„Die Drehscheibe“ in der List

Modellbahnhändler trotzt dem Trend

Faszination Basteln: Christoph Moehring versorgt seine Kunden mit einer Vielzahl von Modelleisenbahnen.

Faszination Basteln: Christoph Moehring versorgt seine Kunden mit einer Vielzahl von Modelleisenbahnen.

List. Das „Krokodil“ lauert hinter einer dicken Glasscheibe. Es hat es allerdings nicht auf Beute abgesehen, sondern wartet auf einen Käufer. Mit richtigem Namen heißt das „Krokodil“ Märklin CCS 800, den Spitznamen verdankt die Modelllokomotive ihrer flachen, grünen Front. Das Blechspielzeug stammt aus den fünfziger Jahren und gehört zu den Raritäten in Christoph Moehrings Geschäft „Die Drehscheibe“ in der List. Der 61-Jährige handelt seit 30 Jahren in der Goebenstraße mit Modellbahnen. Die Kunden rennen ihm nicht mehr die Tür ein, räumt er ein. Doch ans Aufhören denkt er deshalb noch lange nicht.

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Während andere Modellspielzeughändler ihr Geschäft längst ins Internet verlegt haben, ist Moehring der direkte Kontakt zum Kunden immer noch wichtig. Anders als vor 30 Jahren zählt heute kaum noch ein Jugendlicher den Modellbahnbau zu seinen Hobbys. Und wer einen Blick in die Schaufenster der „Drehscheibe“ mit ihren leicht verstaubten Miniaturlandschaften wirft, fühlt sich tatsächlich in der Zeit zurückversetzt. Doch der Schein trügt: Hinter der Fassade verbirgt sich eine durchaus lebendige Welt. Zwischen den Vitrinen mit liebevoll arrangierten Exponaten zeugen Stapel von unausgepackten Kartons von regem Warenverkehr. Und wenn Moehring gerade keinen Kunden bedient, arbeitet er im Hinterzimmer seine Liste mit Bestellungen und Reparaturaufträgen ab.

Seine Karriere als Modellbahnhändler begann der studierte Germanist als Aushilfe. Ein Freund hatte das Geschäft in den siebziger Jahren eröffnet und Moehring eingestellt. Kurz darauf wurde er Teilhaber, später übernahm er das Geschäft. Heute ist Moehring eigentlich weniger Verkäufer als Vermittler. Er kauft ausrangierte Anlagen auf und gibt sie dann in Einzelteilen an Sammler weiter – Gleis für Gleis und Weiche für Weiche. Abnehmer seien vor allem Männer über 50 Jahre, die das Hobby seit ihrer Kindheit pflegen, erzählt er. Und davon gibt es offenbar gar nicht so wenige.

Einer von ihnen ist der graumelierte Herr, der gerade unter dem Läuten der Türglocke das Geschäft betritt. „Ich brauche ein Roco-Standardgleis für H0, 2,5 Millimeter breit. Und möglichst eine linke Weiche“, beschreibt er sein Anliegen. Moehring grübelt. Diese Teile würden seit zehn Jahren nicht mehr gebaut, erklärt er dem Kunden. „Aber man kann das mit Gleisen der Firma Fleischmann verbinden“, fügt er hinzu und angelt das Passende aus einer Schublade. „So ist es oft. Die Leute müssen improvisieren, und ich zeige ihnen, wie das geht“, erklärt er später. Er profitiert davon, dass die Angebotspalette der Hersteller stetig schrumpft. Denn wer beim Fehlen eines Gleisabschnitts nicht gleich die ganze Anlage austauschen will, ist auf Händler wie Moehring angewiesen.

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Es ist nicht viel Geld zu verdienen im Eisenbahn-Mikrokosmos. Aber hier in der Goebenstraße, in einem Wohngebiet abseits der Lister Einkaufsmeile, ist die Ladenmiete niedrig. Und außer der Stromrechnung muss Moehring kaum etwas von seinem Umsatz abführen. „Es ist ein klassisches Saisongeschäft“, berichtet er; gebastelt werde vor allem im Winter. Zudem liegt auch heute noch unter so manchem Weihnachtsbaum ein Märklin-Einsteigerpaket. Ob die Beschenkten dann bei der Stange bleiben, ist eine andere Frage.

„Aussterben werden die Modellbahnen nicht so schnell“, ist sich Moehring sicher. Denn er weiß, wie seine Kunden ticken. Nicht das Erschaffen einer kleinen, heilen Welt treibe sie an, wie Außenstehende oft denken: „Das Faszinierende ist das Basteln. Es gibt immer etwas zu erweitern.“ Und so mancher Modellbahner reißt seine fertige Anlage irgendwann einmal komplett ab, um sie in anderer Form wieder aufzubauen. Tipps und das passende Material erhält er dann in der Goebenstraße.

Michael Soboll

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