„WM-Killer“

Prozess um tödliche Schüsse auf zwei Italiener in Hannover beginnt

Tatsächlich wirft die Staatsanwaltschaft dem Lindener vor, am 5. Juli 2010 – zwei Tage vor dem Halbfinalspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Spanien bei der Weltmeisterschaft in Südafrika – in der Bar „Columbus“ zwei Italiener erschossen zu haben. Holger B. soll dabei aus Heimtücke und niederen Beweggründen gehandelt haben.

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Es dürfte ein emotionaler Prozessauftakt werden. Denn die Opfer, der Pizzabäcker aus dem „Little Italy“ im Steintor, Franco S., und der Koch des Lindener Restaurants „Mamma Raffaele“, Guiseppe L., waren nicht nur in der Stadt gut bekannt. Beide Männer stammen aus Familienclans aus Sizilien beziehungsweise Sardinien. Zahlreiche Angehörige sind bereits eigens für das Verfahren nach Hannover angereist. Rechtsanwalt Bastian Quilitz vertritt in der Nebenklage Mitglieder der Familie von Giuseppe L.: „Meine Mandanten bereiten sich derzeit psychisch und physisch auf den Prozess vor und sind daher dementsprechend stark belastet“, erklärt der Jurist. Auch „Little Italy“- Chef Rosario, der durch die Bluttat vom 5. Juli nicht nur seinen Angestellten, sondern auch seinen Schwager verloren hat, erzählt von der tiefen Trauer, die die Hinterbliebenen ein halbes Jahr nach den tödlichen Schüssen noch immer empfinden. „Am schlimmsten ist, dass wir alle uns nach wie vor nicht erklären können, warum es zu diesem grundlosen Gewaltausbruch gekommen ist.“ Auch er wird am Donnerstag auf den Zuschauerplätzen des Schwurgerichts sitzen. Rechtsanwalt Holger Nitz, der den 42-jährigen mutmaßlichen Täter vertritt, hat sich ebenfalls auf ein „sicherlich besonderes Verfahren“ eingestellt: „Meinem Mandanten setzt das, was er angerichtet hat, sehr zu“, sagt der Strafrechtler.

Bislang geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass Holger B. mit den Italienern über die Frage gestritten hat, ob Deutschland ebenso oft Fußballweltmeister geworden ist wie Italien. Nach Abschluss der verbalen Auseinandersetzung soll er in seine Wohnung am Lindener Berg gefahren und seine Waffe geholt haben, eine Pistole vom Typ Makarov, Kaliber neun Millimeter. Ohne Vorwarnung habe er dann nach seiner Rückkehr in die Bar auf sein Opfer geschossen.

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Trotz sofort eingeleiteter Großfahndung gelang es Holger B., sich nach Mallorca abzusetzen. Auf der Insel lebt seit langen Jahren der Stiefvater des 42-Jährigen, Paul E.. Er hatte im Jahr 1997 als sogenannter Domain-Grabber bundesweit von sich reden gemacht. Insgesamt 192 Internetadressen hatte sich der findige Geschäftsmann damals gesichert, darunter die Domains nato.de und kripo.de. Internetsurfern, die auf diesen Seiten landeten, wurden unter anderem Bordellratgeber und freizügige Fotos präsentiert. Denn sein Geld, mit dem er auch die Internetadressen erwarb, verdiente sich Paul E. in Hessens Rotlichtmilieus. Auf dem Darmstädter und dem Frankfurter Kiez war E. unter dem Namen „Thrombose-Paul“ bekannt, da er lange unter dieser Krankheit litt und dieses Leiden ihn schließlich zwang, sich auf der spanischen Insel zur Ruhe zu setzen.

Als die Boulevardmedien von der engen familiären Bindung zwischen E. und Holger B. erfuhren, witterten sie erneut Schlagzeilen. Gab es doch einen anderen Hintergrund für den Doppelmord? Waren die Schüsse in der „Columbus-Bar“ möglicherweise ein Racheakt für Zwistigkeiten zwischen der ehemaligen hessischen Rotlichtgröße E. und Hannovers Kiezchef Frank Hanebuth? Doch Paul E. hatte mit den tödlichen Schüssen im Steintor nichts zu tun. Vielmehr brachte er seinen Stiefsohn dazu, sich den spanischen Behörden zu stellen. Gegenüber dem Haftrichter gab Holger B. an, dass er während der Tat unter dem Einfluss von Alkohol und Medikamenten gestanden habe.

So wird im jetzt beginnenden Verfahren die Frage nach der Schuldfähigkeit eine zentrale Rolle spielen. Ein vorläufiges Gutachten ist bislang zu dem Schluss gekommen, Holger B. sei zumindest vermindert schuldfähig. Doch offenbar sieht das Gericht in dieser Hinsicht noch Klärungsbedarf, sodass es sich zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen hat: Während der Verhandlung werden stets zwei Gutachter im Gerichtssaal vertreten sein, um die Reaktionen des Angeklagten zu beobachten und zu deuten. Die könnten unter Umständen heftig ausfallen. Denn bereits am ersten Verhandlungstag sollen die ersten Zeugen gehört werden. Geladen sind zunächst die Gäste, die sich an dem Montagmorgen, als die Schüsse fielen, in der Bar „Columbus“ aufhielten. Sie sollen das Gedächtnis des Angeklagten auffrischen. Denn bislang hat Holger B. stets ausgesagt, sich an die Vorfälle in der Steintor-Kneipe so gut wie nicht erinnern zu können.

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