Wann Beleidigtsein krankhaft wird

Die beleidigte Leberwurst

Er will zum Wandern mit seinem Freund in die Vogesen fahren. Ein bisschen Zeit für sich selbst haben. In der Natur klare Gedanken fassen, auf den Gipfeln der französischen Berge die eigene Mitte finden. Mit einem Buch von Paulo Coelho im Rucksack will er sich eine Auszeit nehmen. Tobias sieht sich bereits wie Caspar David Friedrich an nebelumwobenen Klippen stehen.

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Die Gesichtszüge seiner Freundin verhärten sich, als er ihr von den Plänen erzählt. Sie stellt das Glas auf den Tisch, atmet noch einmal tief durch, als versuche sie, das zu verhindern, was nun unweigerlich folgen wird. Ihre Stimme erhebt sich, wird lauter. Dann schreit sie ihn an. Wie er ihr das antun könne, will sie wissen. Er steht reglos neben

ihr, blickt sie ungläubig an. "Caro", sagt er vorsichtig. "Das muss doch jetzt nicht sein." Sie schnaubt nur noch mehr vor Wut, ihre Worte überschlagen sich. Dann fliegt der erste Porzellanteller. Er verlässt wortlos die Wohnung.
Nun steht sie allein in der Küche, blickt auf den Scherbenhaufen. "So ein unsensibler Arsch", denkt sie. Und gießt sich einen Espresso ein. Dann beginnt sich das Gedankenkarussell in ihrem Kopf zu drehen. Sie einfach so vor vollendete Tatsachen zu stellen, ohne diese dämliche Selbstfindungsesoterikreise vorher mit ihr abzustimmen. Das sieht ihm ähnlich. Und überhaupt, sie zwischen Frühstückskaffee und Arbeit abzugreifen. Nach dem Motto "Ach ja, und übrigens, ich fahr' dann mal weg."

Wenn in der kleinen Altbauwohnung von Tobias und Caro das Porzellan fliegt, geht es nicht um den vermeintlich schlecht gewählten Zeitpunkt oder um die Art, wie er ihr von seinen Reiseplänen erzählt. Wenn in Freundschaften, Beziehungen oder der Familie jemand beleidigt ist, dann ist der Auslöser oft nicht der wahre Grund für heftige Gefühlsausbrüche. Stefan Röpke, Psychiater an der Charité Berlin, glaubt, dass das Beleidigtsein häufig gar nichts mit dem Gegenüber zu tun hat. „Wichtig ist dann, sich zu fragen: Warum bin ich beleidigt? Ist es vielleicht das Gefühl, nichts zu taugen?“ Einen Mangel an Selbstbewusstsein versuche man häufig mit Wut zu kompensieren. Auch Verlustängste seien oft dafür verantwortlich, dass man übermäßig beleidigt sei. Auslöser könnten auch Situationen sein, in denen Ereignisse etwa aus der Kindheit wieder präsent werden. Dies könne eine Zurückweisung durch Eltern oder Geschwister sein oder auch der Verlust von wichtigen Menschen.

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„Den Teller mochte ich eigentlich“, denkt Caro und schüttelt innerlich mit dem Kopf. Dann greift sie zum Telefon und ruft ihre Freundin an. Natürlich gibt die ihr recht. Die Freundin erklärt ihr nicht, dass ihr Wutanfall unverhältnismäßig und übertrieben war. Sie fragt auch nicht, ob hinter dem Ausraster eigentlich etwas anderes steckt. Etwas, das tiefer geht. Und etwas, das auch Caro kennt, eigentlich.

Da gibt es eine depressive Mutter, einen Vater, der zu viel trinkt. Sie sucht die Stabilität, die sie als Kind vermisste, nun in ihrer Beziehung. Sie erwartet einen Freund, der sie aufbaut, der für sie da ist, der ihre eigenen Unzulänglichkeiten ausgleicht. Eigentlich hätte die Freundin sagen sollen: „Du verlangst zu viel von ihm. Das kann er nicht leisten.“ Stattdessen sagt sie: „Ja, der ist echt unsensibel.“

Aber es gibt sie eben, diese unausgesprochenen Erwartungen in einer Beziehung, gerade in einer Liebesbeziehung. Es ist nicht das erste Mal, dass Caro sich von Tobias überrumpelt gefühlt hat, und es ist auch nicht der erste Porzellanteller aus Omas Service, den sie gegen die Wand geschleudert hat. Die Situation endet dann meist damit, dass Tobias sich die Schuhe anzieht und durch den Stadtpark marschiert, während sie sich nutzlos und alleingelassen vorkommt und sich über ihren unsensiblen Freund ärgert. Dabei hat Tobias eigentlich alles richtig gemacht.

„Wenn eine Situation zu eskalieren droht, sollte man das Ganze abkühlen lassen“, sagt Röpke. Man sollte Abstand gewinnen, Zeit vergehen lassen und ruhig darüber nachdenken, erklärt er. Langfristig könne es auch helfen, sich stärker eigenen Interessen zu widmen, Hobbys wieder neu für sich zu entdecken. „Positive Erfahrungen stärken das eigene Selbstwertgefühl“, sagt Röpke. Das gebe einem Kraft, das nächste Mal gelassener in so einer Situation zu bleiben.

Caro betrachtet die Scherben mit dem Blümchenmuster. „Das nächste Mal nehme ich das billige Geschirr“, denkt sie und muss bei dem Gedanken schmunzeln. Trotzdem, er hätte doch in der Lage sein müssen, ihre Situation richtig einzuschätzen. Gebetsmühlenartig hatte sie ihm immer wieder davon erzählt, dass sie überfordert ist mit ihrem Studium, dass sie nicht weiß, wie sie es weiter finanzieren soll. Da kommt ihr ein Freund, der auf den Bergen auf der Suche nach sich selbst wandelt, gerade recht.

Ein zerbrochener Porzellanteller kann mehr sein als das Ende eines banalen Wutanfalls. Wenn die Betroffenen sich selbst nicht mehr wiedererkennen, sich solche Situationen ständig wiederholen und für alle Beteiligten zur Belastung werden, dann sollte man über professionelle Hilfe nachdenken. „Das Beleidigtsein kann sich in krankhaften Fällen nach innen kehren“, sagt Röpke, der sich an der Charité auch mit krankhaftem Narzissmus beschäftigt. Selbsthass, Scham, suizidale Gedanken, aber auch autoaggressive Erkrankungen wie Essstörungen oder Borderline-Syndrom können die Folge sein. Auch nach außen gewandte Aggressionen seien keine Seltenheit.

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Caro kniet sich auf den Dielenboden. Sie sammelt die Scherben des feinen Porzellans auf. Stärke hatte sie durch ihr Auftreten demonstrieren wollen. Und dabei von ihren Schwächen abgelenkt.

Tobias fährt zwei Wochen später in die Vogesen. Caro bleibt zu Hause. Eigentlich hatte sie ihm noch sagen wollen, dass sie ihn braucht, dass er nicht nach Frankreich fahren soll. Aber sie hatte es einfach nicht über die Lippen gebracht. Tobias’ Selbstfindungsreise endet nach drei Wochen. Als er zurück ist, gehen sie gemeinsam essen. Sie sprechen über den Streit vor der Abreise, reden viel, wollen jetzt einiges anders machen und sich mehr Freiräume geben. Ob das funktioniert, wird die Zeit zeigen. Caro jedenfalls will sich jetzt auch eine Auszeit nehmen.

Stefanie Nickel und Gerd Schild

Flucht: Ein Blind Date zum Gruseln

Ein Treffen mit einer Onlinebekanntschaft aus der Singlebörse – immer ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. In einer Bar in der Innenstadt hockt ein Typ, den ich schon mit "heute umsonst hergekommen" abstempele, als ich ihn nur sehe. Blass, schüchtern, hässliche Klamotten, oh nein. Dann der Hammer: Nach 20 Minuten "Und du so?"-Pflichtkonversation eröffnet er mir, dass er jetzt wegmüsse. "Ich muss einer Freundin beim Umzug helfen, die geht auf Krücken", erklärt er mit hängenden Schultern. "Na und?", belle ich. "Warum bist du dann überhaupt gekommen? Es ist Winter, ich bin extra wegen dir aus Springe hierhergefahren, das sind hin und zurück mit Fußweg zwei Stunden", motze ich. "Ich dachte, wenn ich erst mal komme und dir dann alles erkläre, wärst du nicht sauer," sagt er. Falsch gedacht, Loser, denke ich. "Bist du jetzt sauer?", fragt er. Hat der eine Ahnung. Eigentlich werfe ich gern mit Tellern und presse in Diskussionen mein Streitgegenüber so lange aus, bis der letzte Tropfen Lebensenergie versiegt ist. Doch für diesen Typen sind mir Porzellan und Spucke zu schade. Er will gehen? Na warte! Ich raffe meine Sachen zusammen, murmele etwas und haue ab. Ich bin ihm zuvorgekommen, Überlegenheit und Triumph machen sich in mir breit. Sieg! Wir haben uns nie wieder gesehen, dem habe ich's gegeben. von Sabrina Mazzola

Rache: Ein Reisender auf Abwegen

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Sommer in Deutschland. Es ist warm, es ist schön, es ist WM – und es ist mein Geburtstag. Alle meine Freunde sind da und feiern mit mir. Fast alle. Denn mein bester Freund reist derweil durch Neuseeland. Dort ist Winter, ein milder Winter, die Landschaft ist weit und die Strände sind sicher atemberaubend. Sowieso ist alles neu und aufregend für den kleinen Weltenbummler. Während wir also in Hannover auf meinen Geburtstag anstoßen und der deutschen Mannschaft gegen Australien die Daumen drücken, sitzt mein bester Freund um drei Uhr morgens in Wellington ebenfalls vorm Fernseher und schaut sich das Spiel an. Vielleicht denkt er dabei auch ans Surfen, an die netten Mädels im Hostel oder an das Lagerfeuer am Meer – an meinen Geburtstag jedenfalls denkt er nicht. Mich hat er einfach vergessen. Ich bin wütend. Am nächsten Tag klingelt das Telefon. Sorry, Fußball, er hatte ja wirklich vorgehabt anzurufen. Hat er aber eben nicht. Ich lege den Hörer auf, bin sauer, will Rache. Ein paar Wochen vergehen, bis ein Entschuldigungsbrief eintrudelt. Es tut ihm scheinbar wirklich leid, und ich merke, dass die Rachegedanken verschwinden. Einen Monat später hat er dann Geburtstag. Ich vergesse ihn. Mein Unterbewusstsein ist scheinbar nicht so nachsichtig wie ich. von Melanie Kindler

Schmollen: Ein Plan zum Vergessen


Wir waren schon lange nicht mehr im Schwimmbad. Tanzen wäre auch mal wieder schön. Während ich auf meinen Freund warte, mache ich Pläne für unser gemeinsames Wochenende. Wir haben uns in den vergangenen Tagen kaum gesehen, umso mehr freue ich mich, ihn wieder für mich zu haben. Es klingelt, mein Freund steht im Türrahmen. Gerade will ich ihm meine Pläne, unsere Pläne, vortragen, da kommt er mir zuvor: "Ach übrigens, am Sonnabend feiert Tim Geburtstag und Sonntag wollte Max zum Zocken vorbeikommen. Das wird bestimmt witzig." Mein Lächeln gefriert. Wie bitte? Ich komme nicht einmal in seiner Wochenendplanung vor? Und wer ist eigentlich Tim? "Hört sich ja toll an", sage ich, und mache mir keine Mühe, den Sarkasmus zu verbergen. Mein Freund schaut mich verdutzt an, dann scheint ihm schließlich doch noch etwas einzufallen: "Hör mal, wenn du willst, können wir ja Freitagabend ausgehen." Ich bin immer noch beleidigt, aber Freitag ist besser als gar nichts. Der Abend ist dann sogar ganz lustig, und zeitweise vergesse ich, dass ich in seiner Wochenendplanung nur am Rand vorkomme. Doch immer wenn ich daran denke, fühle ich mich einsam. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Das bittere Gefühl der Enttäuschung bleibt bis Montag, als er erzählt, dass die Party blöd war und der Computerspielsonntag im Streit endete. "Nächstes Wochenende unternehmen wir etwas zusammen", sagt er, und ich bin zufrieden. von Isabel Christian

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