Die tägliche Hannover-Glosse

„Lüttje Lage“: Die Qual der Berufswahl

Simon Benne

Simon Benne

Hannover. Mein Sohn konnte nicht einschlafen. Kinder wollen eigentlich nie einschlafen. Es sei denn, sie wollen gerade nicht essen oder sich gerade nicht anziehen. Jedenfalls lag er wach im Bett und rief nach mir. „Ich weiß nicht, was ich mal werden soll“, klagte er, „ich kann mich nicht entscheiden zwischen Bauarbeiter, Sprengmeister und Dichter.“

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Das ist das Schöne, wenn man jung ist. Das Leben liegt noch vor einem wie ein offenes, weites Feld. Je älter man wird, desto schmaler werden die beruflichen Korridore. Ich selbst habe irgendwann schweren Herzens akzeptieren müssen, dass es mit meiner Karriere als Bundesliga-Profi wohl doch nichts werden würde.

„Hm“, sagte ich. Spontan wollte ich ihm zum Beruf des Dichters raten. Auf seinem siebenjährigen Lebensweg hat mein Sohn nämlich eine Spur der Zerstörung hinter sich her gezogen, und Poeten sitzen ja meist friedlich da. Solange sie auf den Kuss der Muse warten, machen sie nichts kaputt. Dann aber dachte ich an die vielen überbezahlten Dichter in Deutschland, lauter Leute mit Festanstellung in Vollzeit, die in Saus und Braus leben, und riet ihm ab: „Dichter ist zu stressig“, sagte ich.

„Dann Sprengmeister?“, fragte er. Alles, was knallt und kokelt, steht bei ihm hoch im Kurs. Ich zweifle da nicht an seinem Talent. Allerdings würde ich ihm zutrauen, dass er sich auch als Sprengmeister Arbeit mit ins Homeoffice nimmt. „Lieber Bauarbeiter“, sagte ich also. Das ehrbare Handwerk ist derzeit ja für jede Nachwuchskraft dankbar. Nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage müsste mein Sohn, wenn er erst so weit ist, als Maurer eigentlich so viel verdienen wie heute ein Professor für Gravitationsphysik.

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Andererseits dachte ich daran, dass er in der vergangenen Woche noch eine Spinnenzucht eröffnen wollte. Danach gründete er dann eine Versicherung: Ich muss ihm seither jeden Tag 5 Cent geben, damit er die von ihm selbst angerichteten Schäden im Haushalt wieder regulieren kann. „Ein bisschen Zeit hast du ja noch“, sagte ich. Er seufzte. Vermutlich ist es gar nicht so leicht, wenn einem alle Türen offen stehen.

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