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Alles im Fluss

Hannover - ein Paradies für Angler

Das Rauschen des Döhrener Wehrs übertönt alles. Nur wer genau hinhört, vernimmt zwischendurch ein feines Sirren. Flugangler Andy Krüger steht auf einer Kiesbank am Rand der Strömung und bringt seine feine Gerte in der Luft zum Singen. Hier, wo vor 100 Jahren die alte Döhrener Wollkämmerei stand und das Wasser mit Chemikalien vergiftete, sprudelt der Fluss heute klar und sauerstoffreich daher. Ein optimales Revier für Fische und damit auch für Angler – und das mitten in der Großstadt. Unter den rund 5000 organisierten Hobbyfischern Hannovers gilt die Leine inzwischen als das ertragreichste Gewässer mit der größten Fischvielfalt. Ob bewegungsreiches Fischen mit der künstlichen Fliege, ob Spinnangeln mit grazilen Fischimitationen oder gemütliches „Würmerbaden“ als Sitzangler – der Fluss in der Stadt bietet ein abwechslungsreiches Revier.

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Etwas weiter flussabwärts, bei Ricklingen an der Abzweigung des Gauetwaters, steht Jan Ventker an der Leine. Ein Hecht hatte gerade angebissen, der Raubfisch konnte einem schnell rotierenden Metallköder nicht widerstehen. Doch der Fisch ist wieder in Freiheit. „Er war zu klein“, sagt der 25-jährige Fachinformatiker. Hechte müssen in Hannover deutlich mehr als einen halben Meter lang sein, damit Angler sie mit nach Hause nehmen dürfen. Die Vorschrift dient dem Artenschutz: Die Fische sollen alt genug sein, um Nachwuchs zu zeugen, bevor sie im Kochtopf oder auf dem Grill landen. Fischaufseher überwachen die Regeln, jedes Jahr werden in Hannover mehrfach Vereinsmitglieder ausgeschlossen, die zu kleine Fische mitnehmen, ihre Angelstellen vermüllt hinterlassen oder gegen andere Vorschriften verstoßen.

„Angeln ist beruhigend“, sagt Informatiker Ventker. „Den ganzen Tag sitze ich im Büro, anschließend genieße ich es, in die Natur zu gehen.“ Immer wieder müssen sich Angler von Passanten Vorwürfe anhören, dass sie Tiere leiden lassen. Dabei müssten Fische, die industriell auf hoher See gefangen werden, meist größere Qualen erleiden. Dort werden Tiere in Netzen zerquetscht und zappeln dann an der Luft ihrem Tod entgegen.

Hobbyangler dagegen müssen die Handgriffe beherrschen: Ist ein Fisch zu klein, wird er mit nassen Händen (um die Fischhaut nicht zu schädigen) vom Haken befreit und ins Wasser zurückgesetzt. Ist er ausgewachsen, wird er mit einem gezielten Schlag betäubt und dann sofort getötet. Als Wirbeltiere gehören Fische zu den höheren Lebewesen, die vom Gesetz geschützt werden, betont Andy Krüger, der im hannoverschen Fischereiverein das Amt des Gewässerwarts innehat.

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32 Fischarten sind in der Leine als regelmäßige Bewohner registriert, sogar das seltene Flussneunauge oder die als bedroht geltende Koppe sind heimisch. Die Angler an der Leine profitieren von dem Artenreichtum. Rund 4000 Freizeitangler sind im Fischereiverein Hannover (fvh) organisiert, im kleineren Sportanglerverein Hannover (SAV) sind es noch einmal gut 1000. Die Vereine haben eigene Pachtgewässer, die Leine aber nutzen sie gemeinsam. Für Konkurrenz und Fischneid gibt es auch kaum einen Grund: Der Fluss weist Hunderte Angelstellen auf. Glaubt man den Anglern, dann geht die Häufigkeit der Fänge allerdings an beliebten Plätzen, die leicht mit dem Auto zu erreichen sind, inzwischen zurück – etwa an der Wülfeler Brücke, dem Wasserfall am Schnellen Graben oder den Bereichen ober- und unterhalb des Herrenhäuser Wehres.

Wer sich aber auf die Pirsch ins Unterholz am Stadtfluss macht, bei Koldingen die steilen Ufer erkundet oder in Herrenhausen an der sich windenden Leine sein Glück versucht, wird häufig belohnt, sagt Krüger. Und auch mitten im Zentrum gibt es lauschige Angelplätze. Der Leineknick an der Arbeitsagentur oder der Flusslauf in der Calenberger Neustadt gelten als fischreiche Stellen.

Dass die Wasserqualität so zunimmt, hängt mit den vielen Kläranlagen zusammen, die in den vergangenen Jahrzehnten an der 281 Kilometer langen Leine gebaut wurden. Sie reduzieren die Nährstoffe im Wasser. Die einfachen Brassen, die Karpfen und auch Hechte mit ihren Vorlieben für leicht trübes Wasser werden weniger, dafür steigt der Anteil an hochwertigen Fischen. Barben zum Beispiel sind typisch für Tiefebenenflüsse wie die Leine und kommen inzwischen in großer Zahl vor. Die Bachforelle, die jahrzehntelang vor dem Schmutz im Wasser geflüchtet war, vergrößert von Jahr zu Jahr ihre Population. Sogar große Meerforellen sind jüngst in Hannover am Schnellen Graben gefangen worden. Auch der Lachs ist wieder da – allerdings sind es trotz jahrelanger Wiederansiedlungsbemühungen der zahlreichen Fischereivereine an der Leine erst noch einzelne Exemplare, die als ausgewachsene Tiere gesichtet werden.

Wie der Lachs wandern auch die Aale und andere Fischarten regelmäßig über Tausende von Kilometern durch Meere und Flüsse, um ihren Laich auf Kiesbänken abzulegen. Deshalb bekämpfen Angler und Naturschützer gemeinsam Wasserkraftanlagen. Die eigentlich umweltfreundlichen Kraftwerke stellen für flussaufwärts wandernde Fische teils unüberwindliche Barrieren dar, für flussabwärts schwimmende Fisch sind sie trotz Sperrgittern häufig Todesfallen: Tonnenweise Fisch verendet jährlich in den Turbinen. Um überhaupt Wasserkraftanlagen bauen zu können, behelfen sich die Ingenieure mit sogenannten Umgehungsgewässern. Die Wehre am Schnellen Graben etwa oder an der Döhrener Wolle werden mit eigens zur Expo angelegten Bachläufen passierbar gemacht, am großen Herrenhäuser Wehr ist eine Fischtreppe installiert, durch die aufsteigende Fische der Strömung entgegenspringen können. Auch dank solcher Innovationen steigt der Artenreichtum im Stadtfluss beständig an.

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