Ein Erfahrungsbericht

Studieren als Elite in Oxford

Oxford? Oh, nicht schlecht.“ Katharina ist beeindruckt. Wir haben gemeinsam Abi gemacht und sehen uns hier in Langenhagen das erste Mal wieder, seit ich vor einem Jahr mein Studium in Oxford begonnen habe. „Oxford ist doch nur bekannt für seine Wörterbücher“, scherze ich. Es hilft nichts, Katharina ist beeindruckt. Ich kenne die Reaktion. Oxford ist ein Mythos.

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Nach dem Abi in Langenhagen habe ich in York im Norden Englands meinen Bachelor in Philosophie, Politik und Volkswirtschaft gemacht. Seit einem Jahr studiere ich in Oxford, mache den „M.Phil. in Economics“, einen zweijährigen Master in Volkswirtschaftslehre. Ich hätte auch an der London School of Economics studieren können, aber nur Oxford verlangt einen Notendurchschnitt von 1,0. Nicht nur diese Herausforderung reizte mich, sondern auch die britische liberale Tradition in ökonomischer Theorie. Auch viele meiner Professoren in York rieten mir, nach Oxford zu gehen. Hier wandle ich auf den Spuren von großen Philosophen, Staatslenkern und Wirtschaftsikonen. Auf dem Campusgelände rankt Efeu um prachtvolle Gebäude aus altem Stein. Fast alle meiner Kommilitonen waren die Besten ihres Abschlussjahrgangs, bevor sie nach Oxford kamen. Das alles mag man Elite nennen. Aber das stimmt nur halb. Oxford ist mehr. Es ist harte Arbeit und eine Chance. Sein und Schein zugleich.

Ich wohne im Bannister Building, einem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, und teile dieses mit zehn Studierenden, darunter Murray, Jurist aus Südafrika, Natalya, Finanzmathematikerin aus Russland, und Oriel, Erasmus-Student aus Katalonien. Auch Briten wohnen hier. Aber während sie im Grundstudium mehr als zwei Drittel ausmachen, sind es im Hauptstudium (Master) weniger als ein Drittel.

Mein Zimmer gleicht einer Besenkammer. Immerhin dringt durch zwei Fenster viel Licht, scheint auf mein Bett mit durchgelegener Matratze. Daneben stehen ein Schreibtisch, ein Schrank und ein Sessel. Durch die Fenster blicke ich auf den Innenhof, wo ein paar Fahrräder stehen. Mittags gehe ich meist zum Essen in die Mensa. Mensa, das ist „Understatement“ für den im Jahr 1850 fertiggestellten imposanten Sakralbau.

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Die Betreuung ist exzellent. Die Kurse sind klein, Anwesenheitslisten, von denen mir Katharina aus Deutschland berichtet, gibt es hier nicht. Zu meinem Jahrgang in Oxford gehören nur 60 Leute, da kennen die Dozierenden meist alle Namen. Auch können sich die Professoren Zeit für uns nehmen. So hat sich mein Makroökonomie-Professor etwa eine Viertelstunde Zeit genommen, um mir Details der Monetärpolitik zu erklären – ohne Termin, spontan nach der Vorlesung.

Es gibt mehr als 100 Bibliotheken auf dem Campus. Sie reichen von der 1602 erbauten Bodleian Library – in den „Harry Potter“-Filmen Kulisse für die Zauberschule Hogwarts – bis zu den futuristischen Leseräumen der VWL-Fakultät, die von Stararchitekt Sir Norman Foster entworfen wurde. Die Ausstattung ist phantastisch. Alle wichtigen Bücher stehen dort als Präsenzexemplare, oft sogar mehrfach. Aber bei Studiengebühren in Höhe von 3000 Pfund (rund 3500 Euro) jährlich für ein Bachelor-Studium kann man das auch erwarten. Masterstudierende zahlen das Dreifache. Viele finanzieren sich zumindest teilweise durch Stipendien. Auch ich.

Oxford ist das Paradebeispiel einer Campusstadt. Die Leute sagen „gown“, wenn sie die Uni meinen – „town“ nennen sie den Rest. Der Campus ist die Stadt, und die Stadt ist der Campus. Uni-Alltag und Freizeit sind genauso eng miteinander verflochten. Nach langen Tagen in Hörsaal und Bibliothek gehe ich abends zum Boxtraining, versuche mich im Chor mit Rossinis Petite Messe Solennelle oder bin bei den Soirees, den Abenden des gemeinsamen Trinkens, Rezitierens und Musizierens. Gehe ich zurück in mein Wohnheim, begegne ich all den alten Helden der Uni. Überall, in jeder Gasse, vor jeder Bibliothek und jedem College hängen Bilder oder stehen Statuen von Oscar 
 Wilde, Samuel Johnson oder Adam Smith: Alles ehemalige Studenten in Oxford. Es gibt in Großbritannien auch Kritik an den Elite-Unis. Die Auswahl der Studierenden sei nicht transparent, lautet ein Vorwurf an Institutionen wie Oxford oder Cambridge. Als Beispiel dient dann etwa das Bruderpaar Miliband. Ed und David Miliband, die sich vor Kurzem um den Vorsitz der Labour-Partei stritten, haben beide das Gleiche studiert wie ich. Ed hatte gute Noten und Beziehungen, David nur Beziehungen, munkelt man auf dem Campus.

Tatsächlich gibt es Wege, auch ohne ausgezeichneten Notenschnitt in Oxford zu studieren, denn auch ein Vorstellungsgespräch mit einem Professor fließt in die Entscheidung über die Zulassung ein. Einmal angenommen, zählen Beziehungen nicht mehr – nur noch Arbeit. Mein Kurs ist berühmt für seine Qualität, aber auch berüchtigt für seine Härte. Dort sitze ich nun neben Shengwu aus Singapur, Weltmeister im Debattieren, und Gabriel aus Rumänien, der zuvor Mathematik in Princeton studiert hat, und Moritz, deutscher Harvard-Student und professioneller Ruderer. Für die wöchentliche Hausaufgabe in Statistik würde ich drei Tage brauchen, für die in Mikro- und Makroökonomie fünf Tage – sagten mir ältere Semester vor Studienbeginn. Was sie mir nicht sagten, war, wie das in den sieben Tagen einer Woche klappen soll – und das neben den Vorlesungen, die meinen Tag ausfüllen. Es gibt die Facebook-Gruppe „I survived the first year of the Oxford M.Phil. in Economics“. Ich weiß, worauf ich mich eingelassen habe – und bin bereit, hart zu arbeiten.

Ich bin nicht allein. Die Besten aus ihren früheren Unis sind plötzlich unter anderen herausragenden Studierenden. Das führt auch zu Rivalität. In der Saïd Business School etwa, an der in Oxford Wirtschaft gelehrt wird, wurden drei Studenten die Mappen von ihrem Platz gestohlen, kurz vor den Abschlussexamen. Zufall ist das wohl nicht.
Es gibt aber auch Zusammenhalt. Da ist zum Beispiel Michael, der mir das Kuhn-Tucker-Theorem erklärt, ohne dass ich ihn darum gebeten habe; oder Gerd und Maciej, mit denen ich manchmal ein ganzes Wochenende lang Übungen mache; oder Doktoranden, die mir nebenbei Statistik erklären. Auch die Dozierenden können sich Zeit nehmen für meine Fragen. So fühle ich mich nicht als Konsument der Ware Bildung, sondern ernst genommen als angehender Wissenschaftler.

Daheim in Hannover können manche meinen Enthusiasmus nicht teilen. Mit einem Freund hatte ich kurz vor meiner Abreise aus Oxford folgendes Gespräch. Er: „Bist du schon in Hannover?“ Ich: „Nein, ich bin noch in Oxford.“ Er: „Oxford? Oxford! Du kommst dir wohl besonders wichtig vor!“ Am liebsten sage ich schlicht „England“, wenn mich Leute fragen, wo ich gerade bin.

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Manche denken bei Unis wie Oxford auch gleich an Geheimgesellschaften, wie man sie aus Filmen kennt. Solche "secret societies" habe ich hier noch nicht gesehen. Vielleicht sind sie wirklich zu "secret". Real sind dagegen die vielen Alumni, Ehemalige, die immer wieder zurückkommen, Tipps geben und an ihren Netzwerken arbeiten. Nobelpreisträger Amartya Sen etwa sprach hier über seine Studienzeit.
An solche Begegnungen denke ich gerne zurück, wenn ich Oxford für die Ferien kurz verlasse. Die Ferien nennt der Oxford-Student nicht "holidays", sondern "vacation" – was dann Arbeit von zu Hause bedeutet, und weniger Entspannung.

Ein bisschen erholen kann ich mich in Hannover dann doch. Ich habe hier beim Triathlon mitgemacht und war viel Wandern. Auch Katharina habe ich oft getroffen. Sie will mich in Oxford besuchen und sehen: Was ist dran am Mythos Oxford?

Von Ilaf Scheikh Elard

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