Missbrauchsfall in Garbsen

Festnahme bringt Erleichterung

Hier wurde der 5-Jährige aus Garbsen entführt.

Hier wurde der 5-Jährige aus Garbsen entführt.

Hannover. Wer im Garbsener Kronsbergviertel etwas zu bereden, zu feiern oder zu beklagen hat, findet sich am besten im Verwolf ein. Die Kneipe in der Straße Neuer Landweg, die ihren Namen nicht einer Rechtschreibschwäche verdankt, sondern sich aus den Vornamen der beiden Wirtsleute Vera und Wolfgang zusammensetzt, ist Treffpunkt für die Menschen in diesem Teil von Berenbostel. Dort wird Tacheles geredet, die Öffnungszeiten sind nach hinten variabel, und Bier gibt es entweder in großen oder in kleinen Flaschen.

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An diesem Donnerstag steht Michael Prusiecki mit einigen Bekannten am selbst gezimmerten Tresen der Gaststätte. An diesem verregneten Nachmittag haben sie etwas zu feiern. Eine monatelange Last ist ihnen heute genommen worden, denn der Polizei ist es gelungen, den Kriminalfall aufzuklären, der seit dem Sommer die Gespräche im Verwolf dominiert hat. Die Ermittler haben einen Tatverdächtigen festgenommen, der im August den fünfjährigen Enkel von Prusiecki nur wenige Meter von der Gaststätte entfernt am helllichten Tag in ein Auto gelockt, den Jungen mit einer Flüssigkeit betäubt und ihn in seiner Wohnung in der List missbraucht haben soll. „Wir sind erleichtert, dass die Ungewissheit endlich ein Ende hat“, sagt der 45-Jährige. Doch bei aller Freude über den Ermittlungserfolg gibt es einen Umstand, den sie einfach nicht begreifen können im Verwolf: „Ich hätte mir alles Mögliche vorstellen können, aber nie im Leben habe ich damit gerechnet, dass ein Kinderarzt zu so etwas fähig sein soll. Wenigstens wissen wir jetzt, wie er an das Betäubungsmittel kommen konnte“, sagt Prusiecki.

Am Dienstag hat die Polizei in Augsburg den 39-jährigen Mediziner Harry S. unter dringendem Tatverdacht des sexuellen Missbrauchs an Kindern in mindestens vier Fällen festgenommen. Er sitzt in Untersuchungshaft und schweigt. Seit September 2013 arbeitete er auf der Kinderintensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover.

Der Garbsener Fall wiegt am schwersten

Der Garbsener Fall, der ihm angelastet wird, wiegt am schwersten. Nach der Entführung und dem Missbrauch des Jungen in seiner Wohnung in der Lister Straße setzte er den völlig verstörten Fünfjährigen an der Weimarer Allee in Vahrenheide wieder aus und fuhr mit seinem Geländewagen davon. Zeugen kümmerten sich um den Jungen und schalteten die Polizei ein. Die Menschen im Kronsbergviertel traf die Nachricht wie ein Schlag. "Wir haben unsere Kinder nicht mehr alleine auf die Straße gelassen", sagt Anwohnerin Stefanie Gramm. "Die meisten von uns haben Kinder", sagt ein Anwohner. Zeitweise drohte die Stimmung in dem Viertel sogar zu kippen. Es verbreiteten sich Gerüchte, ein junger Mann aus der Siedlung habe etwas mit dem Fall zu tun. Anwohner schlossen sich zusammen, um die Sache auf ihre Weise zu regeln. Die Polizei musste den jungen Mann, gegen den zu keinem Zeitpunkt offizielle Ermittlungen geführt wurden, vor Angriffen schützen.

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Auch Michael Prusiecki konnte in den Tagen nach der Tat nicht still zu Hause sitzen. „Ich bin in der Gegend herum gefahren, manchmal war sogar mein Enkel bei mir, wir haben nach irgendwelchen Anhaltspunkten gesucht, um der Polizei zu helfen“, sagt er. Die Ermittlungsgruppe „Puky“, die nach dem Hersteller des Kinderfahrrads benannt wurde, das der Täter in Berenbostel zurückließ, erfuhr auch über die Bemühungen des Großvaters hinaus große Unterstützung aus der Bevölkerung. 40 Zeugenhinweise gingen bei den Polizisten ein. Insgesamt verfolgten die Fahnder 300 Spuren in dem Fall.

Heute geht es dem Fünfjährigen zum Glück wieder gut. „Äußerlich merkt man ihm nicht an, was er durchgemacht hat“, sagt Großvater Prusiecki. Er ist in Behandlung und entwickelt sich gut. „Es kann sein, dass er von der Sache selbst gar nicht so viel mitbekommen hat, weil ihm ja das Betäubungsmittel verabreicht wurde“, sagt der 45-Jährige. Die Psychologen können aber auch nicht ausschließen, dass der Junge die Geschehnisse bislang erfolgreich verdrängt und alles erst zu einem späteren Zeitpunkt wieder an die Oberfläche kommt. „Wir hoffen nur, dass der Verdächtige auch tatsächlich seine gerechte Strafe bekommt“, sagt einer aus der Runde im Verwolf.

Dann fordert er eine Runde Kümmerling für alle.

Mediziner verhielt sich bei der Arbeit unauffällig

Der mutmaßliche Kinderschänder Harry S. arbeitet seit September 2013 in der Kinderintensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) als Assistenzarzt. Dort habe es in der gesamten Zeit seiner Tätigkeit weder Hinweise auf seine Neigung noch Beschwerden über seine Arbeit gegeben, und zwar „weder von Eltern, Kindern noch aus dem Team“, wie es in einer Mitteilung der MHH heißt. Auch in seinem Wohnumfeld in der List wird S. als eher unauffällig, aber stets freundlich beschrieben.

Der heute 39-Jährige hat an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Medizin studiert. Seit Januar 2011 ist er in unterschiedlichen Positionen am Augsburger Klinikum tätig gewesen. Nebenbei engagierte er sich ehrenamtlich beim Bayerischen Roten Kreuz. In der Kinderklinik in Augsburg soll er zuletzt Assistenzarzt in der Funktion eines Oberarztes gewesen sein. Das Augsburger Klinikum wollte sich gestern zu Fragen im Zusammenhang mit dem Fall nicht äußern. „Er war als Mitglied eines Teams auf der Intensivstation tätig, insofern bestand keinerlei Möglichkeit, dass er über einen längeren Zeitraum mit einem Patienten alleine war“, teilte eine Sprecherin des Klinikums lediglich mit. Zu keinem Zeitpunkt hätten die Mitarbeiter oder die Eltern von Patienten irgendeinen Verdacht gegen den heute 39-Jährigen gehegt. Im Gegenteil. Bekam die Klinik Anfragen von Journalisten zu Reportagen über den Alltag auf der Kinderstation oder zu speziellen Phänomenen wie dem Komatrinken bei Jugendlichen oder Brandverletzungen bei Kindern, stellte die Klinik Harry S. den Reportern gern als Ansprechpartner zur Verfügung.

Von dem Wechsel nach Hannover soll sich Harry S. neue Erfahrungen und dadurch einen Karriereschub erhofft haben, da in einer Uni-Klinik wie der MHH naturgemäß andere Fälle behandelt werden als in einem gewöhnlichen Krankenhaus. Vor seiner Einstellung hatte er, wie in solchen Fällen üblich, ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen müssen. Darin waren keine Einträge verzeichnet.

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