Historische Altstadt

Die Leineinsel steht Modell

Die ersten Gebäude des Altstadt-Leineufers sind fertig: Modellbauer Wilhelm Freiherr von Wechmar in seiner Laatzener Werkstatt, im Hintergrund ein Modell der abgerissenen Garnisonskirche. Steiner

Die ersten Gebäude des Altstadt-Leineufers sind fertig: Modellbauer Wilhelm Freiherr von Wechmar in seiner Laatzener Werkstatt, im Hintergrund ein Modell der abgerissenen Garnisonskirche.

Hannover. Die Bilder stammen aus einem anderen Jahrtausend, aber noch gibt es viele Hannoveraner, die sich daran erinnern können: Wo heute die Nanas im sanft geschwungenen Grün des Leineufers ihre Verrenkungen machen, da stand bis vor ziemlich genau 70 Jahren dichte Fachwerkbebauung. Und wo heute der Parkplatz des Flohmarkts am Leibnizufer liegt, befand sich einst die Leineinsel der Altstadt, deren Häuser nach dem Krieg abgerissen und deren südlicher Leinearm zugeschüttet wurde. Heute wäre dieser dem Straßenbau geopferte Innenstadtbereich ein touristisches Kleinod. Um die Erinnerung wachzuhalten, lässt der Verein für Hannoversche Stadtbaukultur von dem Laatzener Wilhelm Freiherr von Wechmar ein Stadtmodell nachbauen - keine Konkurrenz zu den Modellen im Rathaus, aber vielleicht eine Ergänzung.

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Hannover ist mit seinen innerstädtischen Leineufern lange Zeit stiefmütterlich umgegangen. Erst als andere Städte längst den Wert von Wasser in der Stadt erkannt hatten und mit Wassergastronomien, Bootstouren und aufgehübschten Uferpromenaden neue Anreize schufen, bezog Hannover die Leine als Attraktion wieder in seine Planungen mit ein. Beim Planerwettbewerb City2020 setzte sich vor zwei Jahren zwar eine Rekonstruktion der Leineinsel nicht durch, wohl aber als Siegerentwurf des Büros KSW der Bau einer prominenten Furtbrücke und endlich wieder Gebäude beidseitig der Altstadt-Leine. Schon bald sollen zudem neue Wohnhäuser am Hohen Ufer entstehen, und zwar auf dem Grundstück der ehemaligen Hauptschule. Und auch für das Ufergrundstück des Marstalls ist laut City-2020-Wettbewerb ein Bauwerk vorgesehen. Es gibt also die Chance, dass die Leine wieder stärker in den Fokus des innerstädtischen Wohnens und Arbeitens rückt.

Dass all das eine Vorgeschichte hat, soll möglichst bald im großformatigen Modell sichtbar sein. „Den Plan, solch ein Modell zu bauen, hatte ich schon lange - der Verein kam mir mit seinem Wunsch daher entgegen“, sagt von Wechmar. Er hat bereits zahlreiche Gebäudemodelle gebaut, vielfach für Städte in Ostdeutschland, aber für Hannover auch schon die alte Wasserkunst, die einst am Leineschloss (heute: Landtag) stand, oder die ebenfalls nach dem Krieg abgerissene Garnisonskirche, die demnächst Teil einer Ausstellung werden soll. Normalerweise baut von Wechmar im Maßstab 1:50, „aber das würde für dieses Modell wohl zu groß werden“, sagt der 79-Jährige. 1:100 wird es diesmal sein, und auch so wird das Modell wohl rund vier mal zwei Meter groß werden. Es zeigt den Abschnitt der innenstädtischen Leine zwischen Landtag (von dem nur eine Ecke sichtbar sein soll) über die Brücke Schlossstraße und die Marstallbrücke bis zur alten London-Schänke.

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Ein erstes Haus ist bereits komplett fertig, es stand einst an der Marstallbrücke. Von einem weiteren stehen die Umfassungsmauern, von einem dritten eine Wand - es ist eben alles Handarbeit, die Fertigstellung ist frühestens für Sommer 2013 geplant.

Auch wenn die Erinnerung vieles verklärt: Das kleine Fachwerkdorf der Leine­insel mag in unseren heutigen Augen possierlich wirken, bis zur Zerstörung war es aber natürlich ein dreckiger Innenstadtbereich. Dicht an dicht standen die Häuser, es gab kaum Grün, sondern nur triste Höfe, und wie damals üblich waren dem Wasser eher die Gebäuderückseiten zugewandt: Stadtflüsse waren faktisch stinkende Abwasserkanäle, in denen sich die Ausflüsse von Industrien und Handwerksbetrieben mit der Kloake der Haushalte mischten. Aber immerhin war es ein dicht belebter Bereich: Wo sich heute nur wenig Spaziergänger verirren, lebten einst Hunderte Familien zwischen Altstadt und Calenberger Neustadt.

Als Hannover nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wieder aufgebaut wurde, beschloss der Rat auf Empfehlung des Stadtbaurats Rudolf Hillebrecht, die Leineinsel zu schleifen, das Flussufer zu begrünen und eine große, autogerechte Schneise zwischen Altstadt und Calenberger Neustadt zu legen. Bilder des HAZ-Fotografen Wilhelm Hauschild zeugen davon, wie der Leinearm vor dem heutigen Hauptstaatsarchiv Schubkarre für Schubkarre zugeschüttet wurde, sodass von der einstigen Insel nichts mehr zu sehen ist.

Auch von der London-Schänke, einem zum Armenhaus umgebauten ehemaligen Hotel, das einst an der Marstallbrücke stand, ist nichts mehr übrig. Genauso sind der „Fleischerscharren“ (Vorläufer des Schlachthofs) in unmittelbarer Nachbarschaft und die Mühlen, an die heute nur noch der Kneipenname „Klickmühle“ erinnert, nur mehr Geschichte. All das soll in dem Stadtmodell wieder aufleben und dann möglichst in der Innenstadt gezeigt werden.

Fotos gesucht: Zur Rekonstruktion des Modells suchen von Wechmar und der Verein dringend historische Fotos aus Privatbesitz, die anschließend wieder zurückgegeben werden. Kontakt ist möglich über Wilhelm Freiherr von Wechmar unter Telefon (0511) 821112.

Das Leineufer früher und heute

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An der alten Pferdeschwemme führt noch heute am Flohmarkt ein Weg hinunter zum Wasser. Hier wurden früher die Pferde aus dem königlichen Marstall (und andere wohl auch) zum Wasser geführt. Die Pferde konnten unten an der Rampe saufen oder im Fluss vom Straßenstaub gesäubert werden. Auch wenn das Ufer an dieser Stelle hoch ist, ist der Fluss selbst ziemlich flach – hier war immer eine Furt. Im linken Bild sieht man, dass Reiter nicht einmal absitzen mussten. Im Hintergrund beider Bilder ist die Marstallbrücke zu erkennen. Die Überraschung an dem historischen Bild aber ist das (linke) Südufer der Altstadtleine. Wand an Wand, Fachwerk an Fachwerk stehen dort Gebäude. Viele von ihnen fielen dem Bombenkrieg zum Opfer, die Feuersbrünste müssen in den engen Gassen ein Inferno gewesen sein. Einige Häuser, die den Krieg überstanden, wurden später abgetragen und als Teil der „Traditionsinsel“ in der Altstadt wieder aufgebaut.

Die alte Mauer am Flohmarktparkplatz ist das einzige, was von der alten Leineinsel noch zu sehen ist (jeweils rechts im Bild). Früher standen auf der Insel noch Häuser mit Erkern über dem Fluss. Hinter der Mauer verbergen sich die (heute zugeschütteten) Keller der Inselgebäude, die Türen und Fenster zum Fluss sind nur notdürftig zugemauert. Links in den Bildern ist eine Ecke des Kavalierflügels des von Laves umgebauten Leineschlosses (heute: Landtag) zu sehen. Über die Brücke führt die Schlossstraße. Die alte Inselmauer ist heute in einem erbarmungswürdigen Zustand, immer wieder brechen Steine heraus und fallen in den Fluss. Kein Schild weist darauf hin, dass sie eins der ältesten erhaltenen Stücke der hannoverschen Altstadtgeschichte darstellt. Für Kajakfahrer ist die Durchfahrt zur Wasserkunst am Landtag wegen der Einsturzgefahr bereits verboten. Die Stadt hat die Sanierung des Gemäuers immer wieder verschoben, jetzt ist sie für 2013 eingeplant.

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