Stenografen kämpfen gegen Bedeutungslosigkeit

Die Schnellschreiber

Foto: "Ich habe nichts gegen moderne Sachen": Brigitte Kardel wundert sich, dass keiner mehr Steno lernen will.

"Ich habe nichts gegen moderne Sachen": Brigitte Kardel wundert sich, dass keiner mehr Steno lernen will.

Hannover. Bernd Busemann hat Volker Heuer manchmal kräftig ins Schwitzen gebracht. Wenn der ehemalige Kultus- und spätere Justizminister richtig in Fahrt kam, flogen die Kringel und Bögen nur so auf Heuers Papier. Heuer hatte kaum Zeit, aufzublicken, so schnell sprach Busemann. Auf bis zu 400 Silben pro Minute brachte der CDU-Politiker es. Busemann war bei Heuer und seinen Kollegen als Minister ein gefürchteter Redner.

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Volker Heuer ist Landtagsstenograf. Seit über 30 Jahren sitzt der 51-Jährige im Niedersächsischen Landtag und schreibt mit, was andere sagen. Das hat er in den achtziger Jahren schon bei Ernst Albrecht und später bei Gerhard Schröder, Sigmar Gabriel und Christian Wulff gemacht. „Schröder hat immer viel von ‚machen’ gesprochen“, sagt Heuer. Die Politiker kommen und gehen. Heuer bleibt.

Die Landtagsstenografen sind die stillen Schnellschreiber in den Plenarsitzungen. Heuer und seine acht Kollegen protokollieren minutiös, wer, wann, was gesagt hat. Dabei entgeht ihnen kaum etwas. Zehn Minuten dauert eine Einheit bei den Plenarsitzungen. Dann wird der Stenograf von einem Kollegen abgelöst. Er eilt in sein Büro, überträgt die Kurz- in Langschrift und kehrt zurück in den Plenarsaal.

„Das, was ich in den Sitzungen mache, kann kein Computer leisten“, sagt Heuer. Er lehnt sich bei diesen Worten zurück in seinen Sessel, verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Dann erzählt Heuer davon, dass er nicht nur die Wortbeiträge protokolliert. Er notiert Zwischenrufe, Beifallsbekundungen und Buhrufe. Gestik und Mimik fließen bisweilen ein in das Protokoll. Heuer bessert Versprecher aus, schleift Grammatik, wenn nötig, und weiß ironische Formulierungen einzuordnen. „In meinem Kopf entsteht ein plastisches Bild einer Debatte“, sagt Heuer. „Das unterscheidet mich von einer Maschine.“

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Heute gilt das Parlament als letztes Refugium der Stenografen. Über die Jahre hat die Technik den Stenoblock in immer mehr Bereichen abgelöst. Computer, Diktiergeräte und Kameras verdrängten in Gerichtssälen, Universitäten und Unternehmen die Fertigkeiten der Schnellschreiber.

Brigitte Kardel, 76 Jahre alt, versteht angesichts dieser Entwicklung die Welt nicht mehr. Kardel ist seit über 30 Jahren Vorsitzende der Stenografischen Gesellschaft Hannover, die ihren Sitz in Döhren hat. „Ich habe nichts gegen moderne Sachen“, sagt sie. „Aber ich begreife nicht, warum keiner mehr Steno lernen will.“ Kardel überlegt kurz und schiebt dann hinterher: „Ich war eine der ersten, die eine Spülmaschine hatte.“

Als Kardel Mitte der fünfziger Jahre in die Stenografische Gesellschaft eintrat, arbeitete sie als Sekretärin in der Auslandsabteilung bei Pelikan. Sie schrieb Rechnungen, machte Bestellungen und setzte Briefe auf - alles auf französisch. Kardel beherrscht die Kurzschrift nicht nur auf deutsch, sondern auch auf englisch und französisch. „Im Büro zu arbeiten und nicht im Verein zu sein, war damals undenkbar“, sagt Kardel.

Zu seinen Hochzeiten zählte der Verein 5000 Mitglieder. Jeden Abend gab es Kurse, bis zu 40 Schüler drängten sich an die Tische. Die Zeiten sind längst vorbei. Heute kämpft der Verein mit der Bedeutungslosigkeit. Die Stenografische Gesellschaft zählt noch 80 Mitglieder - Aktive gibt es kaum noch. Mühsam kratzt die Vereinsvorsitzende Kardel die Teilnehmer für ihre Kurse zusammen. In dem Stenokursus für Anfänger, den sie einmal wöchentlich gibt, sitzen gerade einmal drei Schüler. Die Stenografische Gesellschaft feiert in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen. Wie lang es sie noch geben wird, ist unklar.

Wer Stenografie lernen will, muss Zeit investieren. In der Kurzschrift werden ganze Wörter in Kürzel verwandelt, die auswendig gelernt werden müssen wie Vokabeln. Ein Stenograf lässt Vokale weg, verzichtet auf Groß- und Kleinschreibung. Wer mitschreiben will, wenn andere Menschen reden, muss drei bis vier Jahre pauken. Dann bringt er es auf 250 Silben pro Minute. Das entspricht Redegeschwindigkeit.

Parlamentsstenograf Heuer brachte es bei einer Deutschen Meisterschaft einmal auf 475 Silben in der Minute - und gewann mit dieser Leistung den Wettbewerb. „So schnell können Sie gar nicht sprechen, wie ich damals geschrieben habe“, sagt er. Selbst der Diktant habe vor der Meisterschaft trainieren müssen, den Text so schnell vorzutragen. Bei heftigen Wortgefechten im Parlament hängt Heuer niemand so schnell ab.

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Als Heuer in den Stenografenverein in Braunschweig eintrat, war er 13 Jahre alt. Er und seine fünf Freunde standen in den Kursen 50 Sekretärinnen gegenüber. Heuer erzählt das mit einem Schmunzeln. Der Landtagsstenograf lernte seine Frau im Verein kennen.

„Heute lernt keiner mehr Stenografie“, sagt Heuer. Er weiß wovon er spricht. Erst kürzlich wurde ein wesentliches Einstellungskriterium für Landtagsstenografen, fallen gelassen. Die angehenden Landtagsstenografen müssen zwar noch immer Abitur und einen Hochschulabschluss vorweisen, Stenografie müssen sie nicht mehr beherrschen. Die Nachwuchskräfte verlassen sich heute auf die Maschinen.

„Stenografie ist wohl eine aussterbende Kunst“, sagt Heuer. Er nimmt es mit Humor. „Immerhin kann ich meinen Einkaufszettel in Steno schreiben.“

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