Schüler schreiben über Corona

HAZ-Schreibwettbewerb: Das sind die besten Beiträge der erfahrenen Teilnehmer

Benjamin Kehl sichert sich den ersten Platz.

Benjamin Kehl sichert sich den ersten Platz.

Hannover. Auch die erfahrenen Teilnehmer und Teilnehmerinnen haben zahlreiche Beiträge eingereicht. In der Regel sind sie in der 11. bis 13. Klasse. Das sind die Gewinner.

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Platz 1 geht an Benjamin Kehl aus Burgdorf vom Gymnasium Burgdorf

Die Rückkehr.

„Eyes without a face“ schallt um 6.40 Uhr aus dem Radiowecker, eine Corona-Anspielung aus der Hölle, für die sich der DJ mit Sicherheit auf die eigene Schulter geklopft haben dürfte. So wach bin ich am frühen Morgen noch nicht, vielmehr stöhne ich beim Anblick der unchristlichen Uhrzeit und will mich schon wieder hinlegen, als eine koffeingeschwängerte Männerstimme mir fröhlich verkündet: „Auch in der Region Hannover beginnt dank sinkender Indizenzwerte heute wieder der Präsenzunterricht.“ Überrascht und glücklich zugleich schrecke ich hoch und mache mich sogleich auf zum Duschen. Ein ungewohntes Gefühl, denke ich mir, so früh schon Termine zu haben und dafür auch noch das Haus verlassen zu müssen. Videokonferenzen vor halb 10 hatten die Lehrer aufgrund chronischer Übermüdung der Schüler nicht uneigennützig früh aufgegeben, das stundenlange Vegetieren im semibewussten Bewusstseinszustand, bevor man denn wirklich aufstehen muss, war für mich zu einem festen Ritual geworden. Als ich nach der Dusche die Lockdown-Mähne föhne, die mir auch nach Wiederöffnung der Friseure ans Herz gewachsen ist, platzt mein großer Bruder ins Bad, um sich die Zähne zu putzen. „Was bist du denn schon wach?“, fragt er verdutzt. „Schule geht wieder los.“ „Ach stimmt, du gehst ja noch zur Schule“, sagt er lachend, „was bin ich froh, dass ich da durch bin. So viel unnötiges Zeug, das man da lernen muss!“ „Warum bist denn schon wach?“, entgegne ich, „du bist ja sogar schon angezogen.“ „Hab in einer halben Stunde eine Vorlesung“, murmelt er nun sichtlich ernüchtert, „und ich musste noch vorher Partizipien des Imperfektes auswendig lernen.“ „Hä?“ „Altgriechisch.“ „Merkst du selber, oder?“, sage ich schmunzelnd und verlasse das Bad.

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Doch zurück im Zimmer stellen sich schon die nächsten Probleme. Welche Hose soll ich anziehen? Wie viele Stifte braucht man? Wann geht überhaupt nochmal die Schule los? Der Nervenzusammenbruch kann knapp abgewendet werden, denn es stellt sich raus: keine Zeit dafür. Bevor es zum Frühstück geht, ramme ich mir noch das Stäbchen Richtung Frontallappen. Soll das bluten? Egal, ich folge weiter der Anleitung der Verpackung und tröpfele die Lösung auf den Test. Der Puls steigt, der ganze Körper in Alarmbereitschaft. Drei Tropfen, um sie zu knechten, die Infizierten zu finden, in Quarantäne zu treiben und zwei Wochen zu binden. Ein seltener Nervenkitzel in Zeiten der Isolation. Doch der Streifen bleibt weiß, als ich nach 15 Minuten wieder draufschaue, und so radle ich zur Schule. Dort angekommen, sehe ich schon von weitem die ersten bekannten Gesichter unter der Maske. Wer nicht im Geiste noch in seinem Bett liegt und als bloße Körperhülle durch die Flure schlurft, freut sich sichtlich, wieder hier zu sein. Eine Freundin treffe ich am Fahrradständer. „Hey, lange nicht mehr gesehen! Wie geht es dir?“, frohlockt sie. „Gut!“, sage ich nicht weniger fröhlich. Ein kurzes Schweigen macht sich breit. „Und bei dir?“ „Ja, muss ja!“ Toll, wie viel man sich zu erzählen hat! „Meine Güte, seid ihr groß geworden, mindestens einen Zentimeter gewachsen!“, stellt unsere Deutschlehrerin begeistert fest, als sie den Raum betritt. Der ganze Kurs schaut sich verdutzt an. Nun, sie hat wohl die Kakteen auf dem Fenstersims gemeint.

Nach dem obligatorischen „Guten Morgen“ will sie wissen, wie es uns ergangen sei, was wir gelernt und vermisst hätten. Allgemeines Schulterzucken macht sich im Raum breit, aus der letzten Reihe gibt schließlich jemand zu Protokoll, er könne jetzt mit den Ohren wackeln, was er anschließend nicht ohne Stolz vorführt. Die Klasse lacht, die Lehrerin resigniert kurz, bevor wir uns Kafkas „Die Verwandlung“ zuwenden. Eine Verwandlung ist tatsächlich bei vielen zu erkennen, wenn auch eher nicht zum Käfer. Eine Gothic-Phase scheint überwunden, dafür schlürft ein frisch geschlüpfter Junior-Hipster nun demonstrativ an seiner Mate, während eine andere nach dem Motto „Goethe statt Gzuz“ plötzlich das Unterrichtsgespräch dominiert. Der Unterricht endet, und nach einer intensiven Diskussion über den besseren Lockdown (Tiger King, Frühling und naive Hoffnung gegen Weihnachtsbesinnlichkeit, Schnee und Impfstart) kommt die Mathe-Lehrerin in den Raum. Im Homeschooling hat sie sich vom Kreidetafelfanatiker zum Technikguru aufgeschwungen und verbindet nun wie selbstverständlich die andere Hälfte des Kurses, der heute zu Hause bleiben muss, per Videokonferenz mit uns. Nachdem sie uns stolz ihren gestern geimpften Arm präsentiert (mit dem guten BioNTech natürlich), geht es an die Wahrscheinlichkeitsrechnung, Spezifität und Sensitivität eines Schwangerschaftstests. Mit Mitleid denke ich an all die zukünftigen Generationen, die sich mit endlosen Corona-Rechenaufgaben abmühen und diese Pandemie am Ende genauso hassen werden wie wir. Beim Vergleichen der Lösungen werden die Konferenzteilnehmer dann mindestens genauso konsequent ignoriert wird wie der Kimawandel von der AfD.

Letzte Stunde Darstellendes Spiel. Der Lehrer fragt uns, ob alles mit den Selbsttests geklappt hat. „Heute bin ich clean“, frohlockt er, wobei der Satz so auch in (s)einer Selbsthilfegruppe hätte fallen können. Unser eigentliches Thema, Gestik und Mimik, ist mit Maske verständlicherweise schwer umzusetzen, und so werden wir aufgefordert, ein kurzes dramatisches Gedicht zu schreiben und vorzutragen. Ich lese vor: „Seine Schnauze bedeckt mit Schaum / Der Hund bellt mir wütend ins Gesicht / Der Ball ist auf dem Baum / Er kommt nicht ran / Ich auch nicht.“

Tosender Applaus. Bleibt aus. Schade. Die Stunde ist vorbei, alle gehen nach Hause. „Wie wars?“, fragt meine Mutter, als ich durch die Tür komme. „Gut, was gibt es zu essen?“ Ihre Antwort erfreut mich, auch wenn sie sagt, dass es noch ein paar Minuten dauert. Etwas müde lasse ich mich in den Sessel fallen. Ganz schön anstrengend eigentlich, diese ganzen Leute. Ich brauch wohl erstmal einen Tag sozialen Detox. Ein Hoch auf das Szenario B!

Platz 2 geht an Lea Menz aus Hannover von der Tellkampfschule

Lea Menz.

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Die Dahinter beginnt was Neues

Das Sonnenlicht fällt in Parallelogrammen durch die Balkontür und ich möchte weinen. Im Hintergrund läuft „The Show Must Go On“, ist das das höchste der Gefühle in dieser sonderlichen Zeit? Nähe fehlt, alles scheint so weit auseinander, in der Bahn sitzt jeder für sich allein im Vierer. Ein Meter fünfzig ist einfach viel zu viel, dazwischen passen eintausendfünfhundert Umarmungen, die zu sparen sehr schmerzlich sind, viel schmerzlicher als das komische Plastikstäbchen in meiner Nase. Wie kann es sein, dass seit einem Jahr alles stillsteht und gleichzeitig so viel passiert? Immer vergeht mehr Zeit und alles verbraucht Zeit, selbst unsere windstillen Existenzen; und ich habe das Gefühl, so wie ich meine Tage verbringe, verbringe ich mein ganzes Leben, dabei kann das doch nicht alles sein. Den verschwommenen Rand vom Computer nennt man jetzt Leben. Jeder Tag ist eine wunderlose Immergleichheit; man kann noch schlafen und essen und in Videokonferenzen sitzen oder in den Welten von Instagram versinken. In den Welten von Instagram gibts mehr zu sehen als hier zu Hause, als irgendwo anders, gibts die ganze Welt zu sehen. Ist das jetzt mein Fenster zur Welt? Das kann doch nicht alles sein, vielleicht beginnt dahinter was Neues.

Einmal hab ich eine Fahrradtour gemacht, an der Schule vorbei. Sie lag einsam da. Vor meinem Klassenzimmer wachsen jetzt rote Tulpen. Niemand ist da, um sie zu sehen. Aber ich hab gelesen „schlechte Zeiten sind gute Zeiten für das Scharfstellen auf das, was zählt“ und ich hab das schlechte Gewissen, dass es mir trotz allem so gut geht. Denn dann merk ich, für eine Weile reicht mir auch Sonne und Musik zum leben. Und wenn das alles vorbei ist und dahinter was neues beginnt, fahre ich irgendwohin, bloß nicht schon wieder hier hin. Ans Meer oder so und rieche neue Luft, umarme alle meine Freunde die ich so lang nicht mehr gespürt hab, zähle alle Gründe auf, nie wieder so viel allein zu sein und lache und weine weil alles doch wieder ganz gut geworden ist.

Platz 2 geht an Theresa Ernst aus Hemmingen von der Carl-Friedrich-Gauß-Schule

Theresa Ernst.

Theresa Ernst.

Theresa Ernst hat ein Video aufgenommen, das die Pandemie in ihrer Gleichtönigkeit beschreibt. Das Video sehen Sie hier.

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Schreibwettbewerb Theresa Ernst

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Von Jan Sedelies

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