Grundschule Goetheplatz

Mit Fairness in die vierte Stunde

Auf dem Kreisel am Goetheplatz staut sich der Verkehr, die Sirene eines Rettungswagens heult, Lieferwagen hupen. Doch von der Hektik ist in dem großzügigen, lichtdurchfluteten Klassenraum in der Dachetage der Grundschule Goetheplatz nichts zu spüren. Es ist 11 Uhr, die vierte Stunde hat für die Klasse 4b begonnen, auf dem Stundenplan steht das Fach „Freundlich und Fair“. Die Fenster sind weit geöffnet, die Dächer des Anzeigerhochhauses und der Clemenskirche glänzen in der Sonne. 17 Kinder stehen barfuß auf dem Teppich und haben eine Aufgabe zu bewältigen, die vielen schwerer fällt als Rechnen oder Schreiben.

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Die Neun- bis Elfjährigen sollen sich sagen, was sie aneinander mögen. Mona schaut unglücklich zu Boden, als ihre Lehrerin Anne Schneekloth sie auffordert, etwas Positives über Erik zu sagen. „Ich will das nicht“, sagt sie leise. Auch Kläre muss sich überwinden. Die Neunjährige rutscht hin und her, dann blickt sie Nazli fest in die Augen und sagt: „Ich mag dich, weil du schöne Augen hast und immer für andere da bist.“ Nazli lächelt, die 4b kichert und klatscht.

Seit sieben Jahren gibt es an der Grundschule Goetheplatz das Fach „Freundlich und Fair“. Das Gewaltpräventionsprojekt ist fest im Stundenplan verankert. Einmal in der Woche geht es für jede Klasse eine Stunde lang darum, den respektvollen Umgang miteinander zu erlernen, Konflikte sachlich zu klären sowie ein Gespür für die eigenen Gefühle und die der anderen zu bekommen. „Wir wollen, dass unsere Schüler achtsam mit sich umgehen, nur dann können sie diese Achtsamkeit ihren Mitschülern gegenüber walten lassen“, erklärt Schulsozialpädagogin Sylvia Haas, die das Konzept maßgeblich mitgestaltet hat.

Haas kennt die Probleme des Viertels und der 100 Schüler, die die kleine Grundschule zwischen Steintor und dem Stadtteil Linden besuchen. Die Kinder kommen aus den unterschiedlichsten Ländern, sie leben häufig in schwierigen sozialen Verhältnissen, mit wenig Geld und fehlenden Zukunftsperspektiven. „Es ist eine hektische Zeit. Bei vielen Familien läuft den ganzen Tag der Fernseher, die Kinder bekommen die Not ihrer Eltern mit. Was sie benötigen, ist Ruhe und das Gefühl, dass sie wertvoll sind“, erklärt Haas. Für viele Kinder sei es eine hohle Phrase, wenn man ihnen sagt, dass sie freundlich sein sollen, sagt Haas. „Es wird ihnen oft nicht vorgelebt. Das wollen wir ändern.“

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Hakan hat das Prinzip verstanden. Er sei ein Schatz, erklärt der Zehnjährige, und seine Klassenkameraden auch. Und er weiß, dass man mit einem Schatz pfleglich umgehen muss. Er brauche Schlaf, gesundes Essen, liebevolle Worte. So haben es Hakan und seine Freunde an der Pinnwand in ihrem Klassenzimmer notiert. Das Fazit des Jungen mit den blitzenden, braunen Augen klingt zwar weniger poetisch, bringt das Ziel von „Freundlich und Fair“ aber auf den Punkt: „Wir lernen, uns nicht zu schlagen“, sagt Hakan. „Das bringt nur Stress.“

von Julia Pennigsdorf

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