Landgericht Hannover

„Familienrichter leben gefährlicher“

Am Landgericht sehen die Wachtmeister am Monitor, ob Besucher gefährliche Gegenstände im Gepäck haben - wie auf dem Foto links gesammelt. Die Sicherheitsschleuse (r.) gibt es noch nicht lange. Im Notfall können Amtsrichter einen Alarmknopf betätigen (o.).

Am Landgericht sehen die Wachtmeister am Monitor, ob Besucher gefährliche Gegenstände im Gepäck haben - wie auf dem Foto links gesammelt. Die Sicherheitsschleuse (r.) gibt es noch nicht lange. Im Notfall können Amtsrichter einen Alarmknopf betätigen (o.).

Hannover. Jüngst wurde bei einer Einlasskontrolle im Landgericht Hannover ein 46-Jähriger gestellt, der einen Revolver und 50 Schuss Munition bei sich trug. Niemand kam zu Schaden, wahrscheinlich war der Mann sogar harmlos - doch es hätte auch anders kommen können. Etliche Richter von Amts- und Landgericht können von Situationen berichten, in denen ihnen mulmig wurde.

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Im Juni erst versuchten Familienangehörige eines 17-jährigen Angeklagten, diesen aus einem Saal des Amtsgerichts zu befreien. Der Versuch misslang, doch wurde ein Wachtmeister dabei erheblich verletzt. „In einer meiner Verhandlungen ist ein Zeuge ausgeklinkt und hat mich bedrängt, weil ich seinen Bruder Jahre zuvor ins Gefängnis gebracht hatte - was mir aufgrund unterschiedlicher Namen nicht klar war“, erzählt der Vorsitzende einer Strafkammer.

Eine Strafrichterin musste aufgrund persönlicher Drohungen Polizeischutz in Anspruch nehmen. Und eine Amtsrichterin berichtet, dass sie in ihrem Dienstzimmer von einer - offenbar verwirrten - Frau aufgesucht wurde, die einen Gegenstand unter ihrem T-Shirt zu verstecken schien: „Da wurde mir schon angst und bange.“

Tödliche Attacken gab es in niedersächsischen Gerichtssälen noch nicht, in anderen Amtsstuben dagegen schon. So wurde im Frühjahr 2013 der Hamelner Landrat Rüdiger Butte von einem Rentner in seinem Büro erschossen. Butte hatte gegen den 74-Jährigen ein Bußgeld von 1000 Euro verhängt, weil dieser sich weigerte, einen Zaun einzureißen. Behördenmitarbeitern in Sozial- oder Arbeitsämtern kann es passieren, dass sie von Besuchern beschimpft und geschlagen werden, Finanzbeamte werden mit Schmäh- oder Drohbriefen bedacht. 2011 wurde eine junge hannoversche Staatsanwältin von einem psychisch kranken Mann zu Boden geworfen und minutenlang gewürgt - allerdings nicht in einem Gerichtssaal, sondern im Eingangsbereich eines Gebäudes am Volgersweg.

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Fürchten Richter und Staatsanwälte nun allesamt um ihr Leben? Fragt man reihum, zeigen sich die meisten eher entspannt. „Ich habe mich an meinem Arbeitsplatz noch nie unsicher gefühlt und noch keine wirklich bedrohliche Situation erlebt, höchstens unwillige Angeklagte“, konstatiert Richter Rainer Gundlach. „Bei problematischen Fällen hole ich mir einen Wachtmeister in den Gerichtssaal, aber Angst habe ich noch nie gehabt“, schließt sich Amtsrichter Reinhard Wiehe an. Auch einem Chirurgen oder einem Psychiater könne es passieren, dass unzufriedene Patienten Drohungen ausstoßen - aber damit müsse man leben. Ein Zivilrichter, ebenfalls eher robuster Natur, formuliert es so: „Als Lkw-Fahrer würde ich mehr um mein Leben fürchten denn als Richter.“

Einig sind sich Juristen, dass es nicht die Strafrichter sind, die auf der Bedrohungsskala ganz oben stehen. „Familienrichter leben gefährlicher“, weiß Staatsanwalt Clemens Eimterbäumer. Wenn es um das Sorgerecht für die Tochter geht, wenn dem Vater der Umgang mit dem Sohn verboten wird - dann kochen die Emotionen oft hoch. Sehr hoch. Und dann werden neben dem Ehepartner auch gerne gegnerische Anwälte oder Richter beschimpft, beleidigt und mit wüsten Drohungen bedacht. Die meisten getöteten Richter in Deutschland, so Amtsrichter Jens Buck, waren Familienrichter. Und so gibt es auch in Hannover Juristen, die ihren Türgriff durch einen Knauf ersetzt haben, die zunächst durch einen Spion spähen, bevor sie ihre Tür öffnen. Zudem existieren in vielen Dienstzimmern und Gerichtssälen Alarmknöpfe.

Am Landgericht sind strenge Einlassüberprüfungen die Regel, am Amtsgericht gibt es - neben Sichtkontrollen und stichprobenartigen Durchsuchungen - nur zweimal pro Monat Vollkontrollen. „Wir haben aber auch deutlich mehr Publikum, zwischen 2000 und 4000 Leute pro Tag“, erläutert Präsident Gerd Vogel. Würden die Wachtmeister jeden Tag streng kontrollieren, auch die Besucher von Rechtsantragsstelle, Grundbuch- und Nachlassgericht, würden sich bei der derzeitigen baulichen Situation schnell lange Schlange bilden. „Die Justiz muss für Bürger aber ohne große Hindernisse erreichbar sein“, meint Vogel.

2325 Hieb- und Stichwaffen wurden 2014 von den Justizwachtmeistern am Eingang des Amtsgerichts konfisziert, dazu zählen allerdings auch Nagelfeilen, Scheren und kleine Taschenmesser. Beruhigend wirken solche Zahlen nicht. Nach Ansicht des Präsidenten sind ständige Vollkontrollen aber nur möglich, wenn eine zweite „Scannerstraße“ eingerichtet wird - und das Land entsprechend mehr Wachtmeister einstellt. „Auch die Einbeziehung privater Sicherheitsdienste könnte sinnvoll sein“, so Vogel. Als mögliche Vorstufe intensiverer Besucher-Überprüfungen soll 2016 in einem Vorraum des Eingangsbereichs ein Infostand installiert werden, wo Mitarbeiter Fragen beantworten oder Schriftstücke entgegennehmen - dann müssen nicht mehr so viele Menschen in die Tiefen des Gerichts vordringen.

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