Bis zu 400.000 Sendungen täglich

Weihnachtsstress im DHL-Paketzentrum Anderten

Foto: Kleinere Post wird in Plastikschalen sortiert. Die Post nennt sie „Mausefallen“.

Kleinere Post wird in Plastikschalen sortiert. Die Post nennt sie „Mausefallen“.

Hannover. Das Packen ist die halbe Miete, da kannst du nicht alles beliebig reinschmeißen. Sagt Matthias Meyer, ein schlanker Grauhaariger auf flinken Beinen. Also packt er sein gelbes Postauto nach Kriterien logistischer Vernunft. Was zuerst raus muss, kommt zuletzt rein. Pakete für Geschäfte und Arztpraxen zum Beispiel, die haben mittags oft zu, und Meyer will die Post vorher bringen. Wenn du zu spät sortierst, wenn du erst im Auto anfängst, wirst du nie fertig mit deiner Tour.

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Morgens um 6 Uhr belädt er im flughafenmäßig beleuchteten DHL-Frachtzentrum Anderten seinen Transporter, bis der Gang zugestapelt ist. Noch ein Brötchen in der kargen Kantine, dann los. 20 Kilometer Kleefeld, 308 Pakete, Hauptfarbe paketbraun, mutmaßlich neun weitere Stunden, Mehrarbeit inklusive, tausend oder so Treppenstufen. Er hat sie nie gezählt.

In den Tagen vor Weihnachten wird für Paketfahrer alles mehr. Fast doppelt so viele Pakete, Überstunden, weitere Wege und mehr Stufen, mehr Stress. Die Post hat extra Leute eingestellt und die Zustellbezirke verkleinert, damit, hoffentlich, jede Lieferung rechtzeitig ankommt. Meyer muss sich kaum umstellen. Seit zehn Jahren ist er im Stadtteil unterwegs, er ist Stammfahrer und zufrieden mit seinem bürgerlichen Viertel, jeden Stein kennt er hier, täglich parkt er seinen Wagen fast zur selben Zeit am selben Ort und pflegt Kontakt zum Kunden. Die Post: Für die Leute in Büros und Wohnungen ist das Meyer im gelb-roten DHL-Leibchen.

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Sein ganzes Berufsleben hat der 45-Jährige als Postler verbracht. Er war hier beschäftigt, als das Unternehmen noch ein Staatsbetrieb war, mit einem eigenen Minister an der Spitze. Weil er schon vor 28 Jahren anfing, ist Meyer Beamter. Es gab Zeiten, da stellte er Telegramme zu, ein ausgestorbener Dinosaurier der Kommunikation. Heute kauft die halbe Welt Weihnachtsgeschenke im Internet, vom Schreibtisch aus oder, ein Wachstumsmarkt, vom sofatauglichen Tabletrechner. Für die Post ist Internetshopping ein echter Bringer.

Dass Post und ihre privaten Konkurrenten mehr zu tun bekommen, liegt auf der Hand. Seit Jahren steigt die Zahl der Menschen, die im Netz einkaufen. Dort geben sie immer mehr Geld aus, aber immer noch müssen Logistiker ins Haus bringen, was Absender verschicken. Nach jüngsten Zahlen der Interessengruppen beim Bundesversandhandelsverband planten 73 Prozent aller Kunden Weihnachtsgeschenke im Internet einzukaufen, wobei sie im Schnitt angeblich mehr als 300 Euro ausgeben. Damit steigt der Umsatz der Onlinehändler in diesem Jahr auf geschätzte 36,5 Milliarden Euro - knapp zehn Milliarden Euro mehr als noch vor fünf Jahren. Tatsächlich dürfte diese Summe erheblich darüber liegen: Amazon und Zalando, ein aufstrebender Schuh- und Modeversand, gehören dem Verband nicht an. In Meyers Wagen sind deren Pakete nicht zu übersehen.

Die Fahrer bringen zu den Leuten, was zuvor im Frachtzentrum Anderten ankommt. Vor den Feiertagen sind es doppelt so viele Lieferungen wie an gewöhnlichen Tagen. „Wir kratzen an der Marke von 400000 Sendungen täglich“, sagt Postsprecher Jens-Uwe Hogardt mit Unternehmensstolz. In Deutschland sind vor Weihnachten an Spitzentagen rund sieben Millionen Pakete unterwegs. In wenigen Minuten laden Mitarbeiter Lkw aus, es ist für die Pakete der Beginn einer viertelstündigen Reise. Ein Fließband schafft die Ware zum Vorsortierer, sie kommt auf tablettähnliche Schalen, ein Scanner programmiert sie auf den richtigen Weg, wobei sie über Schrägkurven und Brücken ans Ziel gelangt, das hier Endstelle heißt. München oder Hamburg oder Berlin oder sonst was. Während in einzelnen der weiteren 32 in Deutschland verteilten Frachtzentren „Sonderausscheidungen“ (Hogardt) existieren, für Großkunden wie Amazon etwa, behandelt die Post in Anderten alle Pakete gleich.

Auch im Frachtzentrum verändert der Internethandel das Geschäft. Für die Weihnachtszeit hat die Post 30 Kräfte extra eingestellt, um den Andrang bewältigen zu können, mit 105 Mitarbeitern ist jetzt eine dritte Schicht möglich. Die Zukunft für DHL heißt Wachstum, denn die Post kalkuliert damit, dass der Onlinehandel stetig wächst. Das bedeutet für den Standort Anderten: Das Tempo zieht an. Noch kommt ein Paket 3,2 Meter in der Sekunde voran, von 2014 an wird es doppelt so schnell reisen. Dann, sagt Hogardt, sollen bis zu 40000 statt 20000 Pakete pro Stunde durch die zwei Kilometer lange Wegstrecke geschleust werden. Der Plan sei, mehr Personal einzustellen.

Paketfahrer Meyer hat mit seinem Job jetzt schon Glück. Urlaubs- und Weihnachtsgeld, 30 Tage Urlaub, Überstundenabbau und das Recht, nach einer Stunde Mehrarbeit am Tag aufzuhören - davon können Kollegen privater Wettbewerber nur träumen. „Da herrschen extreme Arbeitsbelastung und Dumpinglöhne“, sagt ver.di-Sekretär Christoph Feldmann. Manche Unternehmen setzten fast ausschließlich Subunternehmer ein, um Tarifverträge zu umgehen. Paketfahrer arbeiteten für 1200 bis 1400 Euro brutto im Monat, was für viele zum Leben nicht genüge. Bei der Post liegt das Einstiegsgehalt bei knapp 1900 Euro. Bei manchem Konkurrenten sind Scheinselbstständige mit eigenen Autos unterwegs, nicht selten werden sie pro zugestelltem Paket bezahlt. Der Druck ist enorm.

Aber auch die Posttochter DHL beschäftigt Subunternehmen. Nach einem Tarifvertrag mit ver.di ist dies in 990 Zustellbezirken in Deutschland zulässig. Davon ist auch Hannover betroffen: Etwas weniger als ein Viertel des Stadtgebietes wird von Subunternehmern beliefert. Kunden können das kaum erkennen: Sie tragen das gleiche Gelb-Rot wie Matthias Meyer, sie fahren die gleichen DHL-Autos - und haben zur Weihnachtszeit auch doppelt so viel zu tun.

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Der Beamte Meyer ist zwischen den Häusern in Kleefeld eilig unterwegs. Fünf Pakete stapeln, klingeln am Hauseingang, Fahrstuhl links liegen lassen, dauert zu lang, Treppen hoch, Guten Tag, Paket abgeben, Unterschrift auf den Handscanner, Tschüß, nächste Treppe hoch. Runter ins Auto, 20 Meter fahren, alles von vorn. Matthias Meyer sagt: „Da weißt du abends, was du getan hast. Von außen sieht man das ja gar nicht.

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