Interview

„Sprache ist auch Impulsgeber“

Gabriele Diewald, Professorin für Germanistische Linguistik an der Leibniz-Universität Hannover.

Gabriele Diewald, Professorin für Germanistische Linguistik an der Leibniz-Universität Hannover.

Hannover. Die Stadt Hannover stellt ihre Verwaltungssprache auf geschlechtergerechtes Sternchen um. Ein Interview dazu mit Gabriele Diewald, Professorin für Germanistische Linguistik an der Leibniz-Uni.

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Frau Diewald, als die Stadt Hannover 2003 das große „Innen“ in ihren Druckwerken eingeführt hat, haben wir alle etwas geschmunzelt. Inzwischen ist die Schreibweise für viele Alltag geworden. Wird uns das mit dem Sternchen auch irgendwann so gehen?

Ich könnte mir vorstellen, dass das Sternchen sich irgendwann ähnlich verbreitet. Wahrscheinlich wird es aber immer eine Parallelform zu anderen Schreibweisen sein, verbreitet vor allem bei jüngeren Menschen. Das große I hat sich ja auch nicht vollständig durchgesetzt. Der Rechtschreiberat hat nun im November beschlossen, bei dem Gendersternchen zunächst abzuwarten, bevor es Regelwerk auch an Schulen wird. Gerade deshalb finde ich es sehr mutig, wie die Stadt Hannover sich entschieden hat.

Mit vielen verschiedenen Schreibweisen wird die Schrift aber auch immer unstrukturierter. Kann man das als Sprachwissenschaftlerin begrüßen?

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Es gibt immer viel Aufregung, wenn Sprache und Schriftbild sich ändern. Ich empfehle eher, sich abzuregen. Sprache unterliegt ständigem Wandel. In früheren Jahrhunderten waren französische Begriffe modern, davon zeugt heute noch etwa die Garage. Dann kamen viele Anglizismen, und auch durch Technikbegriffe ändert sich Sprache ständig. Mit Smileys oder etwa Eurozeichen haben Symbole in die Schrift Einzug gehalten. Auch das hält Sprache aus.

Vielleicht liegt die Aufregung zum Teil auch daran, dass mit geschlechterneutraler Sprache stets auch der Wunsch verknüpft ist, die Realität in eine bestimmte Richtung zu gestalten ...

Tatsächlich ist Sprache immer geronnener Ausdruck des Status Quo und zugleich Impulsgeber für Veränderungen. Den Vorreiterinnen des großen I ging es natürlich auch darum, Bewusstsein zu verändern. Sie wollten, dass Professorinnen und Ärztinnen auch kognitiv präsent sind, wenn über sie gesprochen wird – was bei ausschließlich männlichen Gruppenbegriffen oft untergeht.

Dafür gab es in den Siebzigerjahren vielfach Hohn und Spott.

Die gesellschaftliche Situation war damals einfach noch nicht so weit. Jetzt setzt sich eine größere Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache allmählich durch. Inzwischen zeigt die Neujahresansprache der Kanzlerin, wie es geht. Das ist nicht von Pflegerinnen die Rede, sondern von Beschäftigten in der Pflege, weil es dort ja auch Männer gibt, und von Soldatinnen und Soldaten. Das empfinde ich als sehr wohltuend.

Von Conrad von Meding

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