Fahrlässige Tötung

Landgericht Hannover verurteilt Neurochirurgen

Mit der Entscheidung, die Geldstrafe von 9600 Euro zur Bewährung auszusetzen, blieb die Strafkammer zwar deutlich unter der Strafe, die das Amtsgericht in erster Instanz vorgesehen hatte. Doch der Arzt hatte offenbar mit einem Freispruch gerechnet. Richter Erhard Lüken sah es als erwiesen an, dass Saskia gestorben war, weil M. es versäumt hatte, dem Mädchen nach einer erfolgreichen Hirnoperation im Nordstadtkrankenhaus ein notwendiges Hormonspray zu verabreichen – dies hatte im September 2003 bei dem Kind zu einem massiven Flüssigkeitsverlust und extrem hohen Natriumwerten geführt. Eine Woche später starb das Mädchen.

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„Der Angeklagte hat die Tat durch Unterlassen begangen“, stellte Lüken fest, den Rat von Schwestern und Pflegern habe er nicht angenommen. Für den Richter war dabei unerheblich, dass sich der Mediziner noch in der Facharztausbildung befand. „Es handelte sich um Basiswissen, das schon ein Student nach dem Physikum haben muss.“ Die Kammer stützte ihr Urteil auf fünf Sachverständige, die den lebensbedrohlichen Zustand des Mädchens übereinstimmend darauf zurückführten, dass der Mediziner das Medikament zehn Stunden verspätet verabreicht hatte. Die Verteidiger hatten versucht, den Zusammenhang in Abrede zu stellen. Sie prüfen nun, ob sie Revision einlegen. Allerdings hat das Gericht mit der zur Bewährung ausgesetzten Geldstrafe, die einer Verwarnung entspricht, das mildeste Sanktionsmittel gewählt. Mit den verhängten 80 Tagessätzen gilt Mohammad M. als nicht vorbestraft, die Strafe taucht nicht im polizeilichen Führungszeugnis auf.

Mehr als eine Stunde begründete Lüken am Mittwoch das Urteil. Neben der Verfahrensverzögerung durch die Staatsanwaltschaft bemaß die Kammer auch die Umstände der Tat als strafmildernd. Im Nordstadtkrankenhaus seien „gravierende Fehler“ passiert, die der Angeklagte nicht zu vertreten habe. Nach Meinung des Richters war es ein „Organisationsverschulden“ der Klinik, dass diese keinen Kinderarzt zurate gezogen habe oder sich um eine rechtzeitige Verlegung bemüht habe. Mehrere Ärzte hätten die Probleme frühzeitig erkennen können, kritisierte Lüken, doch „selbst der Chefarzt hat sich bei seiner Visite nicht um die Laborwerte gekümmert“.

Für die Eltern von Saskia zeigten sich damit neue „erschreckende Aspekte“. Ihr Anwalt Dietmar Abel kündigte an, das Nordstadtkrankenhaus auf Schadensersatz verklagen zu wollen. An der Medizinischen Hochschule sei Mohammad M., der mittlerweile dort arbeitet, nicht mehr in der Krankenversorgung tätig, sagte MHH-Sprecher Stephan Zorn gestern der HAZ. Dem Vernehmen nach soll dies auch so bleiben. „Wenn das Urteil rechtskräftig ist, prüfen wir personalrechtliche Konsequenzen“, sagte Zorn. Voraussichtlich noch in diesem Jahr wird sich der Arzt erneut wegen fahrlässiger Tötung vor dem Landgericht verantworten müssen. Die Anklagebehörde wirft ihm vor, die Behandlung einer 54-jährigen Patientin des Nordstadtkrankenhauses mit Schädel-Hirn-Trauma verzögert zu haben, sodass sie „relevant kürzer gelebt hat“. Der Witwer hatte den Prozess um den Tod der achtjährigen Saskia während der gesamten Verfahrensdauer von der Zuschauerbank aus verfolgt.

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