Interview

Vor dem Toten Hosen-Konzert - Ist Hannover noch Punk?

Foto: (von links:) Daniel und Mirco Bogumil sind hannoversche Punks unterschiedlicher Generationen. Im Interview sprechen sie über die Vergangenheit und die Zukunft des Punk in Hannover.

(von links:) Daniel und Mirco Bogumil sind hannoversche Punks unterschiedlicher Generationen. Im Interview sprechen sie über die Vergangenheit und die Zukunft des Punk in Hannover.

Hannover. Mirco, vor 30 Jahren bist du mit Konrad Kittner als Abstürzende Brieftauben mit bunt gefärbten Haaren von Bühne zu Bühne gezogen. Was hat dich am Punk so fasziniert?

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Mirco: Ich wollte anders sein als andere. Weg von gesellschaftlichen Zwängen. Ich hatte keinen Bock mehr auf Schule und Vereine. Ich wollte frei sein. Und was ich auf einer Demo der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands Anfang der achtziger Jahre gesehen habe, sprach mir aus dem Herzen. Und mit gefärbten Haaren konnte man damals noch spießige Bürger schocken.

Daniel: Heute schockt man niemanden mehr mit gefärbten Haaren. Die Szene hat sich geändert. Ich bin mit 13 Jahren beim Skateboard fahren zur Punkmusik gekommen. Skatepunk aus den USA war angesagt, und auf dem Board habe ich mich frei gefühlt. Punkmusik war der passende Soundtrack dazu. Stumpfen bierseligen Pogo-Punk habe ich nicht gehört. Politische und gesellschaftskritische Texte haben mich überzeugt.

In den neunziger Jahren waren durch die Chaostage die Punks in aller Munde. Hat die Randale dem Punk geschadet?

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Mirco: Bei den Chaostagen lieferten wir uns Schlachten mit der Polizei. Dabei ist viel Unsinn passiert. Die Zerstörung der Kornstraße in der Nordstadt etwa. Auch als die Punks sich im Jugendzentrum Glocksee von der Polizei umzingelt festsetzten und anfingen, die Inneneinrichtung auseinanderzunehmen, wussten wir, das es nicht richtig war. Wenn Punks ihre eigenen Zentren zerlegen, stimmt etwas nicht.

Daniel: Mich hat dieser Krawall-Punk immer abgeschreckt. Natürlich waren damals leere Bierdosen, gefärbte Haare, Piercings und Krawall eine Art Rebellion gegen die Gesellschaft. Doch die Randale in Hannovers Straßen war nur stumpfes Chaos, kein politischer Akt. Darauf hätte ich keine Lust gehabt. Diese „No-Future“-Attitüde, die viele Punks bis heute haben, geht in meinen Augen nicht. Man trägt auch als Punk eine Verantwortung. Ich bin mit der Wohnwelt in Wunstorf groß geworden. Dort habe ich die ersten Punkkonzerte gesehen und selbst welche gespielt. Dort konnten wir ohne Sozialarbeiter und Eltern unsere eigenen Regeln aufstellen.

Ist Hannover denn noch Punk?

Mirco: Es gibt noch ein paar aktive Punks in der Stadt, die sich im Sinne der alternativen Jugendkultur engagieren. Doch ich habe kaum noch Einblicke in die Szene. Meine 19-jährige Tochter geht regelmäßig zu Punkkonzerten in die Korn in der Nordstadt. Sie geht dort hin, wo schon ihre Eltern waren.

Daniel: Mein Punk findet im Untergrund statt. Das können kleine Bühnen in der Wohnwelt in Wunstorf, der Korn oder der Glocksee sein. In Hannover ist die Punkmusikszene, gerade im härteren Hardcore-Bereich, eher überschaubar. Man kennt sich untereinander und trifft sich auf kleinen Konzerten. Auch mal bei Auftritten in Proberäumen. In der Wohnwelt werden noch immer jede zweite Woche Hardcore-Konzerte gespielt.

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Deutsche Punkbands wie Die Ärzte, Slime oder die Toten Hosen zeigen in den vergangenen beiden Jahren, dass sich mit einer 30 Jahre alten Jugendkultur noch immer Geld verdienen lässt.

Daniel: Die Toten Hosen haben nur in ihren ersten Alben Punkrock gespielt, der mich interessiert.

Mirco: Ist eine Jugendkultur erfolgreich, wird früher oder später damit immer Geld verdient. Da ist der Punk nicht ausgenommen. Dennoch haben diese Bands die Musik und die Kultur verändert. Punk im Allgemeinen hat viel erreicht und gezeigt, dass man einfach Musik machen kann, ohne Unterricht genommen zu haben.

Kann man alt werden mit einer Jugendkultur?

Mirco: Ich denke schon. Zwar habe ich nicht mehr viel mit der aktiven Szene zu tun. Aber ich bin noch immer politisch, habe offene Augen und sage noch immer, was mich nervt.

Daniel: Das Problem ist vielmehr, ob eine Generation nachwächst. Kids mit bunten Haaren sind in den vergangenen Jahren selten geworden. Auch in der Musikszene in Hannover passiert nicht so viel. Die Masse der Jugendlichen strömt gerade in die Elektroszene. Ich denke, Deutschpunk nimmt sich gerade eine Auszeit. Aber tot ist Punk nicht.

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Was würdet ihr einem jungen Menschen raten, der Lust auf Punk hat?

Mirco: Schrei heraus, was dich nervt.

Mirco Bogumil ist 45 Jahre alt, wurde in Hannovers Südstadt geboren und wohnt seit 25 Jahren in Linden. 1993 gründete er gemeinsam mit dem im Jahr 2006 verstorbenen Konrad Kittner die Band Abstürzende Brieftauben. Die beiden Musiker erlebten die Kommerzialisierung des Punk, kamen auch oft im Jugendmagazin „Bravo“ vor.

Daniel studiert Erziehungswissenschaft in Hildesheim. Mit 13 kam der heute 23-Jährige zur Punkmusik. Für ihn ist Punk kein Kleidungsstil – sondern was im Kopf ist. Er isst vegan, trinkt keinen Alkohol mehr. Jüngst hat er eine neue Hardcore-Band gegründet, die Schmutzstaffel. Provokation muss sein. Seinen Nachnamen möchte er trotzdem nicht in der Zeitung lesen.

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