Ver.di rät zur Vorsicht

Logistik-Unternehmen zahlen nicht nach Tarif

Foto: Logistikriese GLS ist eines der Unternehmen, die sich nicht für Tarifverträge interessieren.

Logistikriese GLS ist eines der Unternehmen, die sich nicht für Tarifverträge interessieren.

Hannover. Goldgräberstimmung macht sich breit: Die Region Hannover soll sich zu einem bedeutenden Logistikstandort entwickeln. In den Räten und Verwaltungen von Umlandgemeinden und Stadt Hannover reibt man sich die Hände und hofft auf die ganz großen Firmenansiedlungen.

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Die Bedingungen sind in der Tat exzellent: Hannover liegt mitten im Kreuz wichtiger Autobahn- und Schienenverbindungen. Nach der Ansiedlung des E-Commerce-Unternehmens Netrada auf dem Messegelände, schaut die Region jetzt auf ein umfangreiches Gebiet zwischen Wunstorf-Kolenfeld und Barsinghausen-Groß-Munzel, wo künftig neue Lagerhallen und Verteilzentren entstehen sollen. Hunderte, wenn nicht Tausende von Arbeitsplätzen könnten geschaffen werden.

Die Gewerkschaft ver.di hat nichts gegen neue Stellen und hebt dennoch mahnend den Finger. „Bei Ansiedlungen von Logistikunternehmen sollten sich die Kommunen immer fragen: Kommt in der jeweiligen Firma der repräsentative Tarifvertrag zur Anwendung?“, sagt Gewerkschaftssekretär Christoph Feldmann. Denn schon jetzt werde schätzungsweise ein Drittel der 13.000 Logistik-Beschäftigten in der Region Hannover nicht nach Tarif entlohnt. Mit Stundenlöhnen von sechs Euro, manchmal auch weniger, müssen Zusteller, also diejenigen, die Pakete sortieren und ausliefern, auskommen. „In den meisten Unternehmen gibt es nicht einmal Betriebsräte“, weiß Feldmann.

Auch im Falle der Netrada-Ansiedlung hatte ver.di Wasser in den Wein gegossen. Zwar gilt seit Kurzem ein Haustarifvertrag in dem auf Internet-Textilienhandel spezialisierten Unternehmen, doch bleiben die Löhne noch immer deutlich unterhalb des Flächentarifvertrags für die Branche. Insofern könne die hausinterne Regelung nur als „erster Schritt“ gewertet werden, hieß es von Gewerkschaftsseite. ver.di-Mitarbeiter Feldmann berichtet von deutlich schwärzeren Schafen, vor allem in der Speditionsbranche.

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Der Logistikriese GLS in Laatzen schert sich nachweislich nicht um Tarifverträge. Der Paketbringdienst DPD in Lehrte hat seine Zustellung weitgehend ausgelagert, sodass die Beschäftigten nun als Subunternehmer auf eigene Rechnung arbeiten. „Um die 40 Prozent der DPD-Beschäftigten sind Leiharbeiter, ein viel zu hoher Wert“, sagt Feldmann. Zwar sei gegen Leiharbeit grundsätzlich nichts einzuwenden, etwa als Mittel, um Krankheitsfälle zu überbrücken, aber keinesfalls dürfe die für den Arbeitgeber wesentlich günstigere Leiharbeit zur Regel werden.

Nicht nur Große der Branche fallen der Gewerkschaft negativ auf. „Die Möbelspeditionsfirma Schloms hat keinen Betriebsrat“, sagt Feldmann. Von Firmenseite heißt es, dass das Unternehmen mit seinen 25 Mitarbeitern zu klein für ein solches Gremium sei. „Falsch“, meint Feldmann, „denn ein Betriebsrat lässt sich schon ab einer Firmengröße von fünf Beschäftigten gründen“. Schloms betont aber, seine Beschäftigten tarifvertraglich zu entlohnen. Auch der Möbelspediteur Dederding bekräftigt, dass in den eigenen Reihen die tarifvertraglichen Regeln eingehalten werden. ver.di kritisiert, dass es bei Dederding noch immer nicht gelungen ist, einen Betriebsrat zu installieren.

Die Unzufriedenheit unter Logistik-Mitarbeitern ist hoch. Nach einer Umfrage der Gewerkschaft klagen 44 Prozent der Zusteller über eine „schwere körperliche und psychische Belastung“. Fast 60 Prozent der Beschäftigten sind der Ansicht, nicht bis zum gesetzlichen Rentenalter durchhalten zu können. ver.di fordert jetzt ein Umdenken in der Branche: Bessere Arbeitsbedingungen und angemessene tarifliche Entlohnung.

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