Nordstadt

Internationalismus-Buchladen ist "schneller als Amazon"

Die Geschichte

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Im Jahre 1975 übernahmen acht Bücherliebhaber den Internationalismus-Buchladen und zogen mit ihm vom Unabhängigen Jugendzentrum Kornstraße in die Königsworther Straße um. Von ihnen ist einer geblieben: Arno Kundlatsch. Ab 1984 führte der Allgäuer Antiquar das Geschäft mit einem Rest-Team auf dem Engelbosteler Damm weiter, zunächst in der Nummer 10. Kurz bevor der Mietvertrag im Jahre 2001 auslief und der Umzug an den E-Damm 4 anstand, kehrte auch Henning Appel dem Geschäft den Rücken; mit ihm hatte der 58-jährige Kundlatsch schon Anfang der siebziger Jahre den ersten hannoverschen Kinderbuchladen – in Verbindung mit einem Antiquariat – am Schwarzen Bären geführt. Der jüngste Umzug war wahrscheinlich der schmerzlichste.

Kundlatsch musste seine Ladenfläche von 270 auf 80 Quadratmeter reduzieren, denn ein größeres Geschäft in unmittelbarer Nähe stand nicht zur Verfügung. Der Buchhändler verteilte seine Bestände auf verschiedene Lager, um im ohnehin stets bis auf die letzte Ecke mit Büchern zugestellten Geschäft ein Durchkommen zu garantieren. Für das von Jorge la Guardia gemachte Ladenschild – der andalusische Künstler hat sein Atelier schräg gegenüber – fand sich aber selbstverständlich genug Platz über den Schaufenstern. Immerhin handelt sich um eine Art Markenzeichen.

Die Geschäfte

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Frage „Wie führe ich ein Buch wieder dem Kreislauf zu?“ ist für Arno Kundlatsch immer schwieriger zu beantworten. Jede Woche kommen kistenweise Bücher zu ihm, die vererbt oder einfach übrig sind und für die keiner mehr Zeit oder Platz hat. „Das Leben mit Büchern ist im Aussterben begriffen“, sagt er. „Mein Job ist jetzt auch Bücherverweser.“ Anspruchsvolle Bücher zu verkaufen sei fast unmöglich geworden. Selbst die Studenten, ein Großteil der Klientel im Internationalismus-Buchladen, stünden unter solchem Druck, dass sie nur noch das Nötigste lesen würden. In diesem Sinne bezieht sich der Kundlatsch gern auf einen der bekanntesten Bibliothekare der Nation, Paul Raabe, der gerade vom „Verschwinden einer Buchkultur“ gesprochen hat.

„Zwei Pestbeulen“ sind nach Ansicht von Kundlatsch dafür verantwortlich: „Google sowie Amazon und Verwandtes.“ Dabei sei er im Bücherbeschaffen immer noch schneller als Amazon. „Abends bestellt, morgens um neun da“, sagt er selbstbewusst. Um sein Überleben zu sichern und weitere Kreise zu ziehen, macht sich der Antiquar seit einigen Jahren zu den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig auf: „Da kaufen dann manchmal Hannoveraner bei mir.“ Außerdem hat er sich ein Standbein als Schätzer und Gutachter aufgebaut: „Das Wissen steht ja zur Verfügung.“

Der Chef

Im vergangenen Jahr ist Kundlatsch, der mit Frau und Sohn in der Nordstadt wohnt, einmal wöchentlich nach Frankfurt gependelt, um für das Goethehaus im Freien Deutschen Hochstift die Bibliothek von Hugo von Hofmannsthal bibliographisch zu erfassen und zu bearbeiten. Die prekäre Situation der Buchkultur veranlasst ihn indes zu immer zynischeren Sätzen: „Da die gesamte Linke ihr Büchergewissen bei mir abliefert – auch ihr linkes Gewissen –, erwäge ich, ein Maluspunkte-System einzuführen, je nach Schwere des Delikts.“

Derweil wird er weiter ums Überleben der Buchkultur kämpfen, seine Buchhaltung selbst machen und auch die Schaufenster selbst dekorieren. „Solange der Grad der Selbstausbeutung erträglich ist, werde ich etwas gegen den Kulturschwund unternehmen“, sagt er. Arno Kundlatsch wird also weiterhin als Ansprechpartner für Bücherleser geradestehen, nach Geschäftsschluss noch schnell Geburtstagspäckchen für vergessliche Kunden verpacken und darauf hoffen, dass ihm jemand eine wertvolle Gutenberg-Bibel anbietet. Und solange es irgendwie geht, wird er auch keine älteren Damen wegschicken, die ihm ihre Bücher anvertrauen. Denn da kommt bei Kundlatsch noch die „alte Schule“ zum Vorschein: „Das macht man einfach nicht.“

von Karin Vera Schmidt

Mehr aus Hannover

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen