Nordstadt

Jüdischer Friedhof in Hannover steht auf urzeitlichem Sandberg

Man kann noch so weit in der Geschichte Hannovers zurückgehen – einen Blick aufs Meer hatte die Stadt ihren Bewohnern nie zu bieten. Und doch liegt der Gedanke nicht allzu fern, denn noch vor wenigen hundert Jahren war die Leinestadt mit großen, goldgelben Dünen gespickt. Die mitunter Dutzende Meter hohen Sandberge wurden allerdings nicht durch die Wellen eines urzeitlichen Meeres aufgetürmt, sondern waren nach einer Eiszeit vom Wind zusammengetragen worden. Fast alle dieser sogenannten Binnendünen sind inzwischen aus dem Stadtbild verschwunden. Nur eine einzige Düne blieb Hannover erhalten und zeigt bis heute ihre charakteristische Form: der alte jüdische Friedhof in der Nordstadt.

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Entstanden sind Hannovers Dünen nach der jüngsten Eiszeit. Vor etwa 200 000 Jahren dehnten sich die Gletscher vom Nordpol bis nach Norddeutschland aus und überzogen auch Hannover mit einer blau schimmernden, rund 200 Meter dicken Eisschicht. Bei ihrem Vormarsch nach Süden schoben die Gletscher große Mengen an Kies und Steinen vor sich her und zerrieben dieses Geröll zu feinen Körnchen. Nach dem Schmelzen der Eismassen türmten Nordost-Winde den Sand auf und trieben ihn als Wanderdünen vor sich her.

Fast alle dieser hannoverschen Sandberge sind später zu Baumaterial verarbeitet worden. An etlichen Stellen überlebten sie nur als Straßennamen: Von Schneiderberg (Nordstadt) und Grebenberg (Leinhausen) ist ebenso wenig übrig geblieben wie von Lärchenberg (Oststadt) oder Emmerberg (Südstadt). Im Berggarten der Herrenhäuser Gärten entzücken Orchideen und andere exotische Gewächse die Besucher, doch an einen Berg erinnert auch dort nichts mehr.

Dasselbe Schicksal hätte beinahe auch die Nordstädter Düne ereilt – hätte nicht ein Welfenherzog vor 350 Jahren den mittlerweile als Friedhof genutzten Hügel unter seinen Schutz gestellt. Mit „scharffer Straffe“ müsse jeder rechnen, der die Totenruhe „mit Abführung des Sandes“ stören werde. So steht es auf Herzog Johann Friedrichs „Schutzstein“, der noch heute an der Ostseite der Friedhofsmauer zu sehen ist.

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Der Beistand des Landesherrn war nötig geworden, da die jüdische Gemeinde ihre Begräbnisstätte ab 1550 auch im übertragenen Sinn auf Sand gebaut hatte. Denn Fuhrleute aus Hannover und Langenhagen bedienten sich damals rücksichtslos an dem Berg aus begehrtem Baumaterial. Der Sand sei „dermaßen weggefahren, daß wir auch jüngst ein Sarck von newen bescharren und tieffer einsencken müßen“, heißt es 1673 in einem Klageschreiben der Juden an den Fürsten. Effektiv scheint die in Stein gemeißelte Drohung nicht gewesen zu sein. 70 Jahre später musste die Hecke rund um den Friedhof durch eine Mauer ersetzt werden, um die Fuhrleute endgültig fernzuhalten.

Was dem urzeitlichen Sandberg bis dahin verloren ging, wurde von der jüdischen Gemeinde gewissermaßen restauriert. Denn als der Platz auf der Grabstätte enger wurde, schichteten die Verantwortlichen neuen Sand auf und bestatteten die Verstorbenen übereinander. Ein Umbetten der Särge ist nach jüdischer Tradition nicht erlaubt. Lediglich die alten Grabsteine versetzte die Gemeinde immer wieder auf den Gipfel.

Auch die Zeit des „Dritten Reichs“ überstand der Friedhof ohne tiefgreifende Folgen. Die Nationalsozialisten begnügten sich damit, der Straße Am Judenkirchhof den Namen An der Düne zu geben. Was es mit dem eiszeitlichen Sandhügel auf sich hatte, entging den ansonsten geschichtsbewussten Nationalsozialisten allerdings: Ein Adressbuch von 1942 begründet den neuen Straßennamen lediglich damit, dass er der „eigentümlichen Dünenbildung längs der Leine“ gewidmet ist.

Heute gilt der Friedhof als eine der ältesten erhaltenen jüdischen Grabstätten in Norddeutschland. Knapp fünf Jahrhunderte konnte sich der Standort behaupten – und unter seiner Oberfläche auch einen Teil der Eiszeit im Herzen der Nordstadt erhalten.

Michael Soboll

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