Modedroge

Kräutermischung Spice: Experten sind in Sorge

Die Kräutermischung schmecke nach Pfefferminze. Doch das liege an der Spezialmischung unter dem Namen "Arctic Synergy". "Passend zum Winter", sagt der Verkäufer im sogenannten Headshop lächelnd, als er das kleine Tütchen mit der Modedroge Spice offen über den Ladentisch reicht.

Spice – das klingt zunächst wie ein Aftershave, und auch die seltsame Kräutermixtur in der silbernen Tüte sollte eigentlich nur den Geruchssinn betören – als Räuchermittel. Diese Art des Konsums ist jedoch eher die Ausnahme, denn geraucht sollen die getrockneten Kräuter wie Marihuana wirken. Ein Räucherwerk als Rauschmittel, ganz legal – jedenfalls bis Ende Januar. Denn dann soll Spice per Eilverordnung verboten werden.

Heiner Peterburs, Geschäftsführer der hannoverschen Suchtberatungsstelle STEP, warnt vor der neuen Droge: "Die Kräuter haben eine Wirkung auf das zentrale Nervensystem. Wir stellen fest, dass bei immer mehr Jugendlichen die Bereitschaft vorhanden ist, durch die Einnahme von Spice ihren Bewusstseinszustand zu ändern."

Offiziell steckt in den Tütchen nichts Unbekanntes oder gar Gefährliches: Meeresbohne, Helmkraut oder Rotklee wirken an sich nicht berauschend und wachsen in jedem Kräutergarten. Spice enthält laut Aufdruck weder Nikotin noch THC (Tetrahydrocannabinol), also Cannabis, oder andere psychoaktive Substanzen. Selbst Toxikologen konnten lange keine berauschenden Mittel wie etwa Alkaloide nachweisen, höchsten eine hohe Dosis Vitamin E – doch das dürfte Konsumenten kaum in einen Rauschzustand versetzen. Erst Ende Dezember fand das Frankfurter Pharmaunternehmen THC-Pharm heraus, dass die Kräutermixtur auch eine chemische Substanz aus der Arzneimittelforschung enthält: das synthetische Cannabinoid JWH-018, in den USA entwickelt und wesentlich stärker als der natürliche Cannabis-Wirkstoff THC.

Parallel zu der Untersuchung von THC-Pharm hatte im Dezember auch eine Analyse des Bundeskriminalamts Spuren von JWH-018 in der vermeintlichen Kräuterdroge entdeckt. Erst mit der Entdeckung der Substanz wurde auch der Weg frei, Spice zu verbieten, denn der Wirkstoff JWH-018 ist in Deutschland nicht zugelassen.

Noch durchläuft das angestrebte Eilverbot die zuständigen Prüfstellen, aber spätestens Ende Januar, so ein Sprecher der Bundesdrogenbeauftragten gegenüber der HAZ, sollen Besitz und Konsum von Spice illegal sein. Ein langfristiges Verbot müssen dann noch Bundestag und Bundesrat realisieren. "Wir begrüßen den Versuch, Spice verbieten zu lassen. Jeder sollte wissen, dass es sich dabei um eine Droge mit unkalkulierbaren Risiken handelt", sagt Lothar Zierke vom Landeskriminalamt Niedersachsen.

Die Umsetzung könnte sich allerdings als schwierig erweisen. Weder schlagen die Hunde der Polizei und des Zolls auf die Mixtur an, noch kann bislang der Konsum des Rauschmittels in Bluttests etwa bei Straßenkontrollen nachgewiesen werden. Während Haschisch- oder Kokainkonsumenten sofort aus dem Verkehr gezogen werden können, müssen Polizisten die Konsumenten der Trenddroge unerkannt durchwinken.

"Ein weiteres Problem ist, dass beim Rauchen der Kräuter kein besonderer Geruch entsteht wie etwa bei Cannabis", erläutert Heiner Peterburs von STEP. Eltern oder Lehrer hätten also kaum eine Chance zu erkennen, dass ihre Kinder gerade die neue Modedroge zu sich nehmen. Grundsätzlich, so der Suchtexperte, konsumierten Jugendlichen meist mehr als ein Rauschmittel. "Die Hauptdroge bei den Jugendlichen ist nach wie vor Alkohol. An zweiter Stelle kommt Cannabis und dazu jetzt eben auch Spice", sagt Peterburs.

von Roland Brockmann und Tobias Morchner

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