MHH

Psychiater will an Genen forschen

Er tritt in die Fußstapfen von Prof. em. Hinderk Emrich, der auch ein umtriebiger Geist war und weit über die Grenzen seiner Klinik hinaus in die Stadtgesellschaft hineinwirkte, etwa mit Filmfestivals im Cinemaxx oder öffentlichen Vorlesungen zu philosophischen Themen. „Ich sehe mich durchaus in der Tradition von Emrich“, sagt Bleich. Dennoch bekommt die Psychiatrie in der MHH ein anderes Gesicht.

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Für rund eine Million Euro wird in der Klinik ein neurologisches Labor eingerichtet, das im Herbst seine Arbeit aufnehmen soll. „Dort werden wir untersuchen, welche Zusammenhänge zwischen bestimmten Genen und psychischen Erkrankungen, etwa Alkoholsucht und Bulimie, bestehen“, erklärt Bleich. Einzigartig in ganz Deutschland sei ein solches psychiatrisches Labor zur sogenannten epigenetischen Forschung, also der Suche nach den Ursachen von psychischen Störungen im Erbgut. „Schon jetzt können wir diejenigen Gene genau identifizieren, die beispielsweise mit der Alkoholsucht zusammenhängen“, sagt Bleich und beeilt sich hinzuzufügen, dass es selbstverständlich auch soziale Faktoren gebe, die einen Menschen in die Abhängigkeit trieben, etwa traumatische Erfahrungen von Missbrauch oder Vernachlässigung in der Familie. „Auch solche Einflüsse werden wir an der MHH weiter untersuchen“, verspricht Bleich. Ziel sei es, die Diagnostik von seelischen Krankheiten insgesamt zu verbessern.

Doch manche der rund 50 Ärzte und Psychologen in seiner Klinik zweifeln an diesen Worten. Hinter vorgehaltener Hand argwöhnt man, dass seelische Heilmethoden unter der neuen Klinikleitung ausschließlich als Zellanalysen verstanden werden. Einige trauern den Zeiten Emrichs hinterher, der sich als Brückenbauer zwischen natur- und geisteswissenschaftlichen Methoden verstand. „Ich spüre schon einen gewissen Gegenwind“, räumt der 40-jährige Bleich ein. Einige Mitarbeiter treibe offenbar die Sorge um, dass unter seiner Regie nur noch biologische Forschung betrieben werde. Mehrere Ärzte bewerben sich bereits auf Stellen in anderen Kliniken. Der junge Direktor will diese Zweifel jetzt auf personalpolitischem Weg zerstreuen: So hat er dafür gesorgt, dass die Professur für Sozialpsychiatrie wieder besetzt und eine Professur für Molekulare Psychiatrie neu geschaffen wird. „Beide Stelleninhaber sollen sich gegenseitig befruchten“, sagt Bleich. Dass auch die Professur für Sozialpsychiatrie, einem eher soziologisch orientierten Forschungsbereich, ausgeschrieben sei, zeige ja, dass die geisteswissenschaftliche Tradition an der MHH fortgeführt werde, meint Bleich.

Ebenso wie sein Vorgänger Emrich will Bleich die heiligen Hallen seiner Universitätsklinik verlassen und sein Wissen einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren. „Ich möchte sogenannte ,Brainweeks‘ veranstalten. Das sind Vorlesungen für Laien, die auf anschauliche Art das Gehirn und seelische Krankheiten erklären“, erzählt der neue Klinikdirektor. Während seiner Zeit als Professor an der Universität Erlangen habe er mit solchen Veranstaltungen gute Erfahrungen gemacht. Doch auch hier zeigt sich die Veränderung zu seinem Vorgänger. Während Emrich auch über Seele und Geist, Kant und Hegel sprach, widmet sich Bleich dem Gehirn nur in seinen messbaren Funktionen.

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