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Urteile

Jugendschöffengericht verurteilt Intensivtäter zu Haftstrafen

Die Fußgängerbrücke über die Bornumer Strasse, Höhe Canarisweg. Ein jugendlicher Intensivtäter hatte Steine von der Brücke auf einen Bus geworfen.

Die Fußgängerbrücke über die Bornumer Strasse, Höhe Canarisweg. Ein jugendlicher Intensivtäter hatte Steine von der Brücke auf einen Bus geworfen.

Hannover.Der Fahrer ist mit seinem Linienbus auf der Bornumer Straße unterwegs, kurz nach Mitternacht, als es rummst: Zwei dunkle Gestalten werfen von einer Fußgängerbrücke nahe dem Canarisweg drei Steine auf das Dach seines Fahrzeugs. Doch das ist noch nicht alles: Eine Viertelstunde später attackiert ihn einer der beiden Steinewerfer und raubt mit vorgehaltenem Messer seine Wechselgeldkasse. Der gleiche Täter überfällt 30 Minuten später auch eine Spielhalle nahe dem Mühlenberger Markt. In dieser Woche hat ein hannoversches Jugendschöffengericht den 17-jährigen Artur S.* wegen dieser und anderer Delikte zu einer Freiheitsstrafe nach Jugendstrafrecht von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Der damals 16-jährige Mohammed K.*, ein Freund des Russlanddeutschen, ahmte wenige Wochen nach dem Bus-Überfall einige der Taten seines Kumpels nach - und wurde in dem gleichen Verfahren unter Vorsitz von Richter Detlef Süßenbach zu einer Jugendstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt.

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Beute: 51 Euro

Es ist der 1. November 2012, als der als Intensivtäter geltende Artur S. die Steine auf den fahrenden Regio-Bus wirft. Der Dachschaden wird später auf 3000 Euro beziffert. Der 42 Jahre alte Fahrer hält 50 Meter hinter der Fußgängerbrücke in einer Haltebucht an. Er verständigt Üstra und Polizei, begutachtet die Dellen im Blech. Bei ihm ist ein 54-jähriger Fahrgast. Seit dem lautstarken Aufprall sind gerade einmal 15 Minuten vergangen, als plötzlich Artur S. vor den zwei Männern auftaucht, eine Kapuze über den Kopf gezogen. Der Jugendliche steht unter dem Einfluss von Alkohol und Cannabis, fordert Bargeld. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, der 17-Jährige dringt in den Bus ein und zwingt den Fahrer mit gezücktem Messer, ihm die Metallkassette mit dem Wechselgeld auszuhändigen. Seine Beute: 51 Euro.

Weil ihm die Summe nicht reicht, stürmt S. eine halbe Stunde später in die Spielhalle „Freizeit-Oase“ in Mühlenberg. Als sich ihm ein 57-jähriger Gast in den Weg stellt, rennt er diesen über den Haufen. Der Mann stürzt, zieht sich einen Oberschenkelbruch zu; an den Folgen des Sturzes laboriert er noch heute. Auch die 46 Jahre alte Frau, die in dieser Nacht in der Spielhalle als Aufsicht tätig ist, wird von Artur S. zur Seite gestoßen und prallt gegen einen Heizkörper. Doch die Beute, die der Räuber aus einer Schublade kramt, ist noch geringer als zuvor: Er hält nur Geldbanderolen in der Hand.

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Artus S. kein Unbekannter im Stadtteil

Der 17-Jährige flieht in die elterliche Wohnung in der Nachbarschaft. Dort stellt er fest, dass er bei dem Spielhallen-Überfall sein Mobiltelefon verloren hat. Er eilt zurück - und läuft der Polizei in die Arme. Seitdem sitzt der Jugendliche, der die Schule nach der 9. Klasse ohne Abschluss verließ, in Untersuchungshaft.

Artus S. ist kein Unbekannter im Stadtteil. Vor dem Gewaltexzess im November hatte es der Jugendliche bereits auf sechs Vorstrafen gebracht. Versuchter Raub, Körperverletzung, räuberische Erpressung: Die Delikte waren nicht von Pappe. Erst im Juli 2012 raste Artur S. im Auto seines Vaters mit weit überhöhter Geschwindigkeit durch das Mühlenberg-Viertel, verlor die Kontrolle über den Wagen, beschädigte Laterne und Zaun. In dieser Woche verurteilte ihn das Jugendschöffengericht nun wegen schwerer räuberischer Erpressung, Raub in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung, Gefährdung des Straßenverkehrs und Fahren ohne Fahrerlaubnis. Die Strafe von mehr als zwei Jahren wird S. in der Jugendanstalt Hameln absitzen müssen.

Fatales Vorbild

Gewöhnlich herrscht zwischen russisch- und türkischstämmigen Jugendgruppen große Rivalität. Am Mühlenberg scheint Artus S. mit Mohammed K. allerdings einen Freund gefunden zu haben, der ihn auf fatale Weise zum Vorbild auserkoren hat. Bei der nächtlichen Attacke auf den Linienbus soll K. ebenfalls auf der Brücke gestanden haben, allerdings konnte ihm das Gericht nicht nachweisen, dass auch er Steine warf. Unstrittig aber ist, dass der 16-jährige Hauptschüler wenige Wochen nach diesem Angriff randalierend durch Straßen in Mühlenberg zog, dass er Tür und Fahrerkabine einer Stadtbahn demolierte. Und unschwer nachweisen konnte ihm das Gericht ebenso, dass er Mitte November 2012 die gleiche Mühlenberger Spielhalle ausrauben wollte, die sein in U-Haft sitzender Kumpel bereits überfallen hatte. Dieses Mal wehrte ein Gast den mit einem Messer bewaffneten Angreifer mit einem mobilen Kleiderständer und einem Staubsauger so lange ab, bis zwei zufällig in der Nähe weilende Polizeibeamte dem Spuk ein Ende bereiteten.

Der türkischstämmige Mohammed K. weist bislang erst einen Vorstrafen-Eintrag - wegen Körperverletzung - auf, die jetzt verhängte einjährige Freiheitsstrafe wegen räuberischer Erpressung setzte das Jugendschöffengericht zur Bewährung aus. Damit er Artus S. nicht über kurz oder lang in die Jugendanstalt Hameln folgt, wäre K. sicher gut beraten, sich schnellstmöglich andere Freunde zu suchen.

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* Name geändert

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