Gerichtsurteil

„Super Nanny“ verstieß gegen Menschenwürde

Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts Hannover verstieß eine 2011 ausgestrahlte Folge der "Super Nanny" gegen die Menschenwürde.

Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts Hannover verstieß eine 2011 ausgestrahlte Folge der "Super Nanny" gegen die Menschenwürde.

Hannover. Eine Mutter beschimpft ihre Kinder. Eine Mutter schlägt ihre Kinder. Die zwei Jungen und das Mädchen weinen, sind verängstigt. Etliche dieser Szenen werden wiederholt, Gesichter in Nahaufnahmen gezeigt, herzzerreißende Bilder, untermalt von dramatischer Musik. Zu sehen war all dies im Vorspann der RTL-Sendung „Super Nanny“ am 14. September 2011. Seit Dienstag ist klar: Die Ausstrahlung dieser Pseudodoku-Folge war ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Das Verwaltungsgericht Hannover hat den Antrag von RTL abgelehnt, eine Rüge und einen mit einer Unterlassungsaufforderung versehenen Bescheid der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) aufzuheben.

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145 Folgen der „Super Nanny“ mit der Diplom-Pädagogin Katharina Saalfrank liefen zwischen 2004 und 2011 bei RTL, immer mittwochs um 20.15 Uhr. Das Muster war stets das gleiche: Gezeigt wurden Problemfamilien, in denen Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert waren. Saalfrank griff ein, redete mit allen Beteiligten, gab Handlungsanweisungen für ein besseres Miteinander. Auch wenn vereinzelte Institutionen den pädagogischen Impetus der Serie lobten, überwogen die kritischen Stimmen.

Voyeurismus und Schadenfreude würden hier gepflegt. Auch der Kinderschutzbund forderte eine Einstellung der Reihe. Dies geschah Ende 2011, weil es Katharina Saalfrank zu viel wurde: RTL habe die erzieherischen Inhalte der Sendung in den Hintergrund gedrängt und teilweise sogar gegen ihren pädagogischen Rat eingegriffen.

Die „Super Nanny“-Folge vom September 2011, die jetzt die 7. Kammer des Verwaltungsgerichts beschäftigte, hatte zunächst eine wichtige Hürde genommen: Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) äußerte vorab keine Bedenken gegen die Ausstrahlung. Ein Verstoß gegen die Menschenwürde nach den Bestimmungen des Jugendmedien-Staatsvertrags liege nicht vor, so die FSF. Doch dann schreckte die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) auf, alarmiert von Zuschauerbeschwerden. Die Mitglieder nahmen die 45-Minuten-Folge unter die Lupe und stellten fest, dass hier sehr wohl gegen die Menschenwürde verstoßen werde. Die Niedersächsische Landesmedienanstalt, für RTL zuständig, forderte die Programmverantwortlichen auf, solche Verstöße künftig zu unterlassen.

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In der Gerichtsverhandlung wurde deutlich, warum sich RTL – auch knapp drei Jahre nach dem Aus der „Super Nanny“ – so vehement gegen die Rüge wehrt. „Wir reden über das Totalverbot einer Sendung, das beschränkt die Rundfunkfreiheit“, sagte Prozessvertreter Prof. Marc Liesching. Offenbar fürchtet das Kölner Medienunternehmen um ähnliche aktuelle und künftige Formate, die nun aufgrund des Urteils schneller – vielleicht sogar schon vor der Ausstrahlung – beanstandet werden könnten.

Die Kammer unter Vorsitz von Richter Michael-Rainer Ufer ließ keinen Zweifel daran, dass – zunächst einmal – die Mutter gegen das gesetzlich garantierte Recht ihrer Kinder auf gewaltfreie Erziehung sowie das Verbot körperlicher Bestrafungen und seelischer Verletzungen verstoßen habe. Der RTL-Sendung sei insbesondere anzukreiden, dass die Gewalt- und Leidensbilder im „Teaser“ – also den Anreißerszenen zu Beginn – häufig wiederholt und in markanter Weise zusammengestellt worden seien, um Zuschauer anzulocken; 22 Sequenzen mit der prügelnden Mutter seien zu sehen gewesen. Die Präsenz des Aufnahmeteams bei neun Gewalthandlungen ohne ein Einschreiten, so das Gericht, müsse den Kindern wie ein „Ausgeliefertsein“ vorgekommen sein – nicht nur gegenüber der therapiebedürftigen Mutter, sondern auch gegenüber den Kameraleuten. Dies sei ein Verstoß gegen die Menschenwürde, der auch nicht durch das pädagogische Ziel der Sendung zu rechtfertigen sei.

Im Hinblick auf eine interessante juristische Frage hat die Kammer eine Berufung zugelassen: Darf die KJM nachträglich eingreifen, wenn die Freiwillige Selbstkontrolle bei einer TV-Sendung vorab keinen Verstoß gegen die Menschenwürde erkannt hat? Es spricht einiges dafür, dass RTL diese Frage beim Oberverwaltungsgericht klären lassen möchte.

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