Traditionsunternehmen

Schuhhaus Gisy nicht mehr in Händen der Gründerfamilie

Es ist erst wenige Monate her, dass Helene Gisy zurückgekehrt ist. Der kurze Besuch in ihrem ehemaligen Schuhhaus in der Georgstraße hat sie viel Mut und Überwindung gekostet, und falls Tränen geflossen sind, so hat sie zumindest nicht davon erzählt. In die Zeit zwischen dem Tag, an dem sich die einstige Chefin in den Ruhestand verabschiedete, und heute passt gerade einmal ein Jahrzehnt. Bis zu ihrem 85. Lebensjahr hat Helene Gisy Schuhe verkauft. Immer wieder hat sie passende Modelle für Käufer mit großen, kleinen, schmalen oder breiten Füßen gefunden und mit Stammkunden zwischendurch einen Plausch gehalten. Der Kontakt war ihr wichtig, ebenso wie die Verbindung zu den Mitarbeitern, von denen viele Jahrzehnte lang im Unternehmen tätig waren und sind.

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Den Abschied schließlich vollzog sie schweren Herzens, und wenn die inzwischen 96-Jährige auf ihr Leben zurückblickt, das untrennbar mit dem Schuhhaus nahe dem Kröpcke verbunden ist, erinnert sie sich an viele Geschichten, die auf gewisse Weise auch hannoversche sind. Den Anfang allerdings nahm das traditionsreiche Schuhgeschäft in Berlin. Zu Beginn der dreißiger Jahre stand Gerhard Gisy, der damals wie sein Vater im Schuhhaus Leiser angestellt war, vor der Entscheidung, nach Südafrika zu gehen. In Kapstadt sollte der damalige Chefeinkäufer die Fabrikation aufbauen. Für den jungen Kaufmann war das Angebot eine große Chance, seine Freundin Helene allerdings lehnte ab. „Ohne mich“, sagte die resolute 20-Jährige damals. Sie selbst hatte es schon weit gebracht: Nach Abschluss der höheren Handelsschule arbeitete die Motorsportbegeisterte als Sachbearbeiterin bei der deutschen Automobiltreuhand und damit in einem Bereich, der damals fast ausschließlich Männern vorbehalten war. „Mit Schuhen hatte ich es eigentlich nie“, sagt Helene Gisy.

Und doch entschied sich die Berlinerin, Gerhard Gisy nach Hannover zu folgen und mit ihm ein eigenes Geschäft aufzubauen. Am Schwarzen Bären in Linden eröffnete das Paar, das noch unverheiratet war und deshalb in getrennten Zimmern möbliert zur Untermiete wohnte, 1934 seine erste Filiale. Trotz der schwierigen Zeiten, die große Wirtschaftskrise in den zwanziger Jahren hatte tiefe Spuren hinterlassen, florierte der Laden in der Deisterstraße. In Linden, das damals noch ein gut funktionierendes Industrieviertel war, verdienten die Arbeiter recht gut. „Wenn in der Hanomag Lohn gezahlt wurde, war es bei uns rappelvoll“, erinnert sich Helene Gisy.

Zwei Jahre später schon hatte sich das Wagnis der beiden Berliner gelohnt. Gerhard Gisy entschloss sich zur Expansion, und Helene willigte in die Heirat ein. 1938 eröffnete das Ehepaar sein „Damen Spezial“ in der Nordmannpassage, ein Geschäft für die Frauen aus dem Steintorviertel, das auf Fabrikate mit besonders hohen Absätzen spezialisiert war. Wegen der familiären Beziehungen zu Leiser waren die Gisys ihrer hannoverschen Konkurrenz bisweilen voraus: Selbst, wenn die Margen knapp waren, bezogen sie noch Ware. „Und ich hatte einen Vorführfuß“, sagt Helene Gisy, die bei der Arbeit im Geschäft stets die neuen Modelle trug und wegen dieser Werbewirkung bei Lieferanten beliebt war. Bisweilen soll die elegante Mitinhaberin unzählige Paare Schuhe besessen haben, und auch heute, mit 96 Jahren, stecken ihre Füße in zarten Pumps.

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1943 jedoch erlebte das Unternehmerpaar zunächst einen Rückschlag. Die Filiale am Schwarzen Bären brannte aus, sodass die Gisys beim benachbarten Möbelhaus Steinhoff Unterschlupf suchten, um wenigstens zeitweise weiterverkaufen zu können. Während des Zweiten Weltkriegs kam das Geschäft dann jedoch zeitweise zum Erliegen.

Doch nur wenige Monate nach Kriegsende war das Glück erneut auf Gerhard Gisys Seite. Von einen Freund, dem Schuhhändler Ludwig Griess, erfuhr der Geschäftsmann davon, dass die Firma Bahlsen ihr Haus in der Georgstraße vermieten wollte. Hannovers Einzelhändler standen damals vor dem Nichts, in der Innenstadt gab es nur wenige erhaltene Gebäude, und so bewarben sich mehr als 120 Interessenten um die Räume. „Ich weiß nicht, wie es mein Mann geschafft hat, aber er hat die Familie Bahlsen damals überzeugt“, sagt Helene Gisy.

Die darauffolgenden Jahre schließlich waren vom Aufbau geprägt: Das Geschäft hieß nun nach den beiden Inhabern „Griess und Gisy“ und wuchs in den Wirtschaftswunderjahren wie die gesamte Innenstadt. Doch die Unternehmerbeziehung war nicht lange von Glück geprägt: In den sechziger Jahren begannen die unterschiedlichen Auffassungen, die beiden Familien zu entzweien. Und als 1969 der Mietvertrag für das Bahlsen-Haus erneuert werden musste, trennte sich Gerhard Gisy von seinem Kompagnon. Fortan kauften die Hannoveraner ihre Schuhe wieder bei „Gisy“, neben Gerhard und Helene stieg nun auch Sohn Bernd mit in das Geschäft ein. Längst waren in den Regalen nicht mehr nur deutsche und die vom Senior bevorzugten englischen Fabrikate zu finden, sondern auch italienische Schuhmode mit teils sportlichem, aber stets elegantem Chic. Immer wieder gestalteten die Gisys die Geschäftsräume um. Für die beliebte Rutsche, über die Kinder anstelle einer Treppe die Kinderabteilung im Untergeschoss erreichen können, und die eigene Schuhmacherwerkstatt aber blieb bis heute Platz.

Als nach dem Tod Gerhard Gisys 1998 auch Sohn Bernd aus dem Schuhgeschäft ausstieg, legte die Familie das Unternehmen in die Hände von erfahrenen Bekannten: Sämtliche Firmenanteile erwarb der Düsseldorfer Schuhunternehmer Prange, Mitarbeiter Michael Schenkemeyer übernahm die Geschäftsführung – er hatte bereits seine Ausbildung bei Gisy absolviert und gehörte mittlerweile 24 Jahre dem Unternehmen an. Doch als Helene Gisy an diesem Tag zum zweiten Mal seit ihrem Ruhestand im Bahlsen-Haus zu Gast ist, begrüßen die Mitarbeiter die 96-Jährige noch immer, als wäre sie die eigentliche Chefin. „Ich hatte zwar nie einen Schuhfimmel“, sagt sie, „aber dieses Geschäft war meine große Liebe.“

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