Glaubensfrage

Evangelikale Gruppen haben auch in Hannover Zulauf

Seinen jüngsten Triumph bewahrt sich Pastor Jochen Röhnsch für das Ende auf. Zuvor erzählt der 59-Jährige von der Kanzel des Gemeinderaums herab vom großen Wandel in seinem Leben. Davon, wie er als Jugendlicher nach Hannover kam und hier den Gefahren der Großstadt erlag. Wie er sich Alkohol, Autos und Müßiggang hingab, einem „linkslastigen Leben“.

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Dann aber hatte er einen Unfall, symbolischerweise auf der Rückfahrt von einer Vergnügungstour mit einem Freund, Röhnsch war dem Tode nah. Dass er wieder genas, daran billigt er den Ärzten jedoch nur beiläufigen Anteil zu: „Gott hat eingegriffen, das Wunder steht vor Ihnen“, ruft er in den Saal, um zum Ende seiner Predigt wieder in den raunenden, beschwörenden Ton zu verfallen, das suggestive Zeichen, dass etwas Besonderes folgt. Von der Begegnung mit einer Frau muslimischen Glaubens berichtet er, einer Iranerin, die mit Freunden in seine Gemeinde kam. Er habe sie das christliche Glaubensbekenntnis sprechen lassen, „mit mulmigem Gefühl“, wie er sagt. „Aber dann haben wir die Muslima getauft, Halleluja!“ Aus Röhnschs Stimme spricht Zufriedenheit.

Röhnsch ist Prediger von „Christus für Hannover“, einer Gemeinde, die zur Evangelischen Allianz gehört. Dieses Netzwerk evangelikaler Gruppen ist sonst kaum sichtbar, in dieser Woche jedoch tritt es mit zahlreichen Veranstaltungen in die Öffentlichkeit. Noch bis Sonntag, bis zum Abschlussgottesdienst in der Marktkirche, treffen sich die bibeltreuen Protestanten während der Gebetswoche der Allianz zu gemeinsamen Aktionen oder ziehen betend durch die Stadt – und mit ihnen die Kontroversen, die sie stets begleiten.

Weltweit gehören die evangelikalen Christen zu den am stärksten wachsenden religiösen Gruppen. Während die großen christlichen Kirchen hierzulande Kirchen abreißen müssen, verzeichnen die Freikirchler vor allem in Afrika und den USA gewaltigen Zulauf. In Hannover zählen rund 30 Gruppen zur Evangelischen Allianz, 2500 bis 3000 Menschen kommen hier jedes Wochenende in die Gottesdienste. Doch bei allem Erfolg sind die bibeltreuen Christen umstritten – zum Beispiel wegen ihrer Haltung zur Evolutionslehre, zum Islam oder zur Homosexualität.

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Äußerlich pflegen viele Gemeinden eine betont lockere Form. Es ist Mittwochnachmittag, in der Elim-Gemeinde an der Podbielskistraße bereiten Pastor Johannes Justus und Thomas Bittmann vom Christlichen Zentrum den Gebetsabend vor. „Damit es der Stadt gut geht“ heißt das Motto. Für Obdachlose und Ausländer, Politiker und Wirtschaftslenker wollen sie sich an Gott wenden. Im Gemeindesaal hat die Band der Gemeinde schon das Schlagzeug aufgebaut, gebetet wird auch im Café der Gemeinde im Untergeschoss. E-Gitarre statt Orgel, flexibler Ablauf statt traditioneller Liturgie, persönliche Erlebnisse statt abstrakter Predigtinhalte: „Wir und die Landeskirche haben die gleiche Basis“, sagt Bittmann, „aber wir verpacken es anders.“

Das Weltbild hinter der modernen Fassade ist häufig jedoch ein sehr konservatives. Beispiel Homosexualität: „Bei uns ist jeder willkommen. Unsere Aufgabe ist, die Menschen zu lieben“, erklärt Pastor Justus. Doch mit dem Gewährenlassen tut er sich offenbar schwer. Wenn ein Homosexueller in seine Gemeinde kommt? „Dann bete ich für ihn, dass er frei wird davon.“

Eine Haltung, die Jürgen Schnare, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der hannoverschen Landeskirche, als typisch bezeichnet für eine Reihe von Gruppen aus dem evangelikalen Spektrum auch in Hannover. Die strikte Fixierung auf den Wortlaut der Bibel, das Ziel auch unter Muslimen und Juden zu missionieren, eine autoritäre Grundhaltung, all dies sei hier ebenfalls zu finden.

Anders als in anderen Teilen der Welt sei die Zahl der Anhänger evangelikaler Gruppen hier nicht steigend, meint Schnare. Die Prinzipien einiger Gruppen hält er jedoch im Extremfall für schädlich: „Für Menschen, die ihnen distanzlos folgen, können sie gefährlich werden.“ Beispiel Krankheiten: In Gottesdiensten wird oft um Heilung gebetet und von bemerkenswerten Heilungserfahrungen durch Gottes Eingreifen gesprochen. „Da kann der Eindruck aufkommen, man bräuchte nicht mehr zum Arzt zu gehen“, kritisiert Schnare. Pastoren wie Justus und Bittmann halten dagegen, dass sie sehr wohl zum Besuch von Medizinern raten: „Beides schließt sich nicht aus“, erklärt Justus. Schnare ist jedoch skeptisch: „Indirekt wird da häufig ein anderer Eindruck vermittelt – und Krankheit als Zeichen von Schuld und mangelndem Glauben interpretiert.“ Auch die Fixierung auf einzelne charismatische Predigerfiguren hält Schnare für problematisch: „Da können Abhängigkeiten entstehen.“

Das Spektrum der Bibeltreuen innerhalb der Evangelischen Allianz ist jedoch keineswegs einheitlich – es umfasst auch etablierte freikirchliche Gemeinden wie die Baptisten oder die Landeskirchliche Gemeinschaft in der Edenstraße, die auch Mitglied der hannoverschen Landeskirche ist und evangelikalen Gruppen fernsteht. Wenn dann Röhnsch, Pastor der erlebnisorientierten „Christus für Hannover“-Gemeinde, in der Landeskirchlichen Gemeinschaft predigt, wie am Sonntag zu Beginn der Gebetswoche geschehen, werden die Differenzen sichtbar. Die Konzentration auf persönliche Erlebnisse geht manchem hier zu weit. „Ich wünsche mir, bei aller Glaubhaftigkeit des Pastors, mehr Predigt aus der Bibel“, sagt zum Beispiel Christel Reuter, Mitglied der Landeskirchlichen Gemeinschaft. Doch zugleich spricht das Engagement der Evangelischen Allianz auch viele Mitglieder traditioneller evangelischer Gemeinden an. Annerose Hasenpusch ist in der Zachäusgemeinde in Burg beheimatet – und mit dabei, als sich am Montagabend zwei Dutzend Gläubige zum Gebetszug durch die Stadt treffen. Sie beten im Rathaus für eine bessere finanzielle Lage der Stadt, vor der Marktkirche für die Gemeinden – und am Steintor für Prostituierte und Drogenabhängige. Bekleidet mit Handschuhen, Stirnbändern und dicken Jacken stehen sie in Sichtweite der grellen Leuchtreklamen. „Wir beten, dass Du die Menschen freisetzt aus den Klauen von Sucht und Abhängigkeit“, spricht Markus Häßlein, Vorsitzender der Evangelischen Allianz, mit gesenktem Kopf in die kalte Luft.

„Wir Christen müssen zusammenhalten, gerade in diesen schwierigen Zeiten“, sagt Hasenpusch – und will über die Grenzen von Landeskirchen und freien Gemeinden das Gemeinsame betont wissen, trotz aller Differenzen. Elim-Pastor Justus jedenfalls ist überzeugt, dass von den Freikirchen wichtige Impulse ausgehen: „Die Kirchen“, sagt er, „werden sich für uns öffnen müssen.“

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