"Monte Müllo"

Ein Paradies - auf Müll gebettet

Alles unter Kontrolle: Claudia Seyert nimmt am Berg Bodenproben für anschließende Labortests.

Alles unter Kontrolle: Claudia Seyert nimmt am Berg Bodenproben für anschließende Labortests.

Hannover. Wenn man oben auf der Mülldeponie in Hannover-Lahe steht und hinüber zum Nordberg blickt, sieht man klare Kante. Jedenfalls hätte das so vermutlich der Politiker Franz Müntefering gesagt. „Der Fachausdruck heißt lineare Profilierung“, sagt Beate Vielhaber. Als Chefin der Bauplanung beim Abfallzweckverband aha ist sie zuständig für die Rekultivierung des ersten Teils der Deponie am Altwarmbüchener See - gemessen am bewegten Bodenvolumen das größte Projekt, das Hannover derzeit zu bieten hat. Lineare Profilierung heißt: Der einstige Müllberg bekommt eine klare Kontur mit einer Neigung von 37 Prozent. Seine Hänge werden von Wiesen bedeckt sein, aber nicht von Bäumen. Deren Wurzeln würden den Unterbau zerstören.

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Autofahrer, die regelmäßig auf der Moorautobahn am Gelände vorbeifahren, sehen derzeit andere Farben als früher. Die Flanke ist mal braun, mal schwarz, mal weiß und mal grau. Untenrum ist schon alles grün. Auf der zum Altwarmbüchener See gelegenen Seite lässt sich schon der Endzustand bewundern. Hier wachsen roter Wiesenklee, gelber Hornklee, Schafgarbe und andere Wiesenpflanzen, Insekten schwirren herum, darüber rüttelt ein Falke. Kaum zu glauben, dass unter der Oberfläche Dreck und Müll aus 70 Jahren hannoverscher Stadtgeschichte liegen. Seit der Jahrtausendwende ist der Berg nicht mehr gewachsen. Was die Menschen wegwerfen, wird jetzt verwertet oder in Müllöfen verbrannt.

Auf der Südseite lassen sich derzeit die einzelnen Arbeitsschritte erkennen. Eine graue, sandige Gasdränschicht bedeckt noch große Flächen. Am linken Rand haben Vorarbeiter Hans-Hermann Liese und seine Kollegen von der Bückeburger Spezialfirma Naue Sealing weiße Vliese mit einem Tonpulver namens Bentonit ausgelegt. Darüber ziehen sie jetzt Bahnen aus pechschwarzem Kunststoff, versehen mit leichten Noppen. „Das wird rutschfest“, sagt Liese - die spätere Auflage soll sich ja nicht irgendwann nach unten verabschieden. Daneben liegt schon Kies bereit, dieser wird die spätere Entwässerungsschicht bilden. Weiter oben sind sie schon weiter. Hier leuchtet der Berg gelblich-braun, es ist Sand mit Schluffanteilen. Darauf kommt noch die Mutterbodenschicht, und dann kann es endgültig grün werden.

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Manchmal lässt sich riechen, warum aha überhaupt diesen Aufwand betreibt. Dann steigt einem ein leicht fauliger Geruch mit scharfem Beiklang in die Nase. „Das ist Methangas mit chemischen Spurenstoffen“, sagt Vielhaber. Die genaue Zusammensetzung des Geruchscocktails aus dem Berginneren lässt sich nicht bestimmen. Die Deponie ist zu Zeiten entstanden, als mit dem Begriff Mülltrennung noch ausschließlich Fachleute und Ökoenthusiasten hantierten. „Hier ist außer Industrie- und Sonderabfällen alles durcheinander geworfen worden“, sagt Vielhaber. Auf so eine Idee würde heute niemand mehr kommen, schon gar nicht darauf, den Müllberg ausgerechnet am Rande eines Moores aufzuhäufen.

Weil das so war, dauert das Projekt übrigens nun bis 2017 und damit zwei Jahre länger als geplant. Auf 350 Metern Länge mussten die Arbeiter eine Stützmauer errichten. Sie soll die Gefahr bannen, dass Teile der steilen Nordflanke ins Moor rutschen. Und warum das alles? „Wir lassen den Berg ausbluten“, sagt Vielhaber. Von oben soll kein Regenwasser mehr nachkommen und Schadstoffe auswaschen, die ins Grundwasser gelangen. Dieses Sickerwasser läuft übrigens, das haben Untersuchungen ergeben, nicht Richtung Altwarmbüchener See, sondern entgegengesetzt. Außerdem passiert es eine Reinigungsanlage. Zweiter Effekt ist, dass die Gase durch die Kunststoffbarriere nicht mehr aus dem Berg gelangen können.

An dessen Flanke kniet Claudia Seyfert, Diplom-Geologin vom Braunschweiger Büro ICP, und wirkt mit ihrer Handschaufel, ihrem Hammer und den Plastikbeuteln etwas verloren vor der Kulisse der schweren Baumaschinen nebenan. „Wir nehmen Proben, heute waren es schon neun“, sagt sie. Im Labor wird dann getestet, ob das eingebaute Material den Anforderungen an Qualität und mechanische Eigenschaften entspricht. Wenn man bedenkt, wie achtlos die Menschen hier jahrzehntelang vorgegangen sind, ist der Aufwand ziemlich hoch. „Das Ganze muss 100 Jahre halten“, sagt Vielhaber. Dann soll der Berg sich komplett stabilisiert haben und im Inneren zur Ruhe gekommen sein.

Der Berg als Ausflugsziel

Vom „Monte Müllo“, wie der Nordberg auch genannt wird, hat man einen wunderbaren Ausblick auf Hannover; bei schönem Wetter reicht der Blick sogar bis zum Harz mit dem Brocken. Als aha in der Vergangenheit zum Regionsentdeckertag Besucher auf den Gipfel ließ, war das regelmäßig ein Publikumsmagnet. Derartiges soll auch in Zukunft möglich sein. Ein Wanderweg ist schon in Teilen fertig. Allerdings kann aha wegen des Betriebs im benachbarten Abfallbehandlungszentrum den Berg nicht uneingeschränkt für die Öffentlichkeit freigeben. Fest steht auch, dass die ehemalige Müllhalde ein kleines Naturparadies wird. Seltene Arten wie Zauneidechse oder Neuntöter werden eine Heimat finden. „Ansonsten gibt es viele Ideen. Wir haben noch drei Jahre Zeit, um herauszufinden, welche umsetzbar und sinnvoll sind“, sagt aha-Sprecherin Helene Herich. Darüber, ähnlich wie am Kronsberg einen Schäfer mit seinen Tieren auf das Gelände zu lassen, hat man nachgedacht, auch über Kultur-, und Freizeitveranstaltungen wie Rodeln im Winter oder Seifenkistenrennen im Sommer. Eine weitere Variante: „Auf ehemaligen Deponien, die ähnlich steil sind wie unsere, sind Windenergie- und Fotovoltaikanlagen errichtet worden“, sagt Herich.

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