Projekt

Rosebusch Verlassenschaften: Ein Blick in die Vergangenheit

Das ist der Stoff, aus dem die Vergangenheit spricht: rostige Stahlteile, massenweise Reifengummi, kräftige Eisenketten, Haken und Seile. In strenger Ordnung türmt sich das alles in meterhohen Regalfassaden, schlummert tonnenweise in Transportwaggons oder mannsgroßen Körben. Es ist kein leichtes Material, das sich im ehemaligen Umspannwerk in Ahlem zu einer eigenartigen Erinnerung auftürmt. Um es zu bewegen, braucht es schwere Krane. Es zu verarbeiten, kann Jahre dauern. Wer durch die unscheinbare Metalltür in die riesige Halle tritt, hält zwangsläufig inne. Geschichte ist hier allgegenwärtig und beklemmend, sie riecht nach Gummi, Maschinendreck, Metall und Staub.

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Es ist kalt im einstigen Maschinenhaus, in dem der Künstler Hans Jürgen Breuste und seine Ehefrau Almut seit 1997 in akribischer Arbeit ein ungewöhnliches Projekt geschaffen haben. Wasser und Strom gibt es zwar, die Halle aber zu heizen wäre unmöglich. „Dafür spürt man hier die Jahreszeiten“, sagt Almut Breuste. In wenigen Monaten soll die Sammlung, der das Paar den Namen Rosebusch Verlassenschaften gegeben hat, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und damit auch ein weiterer Baustein in der Erinnerungskultur der Stadt werden. Denn in dem, was manche Kritiker als Schrott abtun mögen, sehen andere ein Zeugnis deutscher Industriegeschichte, die untrennbar verbunden ist mit dem Schicksal von Millionen von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen.

So finden sich in der Sammlung Gasmasken aus Gummi, wie sie einst auch von den französischen Zwangsarbeiterinnen in Limmer gefertigt wurden, oder Stoff aus einer Wollpresse, an der ebenfalls Deportierte arbeiteten. Einer der Schwerpunkte des Projekts ist das Objekt „Litzmannstadt“, das dem Land Niedersachsen gehört und auch künftig in der Turbinenhalle bleiben soll. Die Breustes haben es nach dem Namen des NS-Zwangsarbeiterghettos im polnischen Lodz benannt, das für Tausende Juden die letzte Station vor der Deportation nach Auschwitz war. Es ist ein eindrucksvolles und zugleich bestürzendes Werk: 2500 Lazarettliegen lehnen zusammengeklappt an einer Wand, ihnen gegenüber zeugen Fotografien, Briefe und Todeslisten von den zahlreichen Opfern, die auf ihnen lagen.

Es hat mehrere Jahre gedauert, bis die Breustes das Material von ihrem früheren Wirkungsort auf dem Conti-Gelände in Limmer nach Ahlem gebracht hatten. Ein Kraftakt, der noch nicht beendet ist. Die Sammlung im ehemaligen Umspannwerk wächst und verändert sich. Das 1997 bezogene Maschinenhaus bleibt eine Werkstatt. „Es ist nicht nur der Versuch, das Material vor dem Vergessen zu bewahren, sondern die Vergangenheit in die Zukunft zu tragen“, sagt Hans Jürgen Breuste. Die Deutung aber bleibe dem Betrachter überlassen. Das Gedenken wird in den Rosebusch Verlassenschaften nicht erzwungen.

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In den vergangenen Monaten sind viele Menschen in die Halle gekommen, die sehen wollten, was sich tut. Kommunalpolitiker aus allen Fraktionen waren darunter, Jugendliche und Vereine. Zuletzt ließ sich Wissenschaftsminister Lutz Stratmann, der den Breustes heute im Gästehaus der Landesregierung den Verdienstorden des Landes Niedersachsen verleihen wird, das Werk zeigen. „Es spricht sich herum, so kommen die Leute hierher“, sagt Almut Breuste. Die meisten sind beeindruckt. Einmal habe sogar ein Musikprofessor angefragt, ob er in der Halle ein Konzert veranstalten könne. „Wir merken, da passiert etwas. Das ist ungeheuer schön“, sagt Almut Breuste.

Unterstützer der beiden Künstler ist unter anderem der ehemalige Landtagspräsident Rolf Wernstedt. Lob gab es auch von Sprengel-Chef Ulrich Krempel. Die Stadt, Eigentümerin des Geländes, hat bereits vor einigen Jahren die Sanierung des Gebäudes beschlossen. Insgesamt werden rund 700.000 Euro in das Gebäude investiert, bis es besuchersicher ist. Die Bausubstanz ist marode, das Glasdach einsturzgefährdet. Dennoch: Dass der Rat ausgerechnet im Krisenjahr 200 000 Euro am Rosenbuschweg verbaut, ist nicht allen verständlich. Die Stadt jedoch bleibt ihrer Entscheidung. „Wenn man sich für die Förderung eines solchen Projekts als Gesamtkunstwerk entschieden hat, muss man auch dazu stehen“, sagt Kulturdezernentin Marlis Drevermann.

Hans Jürgen Breuste hat schon einmal eine Gruppe Jugendlicher über Nacht in den Rosebusch Verlassenschaften zu Gast gehabt. „Wir haben hier gesessen und gelesen. Dann ist plötzlich auf dem Bahndamm ein Zug vorbei gefahren – und alle waren still und haben dem Geräusch gelauscht.“ Es war ein besonderer Moment. Einer, in dem sich das Gedenken nicht aufdrängt, aber möglich ist.

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