„Orange Day“

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen: Hannover bekennt trotz Energiekrise Farbe

Am „Orange Day“ - dem Internationalen Tag zur Bekämpfung von Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen und Mädchen erstrahlen sonst markante Gebäude wie der Telemoritz in Orange – als Signal und Symbol der Hoffnung.

Am „Orange Day“ - dem Internationalen Tag zur Bekämpfung von Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen und Mädchen erstrahlen sonst markante Gebäude wie der Telemoritz in Orange – als Signal und Symbol der Hoffnung.

Hannover. Am „Internationalen Tag zur Beseitigung gegen Gewalt an Frauen“ machen Menschenrechtsorganisationen weltweit auf geschlechtsspezifische Gewalt gegen weiblich gelesene Personen aufmerksam. Seit 1981 ist der auf Englisch sogenannte „Orange Day“ am 25. November. Er ist auch Startschuss für die weltweite UN-Kampagne „Orange The World“, die bis zum „Tag der Menschenrechte“ am 10. Dezember andauert. Es geht um Menschenrechte und ein gewaltfreies, gleichberechtigtes und selbst bestimmtes Leben für Mädchen und Frauen.

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Erinnerung an mutige Frauen

Das Datum des Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen geht auf die Schwestern Mirabal zurück. Sie waren Teil der „Bewegung des 14. Juni“ in der Öffentlichkeit gegen die damalige Diktatur in der Dominikanischen Republik, weshalb sie vom Geheimdienst verschleppt und gefoltert wurden. Am 25. November 1960 tötete der Geheimdienst die drei Frauen nach monatelanger Folter.

Warum die Farbe Orange?

Weltweit erstrahlen prominente Gebäude am 25. November in orangenem Licht, Aufklärungskampagnen sind in Orange gehalten, die Bezeichnung „Orange Day“ selbst – was ist eigentlich der Hintergrund?

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"Die Farbe Orange gilt als Sinnbild für Licht und Wärme", steht auf dem Flyer der Stadt Hannover zum Orange Day 2021. "Sie steht für eine positive Zukunft und für die Hoffnung auf ein gewaltfreies Leben", heißt es weiter. Die Signalfarbe soll auch als solches Verstanden werden – seit 1991 schafft die UN Women Aufmerksamkeit für die alarmierenden Zahlen und Fakten zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen und Mädchen.

Wegen der Energiekrise wird lediglich der Balkon an der Stirnseite des Neuen Rathauses beleuchtet, teilt die Stadt Hannover mit. Dafür hisst sie vor dem Rathaus Flaggen mit Motiven der Kampagne „Wir brechen das Schweigen“ des Hilfetelefons Gewalt gegen Frauen (kostenfrei, 24 Stunden täglich, an 365 Tagen, Telefonnummer: 08000 116 016). Rote Bänke sollen die Plätze symbolisieren, die frei bleiben, wenn Frauen häuslicher und sexualisierter Gewalt zum Opfer fallen. Ein Schild informiert Betroffene über Hilfsangebote.

Rote Bank vor dem Neuen Rathaus. Auf einer angebrachten Plakette finden sich Hinweise, wo Betroffene von Häuslicher Gewalt Unterstützung erfahren können.

Rote Bank vor dem Neuen Rathaus. Auf einer angebrachten Plakette finden sich Hinweise, wo Betroffene von Häuslicher Gewalt Unterstützung erfahren können.

Ist Gewalt an Frauen in Deutschland überhaupt noch ein Problem?

Bei Diskriminierung und Gewalt an Frauen geht der Blick schnell ins Ausland – unter anderem erfahren Frauen im Iran Repressionen und Gewalt wegen ihres Geschlechts. Doch auch in Deutschland fehlt es an Aufmerksamkeit. Alle 45 Minuten wird eine Frau in Deutschland durch ihren Partner gefährlich körperlich verletzt, jeden dritten Tag tötet ein Mann seine (Ex-)Partnerin, schreibt die UN Women Deutschland auf ihrer Website.

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143.016 angezeigte Fälle von Gewalttaten in Partnerschaften zählt das Bundeskriminalamt für das Jahr 2021. Laut Statistik waren 80,3 Prozent der von Partnerschaftsgewalt Betroffenen Frauen. Vier von fünf Tatverdächtigen waren Männer. Im Vergleich zum Vorjahr gingen die Zahlen leicht zurück, doch der Schein eines positiven Trends trügt. Von 2017 bis 2021 ist die Zahl der Opfer um 3,4 Prozent gestiegen.

Außerdem bildet die Statistik lediglich das sogenannte Hellfeld ab – die angezeigten Fälle. Das Dunkelfeld sei weitaus größer. "Es ist davon auszugehen, dass derzeit zwei Drittel der weiblichen Opfer nicht zur Polizei gehen", sagt Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne). Die Dunkelfeldstudie der niedersächsischen Polizei zeigt außerdem, tendenziell immer weniger Menschen Straftaten anzeigen.

Femizid: Kein Einzelfall – kein „Beziehungsdrama“

109 Frauen wurden 2021 innerhalb ihrer Beziehung getötet. „Diese Verbrechen werden oft als Beziehungstaten bezeichnet, als wären sie eine private Angelegenheit von Partnern. Ich nenne diese Taten Femizide.“, sagt Paus. Wenn Frauen von ihren Partnern getötet werden, fallen oft Bezeichnungen wie „Beziehungstat“, „Ehedrama“ oder „Familientragödie“ – das verharmlost das dahinterliegende systematische Problem der Gewalt gegen Frauen und verschiebt die die Gewalttat in den privaten Bereich.

Dabei gibt es eine konkrete Bezeichnung dafür: Femizid. Femizide sind Tötungen von Frauen und Mädchen wegen ihres Geschlechts von "privaten und öffentlichen Akteuren", definiert das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE). Sie sind Folge patriarchaler Verhaltensmuster und Denkweisen und Ausdruck des Machtungleichgewichts zwischen den Geschlechtern.

Kunst in der Kröpcke-Uhr: Künstlerin Kerstin Schulz leitet am Kröpcke mit einer Vernissage die Orange Days 2022 ein. Dort stellt sie ihre interaktive Kunstinstallation "Tabu:bruch I Türen der Verschwiegenheit" vor.

Kunst in der Kröpcke-Uhr: Künstlerin Kerstin Schulz leitet am Kröpcke mit einer Vernissage die Orange Days 2022 ein. Dort stellt sie ihre interaktive Kunstinstallation "Tabu:bruch I Türen der Verschwiegenheit" vor.

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Toxische Beziehungen als Ursache

Femizide innerhalb von Partnerschaften sind bestürzende Eskalationen häuslicher Gewalt. Seit der Corona-Pandemie steigen Fälle von häuslicher Gewalt sprunghaft an. "Häusliche Gewalt ist heimliche Gewalt. Man spricht nicht darüber, was im eigenen Heim geschieht", schreibt der Soroptimist International Club Hannover auf seiner Website. Die Soroptimistinnen aus Hannover setzen zum diesjährigen Orange Day auf Prävention.

Ein Flyer des Clubs zählt die Anzeichen einer toxischen Beziehung auf, um häusliche Gewalt zu verhindern: Intensität, Eifersucht, Kontrolle, Isolation, Kritik, Sabotage, Schuldzuweisung und Wut sind Zeichen für ungesunde Beziehungsmuster. Solange das Sprechen über häusliche Gewalt tabuisiert bleibt, wird sie sich immer wieder reproduzieren, schreibt der Club zum Orange Day 2022.

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Die Gewalt innerhalb von Beziehungen ist die am meisten verbreitete Gewalt gegen Frauen, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Eine von drei Frauen weltweit erlebt in ihrem Leben sexuelle, physische, strukturelle oder psychische Gewalt, schätzt die WHO. Die Angaben für Deutschland schwanken zwischen 35 und 40 Prozent.

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Gewalt hat viele, teils unscheinbare Erscheinungsformen

Gewalt wird oft mit Schläge, Vergewaltigung und Mord gegen Frauen verknüpft. Allerdings beginnt Gewalt gegen Frauen schon viel früher mit frauenfeindlicher Sprache, Witzen und Beschimpfungen – Alltag für weiblich gelesene Personen in Deutschland. Laut Statista berichten 97 Prozent der weiblichen Befragten von sexueller Belästigung. Meiden Frauen bestimmte Orte, Wege oder Situationen ist auch das eine Form von Gewalt – sie werden wegen ihres Geschlechts in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt. Auch Beschimpfungen, Belästigung, Bedrohung und Kontrolle sollten als das benannt werden, was sie sind: Gewalt.

Sie kann Frauen aus allen sozialen Schichten, Altersgruppen und in jeder Situation treffen: Zuhause, in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz oder online. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zählt folgende Formen von Gewalt auf: Häusliche Gewalt, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, sexualisierte Gewalt, digitale Gewalt, Stalking, Mobbing, Gewalt im Namen der "Ehre", Zwangsverheiratung, Genitalverstümmelung und Menschenhandel.

Das Neue Rathaus am Orange Day 2020: Auf orangenem Hintergrund sind Botschaften wie „Nein heißt nein“ geschrieben.

Das Neue Rathaus am Orange Day 2020: Auf orangenem Hintergrund sind Botschaften wie „Nein heißt nein“ geschrieben.

Frauenhass ist gesellschaftlich tief verankert

Dass Formen von Gewalt als vermeidlich harmlos abgetan werden oder gänzlich übersehen werden liegt an gesellschaftlich tief verankerten Überzeugungen. Bis heute formen patriarchale Strukturen, in denen Männern Macht und Kontrolle innehaben, das Zusammenleben. Ein Machtgefälle zwischen den Geschlechtern ist sozusagen der Standard.

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Auch Frauenfeindlichkeit oder die sogenannte Misogynie resultiert aus diesen – von Männern wie Frauen wie nicht-binären Personen – verinnerlichten Denkmustern. Das weibliche Geschlecht und Dinge, die stereotypisch als weiblich gelten, werden abgewertet. Misogynie beginnt bei Aussagen wie „Sei kein Mädchen“ und endet in Femiziden.

Männer müssen aktiv werden

Noch immer weiß ein Großteil der Bevölkerung nicht genug über geschlechterspezifische Gewalt. Es ist nach wie vor ein schambehaftetes Thema aus dem vermeidlich privaten Umfeld. Dazu kommen Erzählungen über den Fremden, der nachts im Park aus dem Gebüsch springt – eine falsche Vorstellung von Gewalt an Frauen, die aber weit verbreitet ist. Dabei ist statistisch gesehen der eigene (Ex-)Partner am gefährlichsten für Frauen.

Aus Sicht der UN Women lehne sich eine gesellschaftliche Gruppe besonders zurück und verkenne ihren Einfluss. „Geschlechtsspezifische Gewalt ist kein ‚Frauenproblem’, sondern ein Problem der gesamten Gesellschaft“, betont die Vorstandsvorsitzende von UN Women Deutschland, Elke Ferner. „Auch und insbesondere Männer müssen sich mit gewaltbetroffenen Frauen solidarisieren und sich gegen alle Formen geschlechtsspezifischer Gewalt einsetzen.“

Von epd / kal

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