Reggae-Star in Hannover

Gentleman im Interview: „Jesus' Message war die richtige“

Der deutsche Reggae-Star Gentleman.

Der deutsche Reggae-Star Gentleman.

Von Pastorensohn zu Pastorensohn: Was bedeutet Glaube für dich?

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Glauben ist bei mir zum Wissen geworden. Man weiß immer mehr und glaubt immer weniger. Ich glaube immer weniger an Gott, weil ich immer mehr weiß, dass er existiert. Glauben hat für mich etwas von Zweifel, in dem Hoffnung steckt und ein „hoffentlich“ - und wissen fühlt sich da sicher an.

Worin erfährst du diesen Glauben?

Durch ganz einfache und schöne Sachen, die mich umgeben. Das sind Menschen, oder ein Herbstwald. Ich glaube einfach an das Gute im Menschen. Dabei bin ich Idealist ohne naiv zu sein. Und es tut gut, sich an den schönen, kleinen Dingen und Momenten zu erfreuen.

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Was sind das für Momente?

Zeit mit meinen Söhnen zu verbringen, ihnen zuzuhören. Oder auf der Bühne zu stehen, Musik zu machen und sich bewusst zu sein, was da passiert, wenn Text und Musik beim Gegenüber im Publikum ankommen. Das wertzuschätzen, gibt einem Kraft.

Du glaubst an Gott?

Ich glaube an das Göttliche. Mir hilft der Glaube an Gott, der alles zusammenhält und das Wissen daran, an dem du dich festhalten kannst.

Und was bedeutet für dich Weihnachten?

Ich bin ein Weihnachtsmuffel.

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Ist Weihnachten einfach nur noch eine Kommerzveranstaltung mit einem in den Hintergrund gerückten Ursprung oder mehr?

Ich freue mich über Jesus' Geburt. Der hatte den Durchblick, und seine Message war die richtige. Trotzdem würde ich mich nicht als Christ bezeichnen. Ich sehe die Kirche kritisch und weiß auch nicht, ob Jesus das Christentum gewollt hätte. Darüber philosophiere ich auch viel mit meinem Vater.

Besinnlich kann die Vorweihnachtszeit bei dir mit Konzerten in Spanien, Frankreich, Holland, der Schweiz und Deutschland bis kurz vor Weihnachten aber nicht sein. Entfliehst du so der Vorweihnachtszeit?

Ich versuche schon dem Weihnachtsstress zu entkommen und würde mich zu Hause auch nicht in der Stadt aufhalten. Die Städte sind so stressig, das ist so crazy, was da an Energie los ist, wie alle losströmen, um Geschenke zu kaufen.

Wann kaufst du Geschenke?

Bei uns wird nichts geschenkt, gibt es kein großes Trara an Weihnachten. Wir treffen uns gemütlich, meine Familie, meine Geschwister und Eltern. Dann kochen wir zusammen. Dazu vielleicht Schnee, diese Ruhe – das ist besinnlich.

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Und deine Kinder kriegen wirklich nichts geschenkt?

Na doch. Was Kleines schon.

Bis zum 22. Dezember wird erst einmal noch wenig besinnlich getourt.

Am 23. bin ich zu Hause. Und dann ist auch die Zeit, um mal runterzukommen, viel zu lesen, Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. Das Runterkommen ist nicht nur an Weihnachten wichtig. Es ist das A und O eines jeden Tages, zu sich zu finden, auf den eigenen Atem zu hören.

Vom Weihnachtsstressentkommen zum Von-zu-Hause-Entkommen: Mit 18 bist du von zu Hause weg und alleine nach Jamaika. Weil dich die Reggae-Platten deines Bruders so beeindruckt haben?

Die Roots-Platten, Marley und Brown, das hat mich schon ganz schön fasziniert. Mit elf habe ich die schon gehört. Ein Kumpel war dann auf Jamaika. Und als er wieder da war, war er verändert, hat gestrahlt. Und er hat Musik mitgehabt, die es hier nicht gab. Marley und Brown und ganz andere Subkulturen. Das war was Besonderes für uns.

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Dann bist du wegen der Musik nach Jamaika gegangen?

Ich bin nicht nach Jamaika gegangen, um Reggae-Sänger zu werden. Das war einfach das Abenteuerhafte.

Wie war es denn für dich, alleine mit 18 Jahren nach Jamaika zu reisen?

Rückblickend vielleicht ein bisschen naiv. Aber das hatte auch Vorteile. Man hatte keine Angst, einfach mit dem Rucksack sechs Wochen in den Sommerferien rumzureisen. Aber an manchen Orten, wo ich damals war, da würde ich mich heute nicht mehr sicher fühlen.

Wieso?

Das Land hat sich verändert. In der Hauptstadt Kingston sind die Straßen heute nach sechs Uhr leer, das Militär patrouilliert, bei Wahlen gibt es bürgerkriegsähnliche Zustände, und in den Städten ist die Selbstmordrate hoch. Auf Jamaika gibt es auch viel Angst, die da ist und die ich so sonst noch nirgends erfahren habe.

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2010 würdest du einem 18-Jährigen also nicht mehr raten, sich alleine mit dem Rucksack durchs Land zu schlagen?

Nein, das würde ich nicht. Es gibt zwar auch noch Orte, wo es diese Postkartenmotive gibt, aber mit dem Rucksack durchs Land würde ich heute nicht mehr.

Wo hast du damals gewohnt?

Ich hatte die Adresse von meinem Kumpel. Da bin ich hin. Zu einer Bauernfamilie in den Bergen. Denen habe ich mein Geld gegeben, und die haben für mich gekocht. Das war eine einfache, schöne Zeit.

Und du hast die Musik kennengelernt.

Ja, allein zu sehen, was Musik für die Menschen bedeutet, das hat mich beeindruckt. Musik ist dort viel mehr als Entertainment. Sie gibt den Menschen Halt, ist spirituell und allgegenwärtig. Musik hat in Jamaika einen viel höheren Stellenwert als Politik. Musik ist Leidenschaft und Leben.

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Und die hast du dann mitgebracht?

In Deutschland gab es ja die Soundsysteme, die in den Städten Platten aus Jamaika aufgelegt haben. Und wir haben dann am Rhein in Köln auch aufgelegt. Für uns und für Freunde. Und dann kamen immer mehr, da ist was passiert.

Was war denn das Besondere an der Musik?

Der Spirit der Musik. Und der Wahrheitsgehalt der Texte.

Du bist nicht nach Jamaika gefahren, um Reggae-Sänger zu werden, aber jetzt bist du der bekannteste deutsche Reggae-Mann, der sogar auf Jamaika vorTausendenMenschen singt, die die Texte kennen und mitsingen …

Ja, das war schon beeindruckend. Dabei fing das ganz klein in Stuttgart an. Da habe ich irgendwann Max (Max Herre, die Redaktion) getroffen, der einen Chorus für „Tabula Rasa“ gesucht hat. Den habe ich dann gesungen, und dann ging’s mit Freundeskreis auf Tour.

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Dann kam der erste Plattenvertrag.

Der Vertrag beim Indie-Plattenlabel Four Music war das Beste, was mir passieren konnte. Die gaben mir Zeit, um da langsam reinzuwachsen. Und ich durfte für Aufnahmen nach Jamaika fahren. Da haben wir dann die Gelben Seiten nach Studios abgesucht, bis wir eins gefunden hatten.

Ist es für junge Musiker heute schwerer?

Es gibt einfach kaum noch Plattenfirmen, die einen Künstler langsam aufbauen. Daher ist es natürlich schwerer. Die Philosophie hat sich verändert. Heute regiert der Wille nach dem Hit, und die Geduld fehlt. Auch wenn ich persönlich an den Künstler und das Langfristige glaube.

Was würdest du jungen Musikern für Tipps geben?

Eine goldene Formel gibt es nicht. Talent ist ganz wichtig. Aber das Allerwichtigste ist Leidenschaft. Und live spielen ist wichtig. So kriegt man Fans. Und wenn es in der Fußgängerzone anfängt. Man muss einfach das machen, was man spürt und sollte nicht versuchen, irgendwelchen Erwartungen gerecht zu werden.

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Dein aktuelles Album heißt "Diversity", also Vielfalt. Trotzdem heißt es: "Gentleman klingt wieder wie Gentleman". Wie meinst du das mit der Vielfalt?

Reggae ist breit gefächert und kann auch elektronisch oder technoid sein. Mal baladig oder hip-hoppiger – das ist alles Reggae. Diese Musik ist in sich vielfältig.

Das Album ist wieder auf Jamaika entstanden?

In einer viermonatigen, kreativen Hochphase mit Leuten, die mich inspiriert haben. Ich wollte kein Album machen, sondern einfach Musik aufnehmen und mich frei fühlen.

Warum funktioniert Reggae auch im Winter?

Weil Reggae zu jedem Wetter passt, zu jeder Stimmung. Reggae hat ja nichts mit diesem Sunshinefeeling zu tun, nichts mit Sommer. Reggae ist sozialkritisch und auch politische Musik. Als Bob Marley „I Shot The Sheriff“ gesungen hat, dachten auch alle „Oh, das ist so Sunshine“. Aber Reggae ist eben nicht nur das. Reggae gibt das Leben wieder.

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