Institution, die Teil des Staatstheaters Hannover ist, ein frisches, dynamisches Programm. Die ständige Präsentation der museumseigenen Sammlung ließ er nach und nach abbauen, um sein Haus für Wechselausstellungen, Lesungen und das Kindertheater zu öffnen. Längst ist das Museum kein angestaubter Kostümfundus mehr, sondern ein Ort der zugleich spielerischen und wissenschaftlich exakten Auseinandersetzung mit den darstellenden Künsten und ihren Helden von einst und jetzt. Oft beleuchten Niemanns Ausstellungen wenig bekannte Facetten weltberühmter Künstler. So stellte Niemann beispielsweise die journalistischen Arbeiten des Schriftstellers Max Frisch oder das kompositorische Schaffen Alma Mahler-Werfels vor. Manchen zeitgenössischen Star durfte Niemann persönlich im Theatermuseum begrüßen, etwa Mario Adorf, Walter Kempowski, Marcel Reich-Ranicki und zuletzt Johannes Heesters, den er als "ewig jung und grenzenlos freundlich" in Erinnerung behalten wird.

Um zu sehen, wie viel er bislang auf die Beine gestellt hat, muss Niemann nur auf den Postkartenständer neben seinem Schreibtisch schauen. Dort bewahrt der umtriebige Museumsleiter je eine Einladungskarte sämtlicher von ihm organisierten Veranstaltungen auf – es sind gut und gerne 150 Stück.

Da Niemann nur von zwei Teilzeitkräften und einigen ehrenamtlichen Helfern unterstützt wird, muss er schon mal beim Aufbau der Ausstellungen mit anpacken, die eine oder andere Hausmeistertätigkeit übernehmen oder Vitrinen lackieren – Tätigkeiten, mit denen sich die meisten Museumsdirektoren nicht die Finger schmutzig machen würden: „Ich beklage mich absolut nicht darüber“, sagt Niemann, „schließlich machen diese vielfältigen Aufgaben meinen Job erst richtig spannend.“

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Beklagt hat sich Niemann auch nicht, als ihm das von Sparzwängen gebeutelte Staatstheater vor zwei Jahren den Etat drastisch kürzen musste: „Es ging wirklich ums Überleben. Gottseidank zeigten sich viele Künstler und Besucher solidarisch und halfen uns über die ärgste Not hinweg.“ Inzwischen sind die Finanzen des Theatermuseums – und damit auch Niemanns Arbeitsplatz – gesichert. Der umtriebige Museumsmann kann also getrost fortfahren mit seinem ambitionierten Programm.

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