Industriegeschichte

Georg Egestorff gründete vor 175 Jahren die spätere „Hanomag“

Am Ende seines Lebens zog Georg Egestorff Bilanz. Er war so etwas wie eine Schlüsselfigur seiner Epoche gewesen; jemand, der die Zeichen der Zeit früh erkannt und seine Chancen genutzt hatte. Was Bill Gates für die Computerwelt unserer Tage ist, das war Georg Egestorff für die Zeit der Industrialisierung, jedenfalls in Hannover: Größte Ikone, Motor und Profiteur in einem. Und im November 1866, nur Monate vor seinem Tod, erschien seine kleine Denkschrift, in der er vor der Welt Rechenschaft ablegte. Schon der Titel zeugte von jenem selbstbewussten Understatement, das im Wirtschaftsleben gelegentlich auf der Strecke bleibt: „Vierzig Jahre gesegneter Arbeit“.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Bereits Egestorffs Vater Johann war Unternehmer gewesen. Der „Kalk-Johann“ brachte es zum größten Gewerbetreibenden von ganz Linden, obwohl er im Lesen und Schreiben nicht so firm war. Er führte mehrere Steinkohlebergwerke und Kalkbrüche, Ziegeleien und Kalköfen. In Badenstedt herrschte der „Hofkalklieferant“ über eine Saline mit dem wohlklingenden Namen „Egestorffhall“, und auf dem Lindener Berg über eine Windmühle mit geräumiger Schankwirtschaft. Jeder sechste Lindener arbeitete für ihn. Ohne die Egestorffs wäre das Dorf vor den Toren Hannovers nie zum Industriedorf und nie zu einer florierenden Arbeiterstadt geworden. Der heutige Charme des Viertels ist in weiten Teilen bei einer Vergangenheit geborgt, deren Geschicke die Egestorffs bestimmten.

Als Johann Egestorff 1834 starb, hinterließ er seinem Sohn ein kleines Industrieimperium in ländlichem Ambiente. Der Erbe führte die Kalk- und Ziegelwerke seines Vaters fort, versuchte sich aber auch in anderen Industriezweigen. So rief er eine „Chemische Producten-Fabrik“ ins Leben. Doch vor allem gründete er am 6. Juni 1835, vor 175 Jahren, in Linden seine „Eisen-Gießerey und Maschinen-Fabrik“. Als Hanomag sollte diese später in die Industriegeschichte eingehen.

Die Firma, anfangs noch auf Zuschüsse aus der Saline angewiesen, produzierte in einem Haupt- und einem Nebengebäude gußeiserne Ambosse und Zapfen für Mühlenräder, Herde, Töpfe und bald auch Dampfmaschinen. Und schließlich gelang Georg Egestorff der Coup seines Lebens: Die Hannoverschen Staatseisenbahnen, die zunächst Lokomotiven aus England importiert hatten, bestellten bei ihm. Am 4. Juni 1846 verließ die erste Lok, made in Linden, Egestorffs inzwischen erweiterte Hallen. Pferde zogen die „Ernst August“ auf einem Wagen zum Hauptbahnhof, da es einen Schienenanschluss noch nicht gab. Ein Unternehmen mit hoher Symbolkraft: Die alte Technologie wurde nur noch für den Übergang gebraucht, um der neuen auf die Sprünge zu helfen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auf alten Abbildungen sehen die Egestorffs sehr bodenständig aus; wie typische Calenberger Bauern, gezeichnet von Wilhelm Busch. Und tatsächlich ging Hannovers Industrialisierung nicht so sehr vom Großbürgertum aus, wie das Großbürgertum später gerne behauptete. Sie kam nicht aus den Städten, in denen für Handwerker starre Zunftzwänge galten. Die Innovation kam vielmehr vom Lande, von Leuten wie Georg Egestorff, der selbstredend eine Bauerntochter heiratete. Da blieb man bei allem Erfolg dann doch unter seinesgleichen.

Industrielle wie er sind heute oft als Ausbeuter verschien, die ihren Profit auf dem Rücken geknechteter Arbeiter machten. Doch zur Bilanz des Unternehmers, der politisch ein Nationalliberaler war, gehörten auch seine „Philanthropischen Anstalten“, in denen er bis zu 2500 günstige Mahlzeiten täglich an Bedürftige austeilte. Für seine Belegschaft richtete er eine konfessionsübergreifende Freischule und einen Kindergarten ein, eine Kranken-, Sterbe- und Unterstützungskasse. Er war „zu jeder Zeit von außerordentlichem Wohlwollen für seine Arbeiter beseelt“, urteilte der Technologe Karl Karmarsch.

So sehr Egestorff Kind seiner Zeit war, so sehr war er dieser zugleich voraus – etwa, wenn er sich kritische Gedanken über Fabrikarbeit machte: Die „fortwährend uniförmige Thätigkeit, unablässige Spannung, das rastlose Verrichten derselben Arbeit“ schade Körper und Geist – und sie würdige den Arbeiter „gewissermaßen zu einem Theile der Maschine“ herab, schrieb er. Er selbst ließ Loks in Handarbeit herstellen, ohne automatisierte Abläufe.

Bis zu seinem Todesjahr 1868 waren so 324 Loks ausgeliefert worden. Danach kaufte der „Eisenbahnkönig“ Bethel Henry Strousberg das Werk – und stieg in die Massenproduktion ein: Er stampfte eine 133 Meter lange Montierhalle aus dem Boden. Im fernen Michigan feierte ein gewisser Henry Ford gerade seinen siebten Geburtstag, als es hier bereits eine Art Fließband gab. In Werksnähe schuf Strousberg eine für 2000 Bewohner ausgelegte Arbeitersiedlung, die größte Deutschlands: „Klein-Rumänien“ wurde diese genannt, weil Strousberg im großen Stil Loks nach Osteuropa exportierte. Binnen drei Jahren wuchs die Belegeschaft von 850 auf 3200 Arbeiter.

Als Strousbergs Imperium dann zusammenbrach, ging das Lindener Werk unbeschadet aus den finanziellen Ruinen hervor – als „Hannoversche Maschinenbau-Actien-Gesellschaft“. Ein Name, der bei Telegrammen umständlich und teuer war. Anfang des 20. Jahrhunderts etablierte sich daher jene Kurzform, die einen Hauch Hannover in die Welt hinaustragen sollte: „Hanomag“.

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.