Der Fall Düe

Der Schatz im Amtsgericht

Irgendwo hinter den dicken Mauern des Amtsgerichtes liegt in einem Tresor verborgen ein Schatz. Man weiß nicht so recht, wem der Schatz gehört, und es kann auch keiner sagen, wie viel er heute wert ist. Vor neun Jahren, als der Schatz gefunden wurde, sprach man von 700 000 Mark. Auf diese Summe wurde der Schmuck taxiert, der aus einem der spektakulärsten Verbrechen der hannoverschen Kriminalgeschichte stammt: dem Überfall auf den Juwelier René Düe am 31. Oktober 1981.

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Vor ziemlich genau neun Jahren, es war der Tag nach Pfingsten 2000, trat dann durch die Tür des Polizeireviers Hannover Mitte ein Anwalt aus Hildesheim und präsentierte den Beamten e ine Sensation in elf sorgsam verklebten Päckchen: 10,8 Kilo Schmuck aus dem Düe-Verbrechen, gefunden hinter der Wandverkleidung eines Juweliergeschäfts am Ballhofplatz – in einem Laden, der früher Friedrich Düe, dem Vater von René Düe, gehörte. Entdeckt hatten den Schmuck der Goldschmiedemeister und Nachfolger des Seniors sowie Anja Fennekohl, die den Laden gerade übernehmen und komplett entrümpeln wollte.

Frühmorgens kam die Polizei

Die Goldschmiedin erinnert sich heute mit sehr gemischten Gefühlen an die Tage vor ihrer Geschäftseröffnung. „Wir hatten den Schmuck an den Anwalt übergeben. Was sollten wir mehr tun? Und dann stand plötzlich morgens um sechs die Polizei vor meiner Wohnungstür.“ Die Szene erinnerte deutlich an eine amerikanische Krimiserie. Anja Fennekohl wurde (noch in Unterwäsche) von mehreren Beamten verhört: „Die spielten guter Bulle, böser Bulle. Ich war richtig schockiert. Meine Wohnung wurde durchsucht und auch die meiner Mutter und meines Freundes.“

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Offenbar waren die Ermittler in heller Aufregung und glaubten, das Verbrechen, bei dessen Aufklärung die Polizei nicht immer eine gute Figur gemacht hatte, nach 19 Jahren doch noch enträtseln zu können. Aus Ermittlerkreisen war ein gewisses Frohlocken zu vernehmen: „Es sieht so aus, als wäre die ursprüngliche Fragestellung der Polizei doch richtig gewesen.“ Gemeint war damit ein möglicher Versicherungsbetrug von René Düe. Am Ende war „die ursprüngliche Fragestellung“ dann wohl doch nicht richtig, und der wirklich wertvolle Teil des gestohlenen Geschmeides blieb verschwunden. Weder im Laden am Ballhofplatz noch in den Wohnungen der Beteiligten wurde weiterer Schmuck gefunden.

Schmuck unter der Lupe

Aber nicht nur die Kripo war in Aufregung. Auch Dües Lieferanten wollten ihren Anteil aus dem unverhofft gefundenen Geschmeide. Einer der Schmuckhersteller, die 1981 René Düe beliefert hatten und der nun gleich nach Hannover reiste, war Bernhard Lauer, Goldschmied und Unternehmer aus Pforzheim. Er erinnert sich im Gespräch mit der HAZ: „Wir haben stundenlang dagesessen und jedes der bestimmt 1000 Objekte in die Hand genommen und untersucht.“ In einigen Schmuckstücken fanden sich eindeutige Punzierungen, wie die Goldschmiede den Stempel des Herstellers nennen, in manchen Ketten und Ringen waren die Stempel nicht so eindeutig nachvollziehbar, da reklamierten gleich mehrere Lieferanten ihre Besitzansprüche. Andere Stücke gehörten René Düe und wieder andere waren gar nicht zuzuordnen. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen wegen eines Raubes endgültig ein. Mögliche Betrugsdelikte waren ohnehin verjährt. Die zehn Kilogramm Schmuck wurden von den Ermittlern freigeben, und der Sprecher des Amtsgerichtes sagte 2001 ganz lapidar: „Die Berechtigten müssen sich untereinander einigen.“

„Das Zeug am besten spenden“

Bis heute ist das nicht passiert. Die Rechtspflegerin, die den Schatz im Amtsgericht verwaltet, hat zweimal Schmuck herausgeben dürfen, über dessen Besitz es keinen Streit gab. Ein bis zwei Kilogramm sollen das gewesen sein. Der große Rest liegt immer noch im Tresor, verpackt in kleine Plastikbeutelchen, damit er nicht anläuft und vor allem nicht durcheinander gerät.

Ein Durcheinander herrscht nur bei dem Anmelden von Besitzansprüchen. Die Lieferanten wollen ihren Teil, und den Findern steht einiges zu. René Düe will nichts zurück. Er sitzt heute als Geschäftsführer eines Schmuckateliers auf Sylt und bedauert, dass die letzten Tage so windig und zu kalt waren für die Jahreszeit: „Am besten man spendet das ganze Zeug für die Krebshilfe.“

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Daraus wird wohl nichts werden. Aber die Eigentümer sind nach neun Jahren, in denen viele Anwälte viele Briefe schrieben, auch mit ihrer Geduld am Ende. Wie Bernd Lauer: „Ich bin jetzt 75. Ich will die Sache vom Tisch haben.“ Der alles entscheidende Knackpunkt ist der Wert der knapp acht Kilogramm Restschmuck.

Lauer meint, man könne nur noch über den Materialwert reden. „Die Schmuckstücke sind heute nicht mehr zu verkaufen. Zeitnah zum Fund hätte man vielleicht noch einiges absetzen können. Heute will so etwas keiner mehr. Wir haben schon jüngere Stücke in den Tiegel geworfen.“ Lauer glaubt, dass ein Kilo Schmuck rund 600 Gramm Gold erbrächte. Wenn man je Gramm 25 Euro bekommt, wäre der Schatz im Amtsgericht noch knapp 100 000 Euro wert.

Für Anja Fennekohl wäre das ein enttäuschendes Ergebnis. Als Finderin hätte sie Anspruch auf drei Prozent des Schmuckwertes. Sie hofft aber, dass am Ende wenigstens die Stücke, die keinen Besitzer finden, ihr zufallen: „Man könnte die Steine auslösen und einiges vielleicht umarbeiten und doch noch verkaufen.“ Ob die Hoffnung in Erfüllung geht, wird wohl auch vom Geschick der Anwälte abhängen. Das Gesetz sieht grundsätzlich wohl eine andere Lösung vor: Wenn kein Besitzer gefunden wird, bleiben die Plastikbeutel 30 Jahre im Tresor des Amtsgerichtes liegen, dann fallen sie an den Staat. Der könnte sie dann vielleicht schon wieder als Antiquität verkaufen.

Der Fall Düe war auch ein Justizskandal

Der Postzusteller L. fand am 31. Oktober 1981 den Juwelier René Düe bewusstlos in seinem Geschäft am Kröpcke. Im ersten Stock saß, ebenfalls bewusstlos und mit Klebeband an einen Stuhl geschnürt, Dües Mutter Lydia. Aus dem Geschäft war Schmuck im Wert von insgesamt 13 Millionen Mark verschwunden. Der Juwelier hatte eine große Ausstellung geplant und 300 Kunden und Freunde zur Eröffnung eingeladen. Düe behauptete, zwei Männer hätten ihn überfallen.

Oberstaatsanwalt Klaus Ramberg glaubte ihm nicht und führte dafür einige Gründe an: unter anderem die Schulden, die den Juwelier erheblich drückten, und die Tatsache, dass Düe neun Monate nach dem Überfall 15 Schmuckstücke, die angeblich geraubt worden waren, selbst in einem Bremer Hotelsafe deponierte. Die dritte Große Strafkammer verurteilte den Juwelier schließlich zu sieben Jahren Freiheitsstrafe. Mit dem Ruf „Dieser Prozess ist ein Skandal, aber bei dem korrupten Gericht war kein anderes Ergebnis zu erwarten“ ließ sich Düe noch vor der Urteilsbegründung abführen.

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Er war nicht der Einzige, der erhebliche Kritik an diesem Strafverfahren hatte, bei dem diverse Ermittler ins Zwielicht gerieten. Die Mannheimer Versicherung hatte einen Detektiv mit Namen „Claude“ engagiert, der sich später als der Agent Werner Mauss entpuppte. Er versuchte mit abenteuerlichen Tricks, den Juwelier aufs Kreuz zu legen, lud dessen Schwager Achim Busse nach Australien ein und lockte ihn später gemeinsam mit Düe auf eine mit versteckten Mikrofonen gespickte Jacht nach Südfrankreich. Mauss durfte im Prozess dann in einem abgesperrten Raum über Mikrofon aussagen. Dües Anwalt, Elmar Brehm, enttarnte „Claude“ später als bezahlten Versicherungsspitzel und erwirkte die höchstrichterliche Entscheidung, dass eine abgeschottete Vernehmung von V-Männern in einem Strafprozess nicht statthaft ist.

Nach der Urteilsverkündung begann ein Untersuchungsausschuss damit, die Zusammenarbeit der niedersächsischen Polizei mit Mauss zu durchleuchten. Der Bundesgerichtshof hob am 2. November 1984 das Urteil gegen Düe auf und verwies das neue Verfahren nach Braunschweig. Danach begann ein zäher Kampf des Juweliers, der ihm eine Reihe juristischer Erfolge bescherte: 1984 wurde er aus der Haft entlassen, 1987 begann der zweite Prozess. Staatsanwalt und Gericht hielten „Claude“ alias Mauss jetzt für unglaubwürdig, und die falschen Zeugen der Polizei kippten der Reihe nach um.

Am 13. März 1989 wurde René Düe in allen Punkten freigesprochen und vollständig rehabilitiert. Er bekam rund zwei Millionen Mark Haftentschädigung, die er aber an Gläubiger weiterreichen musste.

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