Zu Gast im INI

Kameras übertragen Live-OP am Gehirn

Der Mann ist ein Künstler. Das würde selbst ein Laie erkennen. Und die fast 100 Zuschauer, die sich im Hörsaal des International Neuroscience Institute (INI) die live aus dem Operationssaal übertragenen Hirnoperationen des INI-Gründers Prof. Madjid Samii ansehen, sind beileibe keine Laien. In den schmalen Stühlen sitzen Neurochirurgen aus aller Welt. Sie sind Institutsdirektoren, Universitätsprofessoren und selbst Experten in ihrem Bereich der Hirnchirurgie.

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Eiji Kohmura aus dem japanischen Kobe etwa ist Spezialist für Hörnervtumoren (Akustikusneurinome). Dennoch ist er nach Hannover gekommen, um Prof. Madjid Samii operieren zu sehen, der am gestrigen Vormittag gleich bei drei Patienten mit der seltenen und extrem schwer zu operierenden Geschwulst das Messer angesetzt hat. „Mein Vater ist Mr. Akustikusneurinom“, erklärt Madjid Samiis Sohn Prof. Amir Samii. „Er hat die Operationstechnik für diesen Tumor entwickelt und standardisiert – und er hat weltweit die besten Ergebnisse.“

Madjid Samii operiert konzentriert, zielstrebig und zügig. Das Operationsfeld wirkt aufgeräumt. Aufgeschnittene Haut wird mit Heftstichen fixiert, damit sie nicht im ungeeigneten Moment ins Blickfeld fällt. Blutungen werden auf das Minimum reduziert und sofort abgesaugt, um stets optimale Sicht zu gewährleisten. Samiis Bewegungen sind effektiv und verraten seine jahrzehntelange Erfahrung. Wie ein Künstler mit dem Pinsel ein Kunstwerk erschafft, so restauriert der Neurochirurg das Kunstwerk Hirn, befreit es von Krebstumoren und verschafft den Nervenbahnen und funktionellen Zentren wieder ausreichend Platz, ohne sie dabei zu schädigen.

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„Man lernt eine Menge bei ihm“, erklärt Mario Giardiano, der mit dem Hirn-Experten zusammen im INI arbeitet und die Liveübertragung im Hörsaal moderiert. „Professor Samii ist einfach besonders.“ Auf der Leinwand ist unterdessen zu sehen, wie Samii nach der Entfernung eines Hörnervtumors die letzten Feinheiten erledigt. „Bevor Sie zunähen, muss alles absolut sauber sein“, schärft er seinen Zuhörern ein. „Wenn Sie irgendwie das Gefühl haben, dass noch etwas Tumor vorhanden sein könnte, müssen Sie mit dem Endoskop nachschauen.“

Für den nächsten Eingriff wechselt Samii dann den Operationssaal. Der 60-jährige Iraner, den ein ausgedehnter hirneigener Tumor (Gliom) im Vorderhirn plagt, wird in die sogenannte Brain Suite geschoben. Dieser als Nummer eins bezeichnete Operationssaal verfügt über eine Technik, wie sie nur wenige Male auf der Welt zu finden ist. Neben dem hochmodernen Operationsmikroskop, das eine exakte Navigation in dem von Krebs befallenen Hirnareal erlaubt, steht ein Kernspintomograph im Saal, mit dem bei Bedarf noch während der Operation aktuelle Aufnahmen des Kopfes gemacht werden können. Das ist beispielsweise wichtig, um zu prüfen, wie die Nerven verlaufen, wenn der sie wegdrückende Tumor erst einmal entfernt ist.

Außerdem können die Neurochirurgen so ohne Aufwand feststellen, ob noch Tumorgewebe übrig ist. „Die Daten aus inzwischen mehr als 400 Operation in unserer Brain Suite zeigen, dass wir bei 45 Prozent der Fälle noch einmal nacharbeiten mussten“, sagt Amir Samii. Ohne das intraoperative Kernspin hätten die Patienten dazu ein zweites Mal in den Operationssaal gemusst.

Für Gustavo Carvalho ist die neue Technik hochspannend. Der brasilianische Neurochirurg, der perfekt Deutsch spricht, hat neun Jahre lang mit Madjid Samii im Nordstadtkrankenhaus gearbeitet. Nun ist er neugierig, was das eigene Haus des renommierten Neurochirurgen zu bieten hat. Gute Operationsmikroskope mit Navigationsmöglichkeiten habe man zwar auch in Brasilien, sagt Carvalho. Aber die Brain Suite ist auch für ihn neu.

Mario Giardiano hat inzwischen die Übertragung gestartet. Während der Patient für den Eingriff vorbereitet wird, erläutert der INI-Bildgebungsexperte Prof. Rudolf Fahlbusch die vorab aufgenommenen Kernspintomographien. Aus verschiedenen Perspektiven ist der Tumor als gelber Klumpen zu sehen. Direkt daneben liegen die violett gezeichnete Pyramidenbahn und die grün markierte Sehbahn. „Wenn wir den Tumor entfernen wollen, ist es wichtig, dass wir diese Strukturen schonen“, sagt Fahlbusch. Für Madjid Samii kein Problem. Vorsichtig arbeitet er sich von der harten Hirnhaut in den sogenannten Temporallappen des Gehirns vor, wo der Tumor laut den Kernspinaufnahmen zu finden sein muss. Und tatsächlich: „Das ist jetzt der Tumor“, sagt Samii und tippt mit seinem Instrument auf einen andeutungsweise grau schattierten Gewebebereich. „Sehen Sie den Unterschied zum gesunden Hirngewebe?“, fragt er die Zuschauer. Dann nimmt er Proben für die Gewebeuntersuchung. Sie wird nach der Operation zeigen, wie bösartig der Krebs war. Mit einem Spezialinstrument verödet der Neurochirurg Stück für Stück den Tumor und entfernt ihn. „Es befindet sich fast alles im Temporallappen. Außerdem hat der Tumor den Sehnerv und den Hirnstamm gequetscht.“ Kein Wunder also, dass der Patient Gedächtnisstörungen, Sehprobleme und eine beginnende halbseitige Lähmung hatte. Nach etwas mehr als einer Stunde chirurgischer Feinarbeit bringt die Kernspinkontrolle dann die erlösende Nachricht: Der Tumor konnte vollständig entfernt werden. Der 60-jährige Iraner wird sich noch eine Woche im INI erholen müssen, dann kann er nach Hause. Und er hat gute Chancen, dass Sehstörungen und Lähmungen völlig verschwinden.

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