Nach den Vorwürfen

Ein Blick hinter die Kulissen im „Sea Life“

Foto: 
Die Rochen mögen am liebsten Fleisch in Form von Seelachshappen.

Die Rochen mögen am liebsten Fleisch in Form von Seelachshappen.

Hannover. In Jojos Augen spiegelt sich der Rochen. Amutig schwebt er durch das Wasser auf die Dreijährige zu. Unwillkürlich presst sie ihre Hand gegen die Acrylglasscheibe. Nur die knapp fünf Zentimeter Kunststoff trennen das Mädchen jetzt noch von dem Meerestier. Dicht gleitet es an der Scheibe hinauf, beschreibt einen Bogen und ist ein paar Flossenschläge später schon wieder zwischen anderen Fischen verschwunden. Fasziniert blickt ihm Jojo hinterher und reagiert nicht einmal, als ihre Mutter ruft.

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Doch nicht jeder steht der Haltung von Fischen in Aquarium wohlwollend gegenüber. Die Tierschutzorganisation PETA warf dem „Sea Life“ Hannover kürzlich vor, 4000 Tiere innerhalb der vergangenen fünf Jahre „verloren“ zu haben. So groß sei der Unterschied zwischen der Bestandsliste und den Angaben über verstorbene und weitergegebene Tiere. Das Aquarium wies die Anschuldigungen zurück, es gebe keine Hinweise darauf, dass die Sterblichkeitsrate der Tiere in den Becken höher sei als in der Natur. Bei einem Besuch im „Sea Life“ Hannover zeigt sich, wie leicht ein Fisch der Statistik entwischen kann.

Man merkt deutlich, dass Ferien sind. Kinder wuseln durch die Gänge, drücken ihre Nasen an die Aquarienscheiben und zerren die Eltern kreuz und quer durch die Gänge, um ihnen besonders schöne Tiere zu zeigen. Sechs Jahre sind vergangen, seit das „Sea Life“, das zur gleichnamigen Aquarienkette der britischen Merlin Entertainment Group gehört, seine Pforten im einstigen Regenwaldhaus geöffnet hat. Zu Beginn war der Ansturm so riesig, dass die Besucher bis zu zwei Stunden auf den Einlass warten mussten. Heute geht es schneller, doch zur Öffnungszeit um 10 Uhr bildet sich trotzdem eine kleine Schlange am Eingang. Offizielle Besucherzahlen für Hannover gibt es nicht, das Unternehmen veröffentlicht nur die Gesamtzahl für alle 39 Aquarien in Europa und den USA. Demnach wollten rund 15 Millionen Menschen im vergangenen Jahr die Meerestiere sehen.

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Im „Sea Life“ Hannover leben zurzeit rund 3500 Tiere, 160 Arten sind zu sehen. Ein paar davon sind heimische Fische, die auch in der Leine leben. „Man muss den Leuten ja zeigen, was in den Gewässern vor ihrer Haustür so schwimmt“, sagt David Garcia. Er ist der Technisch-Biologische Leiter der Aquaristik und damit hauptverantwortlich für die Lebewesen in den 37 Aquarienbecken. Im ersten Becken gleich hinter dem Eingang zieht ein Karpfen seine Kreise. Er stammt aber nicht aus dem Maschsee, sondern von einem Züchter. „Dessen Fische landen entweder auf dem Teller oder bei uns“, witzelt Garcia.

Der überwiegende Teil des  „Sea Life“ zeigt die Wasserlandschaft des südamerikanischen Amazonasgebietes, der Karibik und des Pazifiks. Da gibt es bunte Clownfische – alte Bekannte, wenn man den Animationsfilm „Findet Nemo“ gesehen hat. Aber auch kleine Haie, Seepferdchen und sogar eine Meeresschildkröte ziehen im Salzwasser ihre Bahnen. Die Schildkröte heißt Oscar und hat eine Vorliebe für Broccoli. Mit einer Plastikzange reicht Pfleger Garcia Oscar kleine Gemüsestücke ins Wasser. Gierig schnappt die Schildkröte danach und hält Ausschau nach mehr. Die Besucher können Garcia nicht sehen, denn der gläserne Tunnel, in dem sie Oscar und seine Mitbewohner beobachten, liegt komplett unter der Wasseroberfläche.

Bei den Rochen dagegen können sie zuschauen, wie Pflegerin Dina Sündermann die Fischstücke ins Becken wirft. „Man mag es nicht glauben, aber Fische haben auch ein Zeitgefühl“, erklärt sie. „Die wissen genau, dass ich gegen 11 Uhr mit dem Frühstück komme.“ In der Tat herrscht schon Aufruhr im Becken, obwohl von Sündermann noch nichts zu sehen ist. Als sie dann aber den grünen Plastikkoffer auf die Balustrade stellt, flitzen gleich noch ein paar mehr Fische aus den Felsnischen.

Die Bewohner des „Sea Life“ bekommen kein Streufutter, wie man es aus der Zoohandlung kennt, sondern richtigen Fisch. In großen Eistruhen und Kühlschränken lagern beutelweise Sardinen, Muscheln, Garnelen und Seelachsfilets. Ein süßlich durchdringender Fischgeruch schlägt jedem entgegen, der den Raum betritt, in dem Garcia und seine Kollegen das Futter vorbereiten. „Wir füttern immer zu, damit die Fische, obwohl sie sich normalerweise verstehen, nicht plötzlich zu Fressfeinden werden“, sagt er.

Nur selten hat ein Fisch ein Becken ganz für sich allein. Meist leben mehrere Arten in einem Aquarium. Weil es hübscher anzuschauen ist. Und weil sich ein kleines Ökosystem bildet. So leben etwa Putzerfische bei den Korallen, weil sie deren Parasiten fressen. Das Ökosystem mag auch ein Grund für den großen Unterschied zwischen der Bestandsliste und der Sterberate des „Sea Life“ sein. „Wir kontrollieren jeden Morgen, ob tote Tiere im Wasser treiben“, sagt Garcia. Aber so viel Zeit lassen sich die anderen Beckenmitbewohner in der Regel nicht, um den Kadaver zu verspeisen. Ein stiller Tod, unbemerkt von jeder Statistik.

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Nicht einmal Garcia kann genau sagen, wie viele Tiere zurzeit im „Sea Life“ leben. Jedes Jahr im Frühjahr veranstaltet das Aquarium eine große Inventur und lädt Schulklassen zum Mitzählen ein. Doch auch viele Augen sehen nicht jedes Tier. Alle Exemplare für den Zensus aus dem Becken zu fischen ist keine Option. Entweder macht man ein Foto, oder es setzt sich eben jemand eine Weile vor die Aquariumscheibe und zählt. Dopplungen und Übersehen inbegriffen.

Den Großteil seiner Fische bekommt das Sea Life aus der Zentrale in Großbritannien, aus anderen Aquarien oder von Fischern. Hieran nehmen Tierschützer immer wieder Anstoß, weil ihrer Meinung nach die Tiere häufig beim Fang zu Tode kommen. Deshalb betont Garcia, dass das „Sea Life“ nur von zertifizierten Fischern kaufe, die von Umweltverbänden akzeptiert würden. Manche Fischbestände züchtet „Sea Life“ in Hannover auch selbst. Ein Bambushaipaar etwa, das in der Rochenlagune lebt, sorgt ständig für Nachwuchs. Dieser wird an andere Aquarien oder Zoos abgegeben. Denn für mehr als zwei Bambushaie ist kein Platz, außerdem droht Inzucht.

Manche Tiere werden aber auch gezüchtet, um später in die Natur entlassen zu werden. Ein Sumpfschildkrötenpaar etwa soll in Zukunft am Steinhuder Meer wohnen. Diese Art ist dort vor Jahren ausgestorben. „Ich finde es gut, dass sich „Sea Life“ für bedrohte Arten einsetzt“, sagt Besucherin Miriam Reißnauer. „Bei dem Gedanken fällt es einem weniger schwer, das teure Eintrittsgeld zu bezahlen.“

von Isabel Christian

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