25.000 Zuschauer bei Fury in the Slaughterhouse

„Klassentreffen“ auf der Expo-Plaza

Umzingelt: Kai (links) und Thorsten Wingenfelder nehmen ein Bad in der Menge.

Umzingelt: Kai (links) und Thorsten Wingenfelder nehmen ein Bad in der Menge.

Hannover. Rockmusiker hören nicht auf. Sie treten zurück. Rockmusiker bleiben immer Rockmusiker, weil das kein Beruf ist, sondern eine Haltung. Wer zurücktritt, das ist das Praktische, kann auch wieder vortreten. Seit die Musiker von Fury in the Slaughterhouse 2008 das Bandprojekt für beendet erklärten, gibt es Spekulationen, wann dieses Ende zu Ende sei. Am Sonnabend nun war es so weit. Fury tritt wieder als Mannschaft an. 25 000 Menschen durften es erleben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Es wollten doppelt so viele dabei sein. Damit hätten weder die Bandmitglieder noch Hannover-Concerts-Chef Wolfgang Besemer gerechnet, der die Idee zu diesem Ereignis hatte. Spätestens, als die sechs Männer kurz vor 21 Uhr auf die Bühne treten, müssen sie erkennen, dass sie wohl jetzt das sind, was man als Kultband bezeichnet. Der Jubelsturm ist ein Hallo, ein Dankeschön für alles und Vorfreude auf einen schönen Abend. Dem steht zumindest vom Drumherum nichts im Wege: Das Wetter spielt mit, das Areal haben die Toten Hosen einen Tag zuvor schon warm gerockt, und beim Vorprogramm notieren sich die meisten im Kopf den Namen Cäthe.

Und die umjubelten Sechs? Großartig verändert haben sie sich seit ihren Abschiedskonzerten auf der Parkbühne vor fünf Jahren nicht. Gitarrist Christof Stein-Schneider bevorzugt nach wie vor lustig bunte Anzüge zu rotem Schopf, Thorsten Wingenfelder trägt Künstlerhut, sein Bruder Kai Kappe, und weil Bassist Christian Decker und Keyboarder Gero Drnek im Gesicht aufgerüstet haben, ist Schlagzeuger Rainer Schumann der Einzige ohne Bart. Das ist, auch für den flüchtigen Betrachter, zweifelsfrei Fury in the Slaughterhouse.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Mit den ersten Tönen von „Waiting for Paradise“ ist der Fury-Sound wieder im Ohr, erkennbar, definierbar, vor allem festzumachen an Wingenfelders tremolierender Stimme und den ausgezeichneten Harmoniegesängen seiner Kollegen. Es wird schnell klar, dass das kein Experimentierabend wird, bei dem jeder Mal ein Stück aus seinem Soloprojekt oder seine Lieblingscovernummer vorsingen darf. Das ist bei Maffay-Konzerten immer die Phase, in der man Bier holt oder aufs Klo geht. Die Furys sind schlau genug, sich diesen Werbeblock zu sparen, es gilt ja auch, keine kostbaren Minuten zu verschwenden. Es ist nur dieser eine Abend Zeit, um die Erinnerung der Fans aufzufrischen. „Eine Stadt – eine Band – ein Konzert“ haben sie diese Wiederkehr getauft. Und dieses eine Konzert soll dieser einen Band gehören. Danach gehen wieder alle ihrer Wege. Neue Songs gibt es nicht. Aber mehr als genug alte.

Zwei Wochen lang haben sie geprobt, in Hannover und einmal zum Aufwärmen vor Publikum in Oldenburg. Die Musik sitzt bis auf ganz wenige Wackler gut. Dass die Band nicht im Tourmodus ist, merkt man bei den Ansagen, wenn zwei Musiker gleichzeitig einen Spruch reißen oder die nächste Nummer anmoderieren wollen. Wer sich das Doppelprogramm mit den Toten Hosen am Tag zuvor an gleicher Stelle gegeben hat, und das sind nicht wenige, merkt gerade zwischen den Songs den Unterschied zur geölten Konzertroutine von Campino & Co. Aber wen interessiert das an diesem Abend? Man kann sagen: Es menschelt an allen Ecken. Wenn sich die Furys den Weg durch die Menge auf eine kleine Mittelbühne bahnen und irgendwo Keyboarder Drnek verloren gegangen ist. Wenn Kai Wingenfelder 25 000 Menschen seine Probleme mit den Monitorohrstöpseln zu erklären versucht und es irgendwie doch nicht hinbekommt. Wenn die Umbaupause nach einer kleinen Straßenmusikeinlage am Bühnenrand zu lange dauert, weil Rainer Schumann zu lange an seinem Schlagzeug schraubt. Dann machen sie es halt so wie beim Kneipengig vor 50 Leuten, das erdet die ganze Sache, das ist gut so, und das sind am Ende die Momente, die ein besonderes Konzert ausmachen. Als ob es nicht schon besonders genug wäre.

Die Fans vertrauen der Band, und deshalb muss die Band auch nicht das Partyhitprogramm spielen, immer auf die Zwölf, Hauptsache Volldampf. Es sind auch ruhige Momente da, wie die Folkballade „Bar de Boulistes“, ganz alte Schätze wie „Bangkok“, und selbst für einen politischen Appell zum Todesstrafensong „Dancing in the Sunshine of the Dark“ ist Platz. Wenn diese Vielfalt auch ein Ergebnis der Meinungsverschiedenheiten ist, die es in der Band oft gab, dann erzeugt Reibung auch hier Wärme.

So richtig es war, vor fünf Jahren einen Schnitt zu machen, so gut ist es, die Truppe mal wieder gemeinsam auf der Bühne zu sehen. Und weil es in ihrer Stadt passiert, ist das Konzert trotz vieler angereister Fans auch ein Hannover-Ding. Bei „Won’t Forget these Days“ sogar ein Hannover-96-Ding. Da ist dann richtig Party. Wie auch bei „When I’m Dead And Gone“, „Land of Milk And Honey“ und „Time to Wonder“. Der Spruch des Abends gehört Stein-Schneider („Die Merkel trägt jetzt meine Farben auf“), die Szene des Abends Gero Drnek. Beim Schlusssong „Seconds to Fall“ soll er eigentlich Akkordeon spielen, „aber das ist schon im Koffer“. Ein Roadie hatte ein bisschen zu früh aufgeräumt. Und Drnek improvisiert und imitiert das Akkordeon mit dem Mund. Nach gut zwei Stunden ist es ein schöner passender Schluss für ein schönes, passendes Konzert.

Mehr aus Hannover

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen