Südstadt

Gustav-Stresemann-Realschule: Feier in der Krise

Vielerorts versuchen die Menschen derzeit der weltweiten Finanzkrise zu trotzen. Einer Krise anderer Art muss die Gustav-Stresemann-Realschule in der Südstadt trotzen: Ihre Eigenständigkeit als Realschule ist durch die Pläne der Stadt für eine Zusammenlegung mit der gegenüberliegenden Heinrich-Heine-Schule zu einer kombinierten Haupt- und Realschule bedroht. Dennoch arbeiten Schulleitung, Lehrer und Schüler emsig und voller Stolz an der Vorbereitung einer großen Feier: Am Freitag, 13. März, werden sie gemeinsam ab 18.30 Uhr mit rund 450 geladenen Gästen in der ausgebuchten Aula und einem vollen Programm das 100-jährige Bestehen der Realschule begehen und dabei auf die wechselvolle Geschichte ihrer Lehranstalt zurückblicken.

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Gegründet im April 1909 als Knabenmittelschule mit 221 Schülern in fünf Klassen zog sie zunächst in ein altes Gebäude in der Südstädter Friedrichstraße 1c ein. Damals wurde – so ist es den Quellen zu entnehmen – ein Klassenzimmer für 883 Mark und 85 Pfennig eingerichtet. Auch Schulgeld wurde erhoben: 75 Mark für einheimische und 100 Mark für auswärtige Schüler. Damit allerdings erntete die Schule zunächst Kritik. „Die Mittelschulbildung ist schließlich nicht viel mehr als eine bessere Volksschulbildung. Da ist die Höhe des Schulgeldes doch übertrieben“, klagte etwa die hannoversche Zeitung „Der Volkswille“ im Jahr 1909.

Dennoch startete die Schule mit großem Erfolg. Bereits 1911 konnte neben Englisch als zweite Fremdsprache Französisch angeboten werden – eine Tradition, die auch heute noch gepflegt wird. Denn die Gustav-Stresemann-Realschule ist eine von wenigen Realschulen in Hannover, in der die Schüler schon ab Klasse 5 die französische Sprache erlernen können. Ein Angebot, das gerne genutzt wird: „Von 72 Fünftklässlern lernen im Moment 58 Französisch“, berichtet Wolfgang Drücker, seit einem Jahr Schulleiter, stolz. Ebenfalls seit damals gleich geblieben ist das außergewöhnlich große Engagement der Elternschaft für die Schule, das Drücker gerne hervorhebt. 1922 wurde, um den Einsatz der Eltern zu würdigen, offiziell ein Elternbeirat eingerichtet, obwohl ein Mitspracherecht zu schulischen Fragen zu jener Zeit noch keine Selbstverständlichkeit war.

1923 war die Knabenmittelschule bis auf 14 Klassen mit 611 Schülern angewachsen und erhielt 1927 die Berechtigung, die „Mittlere Reife“ zu erteilen. Aufgrund der großen Schülerzahl platzte das alte Gebäude schließlich aus allen Nähten. Ein neues Domizil wurde 1936 in der Wolfstraße 17 gefunden, deren Name 1955 verschwand – seitdem ist die Wolfstraße ein Teil der heutigen Berliner Allee. 1943 zerstörten Bomben das Haus und es begann eine 15 Jahre andauernde Odyssee durch verschiedene Gebäude. 1944 war an Unterricht nicht mehr zu denken: „Schüler wurden in der Nähe von Velber als Flakhelfer eingesetzt. Wie viele von ihnen zurückkamen, wissen wir nicht“, berichtet Ulla Meyer, Fachleiterin für Deutsch und Religion, die sich anlässlich des Jubiläums mit Schülern intensiv mit der Geschichte der Realschule auseinandergesetzt hat.

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Zur Ruhe kam die Lehranstalt erst wieder 1958, als endlich von den rund 1000 Schülern und 38 Lehrkräften ein eigenes Gebäude in der Stresemannallee bezogen werden konnte. In jenem Jahr erhält sie im Andenken an den ehemaligen Reichskanzler der Weimarer Republik Gustav Stresemann, den Namen Stresemannschule. Erst seit 2005 trägt sie den heutigen Namen. 1976 endete die Alleinherrschaft der Jungen, denn die ersten Mädchen wurden aufgenommen. Wenig später drohte – wie heute – die Auflösung der Realschule.

Die Orientierungsstufe wurde eingeführt und so fehlten plötzlich zwei ganze Jahrgänge“, erklärt der Schulleiter. Doch die Südstädter wehrten sich mit aller Kraft und mit Erfolg, die Schule blieb bestehen und konnte bis heute ihre Eigenständigkeit trotz rückläufiger Schülerzahlen bewahren. Stolz sind Schulleiter und Lehrer auf die Überschaubarkeit ihrer Schule, die frisch und realschulgerecht sanierten Räumlichkeiten und die besondere pädagogische Arbeit, die von der Schulinspektion im vergangenen Jahr bestätigt wurde. Vor diesem Hintergrund trotzen sie der Krise und hoffen auch dieses Mal auf Erfolg. „Wir wünschen uns, dass die Diskussion um unsere Schule noch einmal neu gestartet wird“, betont Drücker. Denn durch eine Zusammenlegung beider Schulen könne den Südstädtern weder Unterrichtsqualität noch eine Vielfalt an Schulformen angeboten werden.

von Sigrid Krings

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