Bombenexplosion

Drei Mitarbeiter der Polizei Hannover in Göttingen tödlich verletzt

Die Druckwelle war noch an der Nordsee zu spüren, als Sprengmeister Thomas Gesk am 30. Juni 2003 um 15.23 Uhr in Anderten auf den Knopf drückte und die 36-Zentner-Bombe zur Explosion brachte. Es war eine der größten Luftminen, die je in Hannover gefunden wurden. Ein Foto von damals zeigt, wie sich Sprengmeister Gesk nach der kontrollierten Zündung des Blindgängers in Ruhe eine Zigarre ansteckt. Bereits nach dem ersten kräftigen Zug scheint die extreme Anspannung der vergangenen Stunden von ihm abzufallen.

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Das Rauch-Ritual wurde zu seinem Markenzeichen. Immer wenn der Mitarbeiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes einen besonders kniffligen Zünder an einem Blindgänger unschädlich gemacht hatte, griff er zur Zigarre. Gelegenheit dazu bot sich dem gelernten Maler und Lackierer reichlich. Um die 650 bis 700 Sprengkörper hat der 52-Jährige seit dem Beginn seiner Tätigkeit als Sprengmeister bei der Zentralen Polizeidirektion (ZPD) Hannover im Jahr 1990 entschärft. Die genaue Anzahl der Einsätze in den Akten nachzuschlagen, dazu sahen sich seine Kollegen gestern nicht mehr in der Lage. Zu groß ist die Bestürzung in der ZPD an der Tannenbergallee über die Nachricht, die am Dienstagabend aus Göttingen kam: Thomas Gesk ist bei den Vorbereitungen zur Entschärfung einer mit einem Säurezünder ausgestatteten Fliegerbombe tödlich verletzt worden. Die Detonation des Blindgängers auf dem Schützenplatz riss außerdem Gesks langjährigen Kollegen, den 55-jährigen Sprengmeister Gerd Ehler, und den 38 Jahre alten Vorarbeiter Torsten E. mit in den Tod. Sechs weitere Kollegen wurden durch umherfliegende Bombensplitter zum Teil schwer verletzt.

Doch die Betroffenheit über den Tod der Entschärfer geht weit über die Grenzen Hannovers hinaus. Die Polizei erreichten bereits Kondolenzschreiben von Kollegen aus Frankreich, Spanien und den USA. Gerd Ehlers und Thomas Gesks Rat war international gefragt – egal, ob es dabei um kleinformatige Flak-Munition oder die gewaltigen HC-4000-Sprengkörper – im Volksmund gerne als „Wohnblock-Knacker“ bezeichnet – ging. Keinen ihrer Aufträge nahmen die Männer jemals auf die leichte Schulter. „Für mich ist es jedes Mal das erste Mal. Wenn man zu locker rangeht, kann es gefährlich werden“, erklärte Thomas Gesk einmal. Um so überraschender kam im Frühjahr 2006 die Nachricht, dass Gesk fristlos aus der Abteilung Kampfmittelbeseitigung entlassen worden war. Dem damaligen ZPD-Präsidenten Alfred Soetbeer waren anonym Fotos von einem Einsatz in Osnabrück zugespielt worden.

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Sie belegten damals angeblich, dass Gesk zwei Unbefugten die Anwesenheit bei einer Bombenentschärfung gestattet hatte. Soetbeer bezeichnete dies als einen „eklatanten Verstoß gegen Sicherheitsbestimmungen“ und warf den Sprengmeister kurzerhand hinaus. Thomas Gesk jedoch bestritt die Vorwürfe vehement und setzte sich gerichtlich zur Wehr. Es kam zu einem Vergleich. Gesk wurde wieder eingestellt, jedoch nicht als Sprengmeister, sondern in untergeordneter Funktion eines „Munitionsfacharbeiters“. Seine Vorgesetzten sicherten ihm jedoch zu, eine Bewährungschance zu erhalten, um dann wieder dem Beruf des Sprengmeisters nachgehen zu können. Diese Chance eröffnete sich dem damals 48-Jährigen viel schneller als erwartet. Als im Januar 2007 im ehemaligen Kamelgehege im Zoo Hannover ein Blindgänger entdeckt wurde, war Eile geboten. Da jedoch alle Sprengmeister der ZPD gerade mit anderen Aufgaben betraut waren, reaktivierte der ZPD-Präsident kurzerhand den Geschassten – und Thomas Gesk hatte seinen Job zurück.

Angst, so erzählte Thomas Gesk, der auch als Taucher bei der Marine und später als Fallschirmspringer tätig war, bevor er in den Polizeidienst wechselte, Angst habe er in all den Jahren nie verspürt. Auch seine Familie, seine Frau und die beiden Kinder, mit denen er in Munster in der Lüneburger Heide lebte, hätten sich an seine Arbeit gewöhnt. „Nur die Kollegen sagen nach kritischen Momenten, sie sähen mir die Anspannung im Gesicht an.“

Aus Respekt vor den Toten von Göttingen hat die Polizei angeordnet, dass alle Streifenwagen bis zur Beisetzung mit Trauerflor bestückt werden. In Abstimmung mit den Familienangehörigen soll entschieden werden, ob es auch bei der ZPD eine Gedenkfeier für die Opfer geben wird. Das Polizeimusikkorps Niedersachsen hat ein für heute geplantes Konzert auf dem Expo-Gelände abgesagt. Ob das Sommerfest der Zentralen Polizeidirektion am 17. Juni stattfinden wird, ist noch nicht entschieden.

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