Am Scheideweg

Flucht vor der Zwangsehe

Die verbotene Liebe: Nina und Alex müssen aufpassen, wo sie sich zusammen zeigen – denn ihre Liebe entspricht nicht der Tradition von Ninas Familie.

Die verbotene Liebe: Nina und Alex müssen aufpassen, wo sie sich zusammen zeigen – denn ihre Liebe entspricht nicht der Tradition von Ninas Familie.

Hannover. Ninas* Handy klingelt. Sie liegt auf dem Sofa bei ihrem Freund Alex* und guckt ihn zögernd an. Er zuckt mit den Achseln. Nach dem fünften Klingeln drückt sie die grüne Annahmetaste. ,,Komm sofort nach Hause, oder ich bringe mich um!“ tönt es aus dem Hörer. Geschockt legt sie auf, ohne ein Wort zu ihrer Mutter zu sagen. Tränen kullern über ihre Wangen. Aus Verzweiflung und aus Wut. Die 20-Jährige will nicht nach Hause, denn sie hat Angst. Angst um ihren Freund und Angst um sich selbst. Angst vor ihrem Vater.

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Ninas Familie flüchtete im Vorfeld des Länderkriegs zwischen Kosovo und Serbien vor 18 Jahren aus dem Kosovo nach Deutschland. Sie haben sich scheinbar integriert, sprechen gut deutsch, besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit, arbeiten hier, haben deutsche Freunde. Nina hat hier ihr Abitur gemacht und arbeitet nun auf 400-Euro-Basis als Verkäuferin. Dennoch ist ihren Eltern die albanische Tradition heilig. Und die besagt, dass Nina einen Albaner heiraten muss, ihre Eltern wollten ihn aussuchen.

Doch vor eineinhalb Jahren verliebte Nina sich in den 20-jährigen Deutsch-Russen Alex. Ein Jahr lang hielten sie ihre Beziehung geheim. Wenn sie sich sehen wollten, erfand Nina Ausreden, erzählte ihren Eltern, sie übernachte bei einer ihrer Freundinnen. Die waren stets informiert und wussten, was sie zu sagen hatten, falls mal ein kontrollierender Anruf der Eltern kam. „Ich habe so oft überlegt, ob ich meinem Vater davon erzähle, aber ich habe mich nie getraut“, sagt Nina.

Ihr Plan geht auf, bis Ninas Vater eines Tages ihr Handy kontrolliert und ihre Nachrichten liest. Er erfährt von Alex, rastet aus, beleidigt sie als „Schlampe“ und stellt sie vor ein Ultimatum: Entweder Alex oder die Familie. Entscheidet sich Nina für ihren Freund, darf sie nie wieder nach Hause kommen. Ein deutscher Freund käme nicht infrage. Falsche Kultur, falsche Sprache, falsche Religion. Deutsche Beziehungen seien außerdem keine glücklichen, meint Ninas Mutter. Sie seien zu kurzlebig. Trennt sich eine Frau von ihrem Mann, entehre es sie.

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Beinahe täglich muss Nina sich Anschuldigungen wie „Wir haben schon einen für dich ausgesucht“ oder „Du hast als Kind mal gesagt, wir dürfen dir einen aussuchen“ anhören. Wenn sie mit ihrer Mutter einkaufen geht, versucht sie, Nina fremde Albaner aufzuschwatzen. Selbst vor dem Fahrkartenkontrolleur in der S-Bahn macht sie nicht Halt. Sie erzählt Nina Geschichten von anderen zwangsverheirateten Paaren, die doch auch glücklich seien. Die Aussage ist eindeutig: „Hauptsache ein anderer. Hauptsache ein Albaner.“

Nina entscheidet sich schließlich für ihren Freund, schreibt einen Abschiedsbrief, schmeißt ein Paar Klamotten in eine Plastiktüte und haut ab. Draußen wartet Alex bereits im Auto. Die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er kann nicht einschätzen, wie ihr Vater reagieren wird. „Ich wusste, dass ich mit dieser Entscheidung die Ehre meines Vaters beschädige und ihn vor seinen albanischen Freunden blamiere“, sagt Nina. „Aber das war mir egal. Es geht hier um mich. Ich lebe in Deutschland, ich fühle mich hier wohl. Wenn meine Eltern meine Entscheidung nicht akzeptieren können, gehören sie nicht hierher.“

In Ninas Familie scheinen die Männer einen höheren Status als die Frauen zu haben. Im Gegensatz zu den Frauen dürfen sie machen, was sie wollen. Einmal hat Ninas Mutter den Vater beim Fremdgehen mit einer russischen Frau erwischt und ihm verziehen. Würde sie ihn verlassen, hätte sie keine Ehre mehr. Ninas Bruder wechselt seine Freundinnen fast wöchentlich und bekommt von den Eltern sogar noch das Geld für die Fahrkarte, um zu ihnen zu fahren.

Eine Woche lang lebt Nina bei Alex. Sie gehen kaum vor die Tür. Zu groß ist die Angst, ihrem Vater in die Arme zu laufen. „Wenn er mich auf der Straße gesehen hätte, er hätte mich an den Haaren ins Auto gezerrt“, sagt sie. Ihr Freund begleitet sie deshalb überallhin. Auch als sie zum Arzt geht, um sich krankschreiben zu lassen. Sie wusste, dass ihre Eltern sie auch auf der Arbeit suchen würden. Von ihren Freundinnen erfährt Nina, dass ihre Mutter sie mit Anrufen terrorisiert. Sie geht sogar so weit, dass sie mit dem Auto zu ihnen nach Hause fährt, um dort nach Nina zu suchen. Doch ohne Erfolg. Niemand erzählt ihr, wo Nina ist, obwohl fast alle Bescheid wissen. „Es ist toll, wenn man sich so auf seine Freunde verlassen kann und sie einem Rückendeckung geben“, sagt Nina.

Schließlich bekommt sie einen Anruf von ihrem Vater. Er will eine Lösung finden, damit Nina wieder nach Hause kommt. Er verspricht ihr, dass sie mit ihrem Freund zusammen bleiben darf. Nina glaubt ihm und kehrt zurück nach Hause. Sie hofft, endlich Familie und Freund verbinden zu können – doch es ist vergebens. Geködert mit leeren Versprechungen und keiner Lösung für beide Seiten sitzt sie in ihrem Zimmer und fängt wieder bei null an. „Meine Mutter erzählt mir immer wieder, dass mein Bild und mein Ruf total zerstört sind“, sagt sie. Wenn sie das Haus verlassen will, muss sie erst ihre Eltern um Erlaubnis fragen und wieder Ausreden erfinden. Doch die sagen grundsätzlich Nein, sperren sie zu Hause ein.

Ninas Freundinnen haben ihr schon öfter vorgeschlagen, sich Hilfe zu suchen und zu einer Beratungsstelle zu gehen. Doch das ist ein Schritt, der der 20-Jährigen nicht allzu leicht fällt. Nina hat trotz allem Respekt vor ihrem Vater, die Familie besitzt für sie einen ganz besonderen Stellenwert. Sie ist in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass der Vater in der Familie das letzte Wort hat. Wenn er Nein sagt, bedeutet das auch nein. Und so verlässt Nina kaum noch das Haus. Nur wenn ihr Vater auf der Arbeit ist, traut sie sich, sich ihrer Mutter zu widersetzen und geht einfach. Und irgendwo bleibt dann doch noch die Hoffnung, eines Tages Familie und Freund vereinbaren zu können.

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Aber nicht nur Nina leidet, sondern auch die Beziehung zu Alex. Sie schaffen es gerade mal, sich noch ein- bis zweimal in der Woche zu sehen. Einfach ein Eis essen zu gehen oder in der Öffentlichkeit Händchen zu halten, funktioniert nicht. Ständig bleibt die Angst im Hinterkopf, dass ihre Eltern sie sehen könnten. „Wir sind trotzdem zusammen und wir kämpfen und geben nicht auf“, sagt sie entschlossen.

Nina hat sich jetzt um einen Ausbildungsplatz in ihrem Betrieb beworben. Sie will Geld verdienen, damit sie von zu Hause ausziehen kann. Zwar wollen ihre Eltern, dass sie erst wegzieht, wenn sie verheiratet ist, doch ihr ist das mittlerweile egal. „Wäre das Geld nicht so ein Problem, dann wären wir längst zusammengezogen“, sagt Nina. Der Kontakt zu ihren Eltern ist ihr zwar wichtig, noch wichtiger ist ihr aber, dass sie lieben kann, wen sie will. „Wenn man als Tochter verstoßen wird, fällt es schwer, den Eltern zu verzeihen“, sagt sie kalt. „Sie haben mich zu sehr verletzt.“ Erst, wenn sie auf eigenen Beinen steht, wird sie ihr Leben genießen können.

ZiSH
*Namen von der Redaktion geändert

                                                               

Hier gibt's Hilfe

Eine Anlaufstelle für junge Mädchen, die zwangsverheiratet werden sollen oder ähnliche Probleme wie Nina haben, ist die seit 2006 bestehende Arbeitsgruppe gegen Zwangsheirat des Hannoverschen Interventionsprogramms gegen Männergewalt in der Familie. Dazu gehören unter anderem das Frauen- und Kinderschutzhaus Hannover, Tel. (05 11) 69 86 46, und das Mädchenhaus Hannover in der Färberstraße 8. Dort können junge Frauen und Kinder jederzeit Rat suchen und haben auch die Möglichkeit, über einen Anwalt ihre Rechte zu erfahren. Für Notfälle bietet „bed by night“ in der Celler Straße 53 eine vorläufige Schlafgelegenheit, Essen und Waschräume. Außerdem können betroffene Jugendliche sich jederzeit beim Niedersächsischen Krisentelefon gegen Zwangsheirat unter (08 00) 0 66 78  88 melden.

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