ZiSH-Autoren erklären die moderne Spießigkeit

Wer ist hier der Spießer?

Zwischen diesen hippen jungen Leuten beim Kaffeeklatsch haben sich ein paar Spießer versteckt. Kannst du sie finden?

Zwischen diesen hippen jungen Leuten beim Kaffeeklatsch haben sich ein paar Spießer versteckt. Kannst du sie finden?

Hannover. Spießig? Ich doch nicht! So reagieren viele Jugendliche, wenn sie auf ihre Kleidung von Omas Gnaden, auf ihr BWL-Studium oder den Wunsch nach dem perfekten Lebenslauf angesprochen werden. Schließlich ist niemand gern spießig. Oder vielleicht doch?

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Das zumindest hat Klaus Hurrelmann, Sozialwissenschaftler an der Hertie-School of Governance in Berlin, beobachtet. Der Macher der Shell-Jugendstudie forscht seit mehr als 20 Jahren zu den Trends der Jugend. Bei den heute Zwölf- bis 25-Jährigen stellt er seit einigen Jahren verstärkt den Wunsch nach Sicherheit und Beständigkeit, nach einem geregelten Leben, fest. „Älteren Generationen erscheint das manchmal ganz schön kleinbürgerlich“, sagt der 68-jährige Hurrelmann. Wer von Anzug und Schlips nichts hält und sich nun trotzdem auf Letzteren getreten fühlt, sollte sich in den folgenden Zeilen einmal selbst testen und ehrlich mit sich sein: Wie spießig sind wir eigentlich? Eine Selbstverteidigung.

Lange Beziehungen

„Der Bachelor“ küsst im Fernsehen auf der Suche nach der großen Liebe alle zwei Minuten eine andere. Bei GZSZ dauert eine Beziehung auch kaum länger als eine Episode. Aber das ist fern von unseren Traumvorstellungen. Wir wollen Beständigkeit. Wir wollen die echte Liebe, wie Hollywood sie vormacht. Zwar werden wir immer wählerischer, was den Partner angeht (da darf auch schon mal ein Internetanbieter nachhelfen), aber dafür wollen wir auch möglichst lange ganz offiziell „in einer Beziehung“ sein. Beziehungen mit Perspektiven. Nur zu gern würden wir unseren Enkeln einmal Geschichten erzählen wie unsere Großeltern, die sich schon mit 14 kennengelernt haben. Und mal ehrlich: Wer möchte schon alle paar Wochen seinen Facebook-Status ändern?

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A. Genau mein Ding.

B. Ne, voll spießig!

Ein kleines Eigenheim

Der Traum vom Eigenheim klingt nach Reihenhaus mit Rasenfläche für den Familienhund, nach Gartenteich und Goldfischen, nach Schaukeln für die Kinder. Es klingt nach Vorstadtidylle – einer Brutstätte der Spießbürgerlichkeit. Und doch wünschen sich, wie die Landesbausparkassen herausgefunden haben, 77 Prozent der 16- bis 25-Jährigen Wohneigentum. Dieser Traum vom eigenen Haus verdeutlicht unseren Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit. Das ist vor allem vernünftig. Angepasst und brav ist das Bild, das manche unserer großstädtischen Eltern uns vom Leben im Vorstadt-Eigenheim ausgemalt haben. Sesshaft, an einem Ort, für immer. Die biedermännische Todesfalle. Dabei wird es doch erst bieder, wenn wir nicht mehr rauskommen, weil der Weg von der Vor- in die Innenstadt „zu umständlich“ ist und wir die engstirnigen Denkmuster unserer Gartenzwerge annehmen.

A. Genau mein Ding.

B. Ne, voll spießig!

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Kleidung

Wir tragen zum Ausgehen einen Strickpullover mit Karomuster, Lederschuhe, der Seitenscheitel sitzt, und die Hornbrille lässt uns intelligenter erscheinen, als wir sind. Oma ist stolz. Dabei sind wir keinesfalls Außenseiter auf dem Weg zur Mathe-Olympiade. Wir haben nur den „Nerd-Style“ perfektioniert und sind modisch auf dem neuesten Stand. Es stimmt: unser Kleidungsstil ist adrett und ordentlich. Aber was sollen wir machen? Wir wollen schließlich im Trend liegen. Und die Modeindustrie legt uns Kleider heraus wie Mutti es tun würde.

Versuchen wir individuell zu sein, schwimmen wir wieder mit der Masse.Denn auch Individualität liegt im Trend. Und so trägt jeder Zweite Hemden vom Flohmarkt und Hosen aus dem Secondhandladen. Jeder kann alles tragen. Heute Punk, morgen Nerd. Und so wird in den Kleiderschränken vergangener Generationen gestöbert, und Omas Sachen werden weitergereicht. So sparen wir Geld und haben außerdem immer warme Nieren.

A. Genau mein Ding.

B. Ne, voll spießig!

Alte Tugenden

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In unseren Zimmern stehen dicke Ordner, in denen Abi-Notizen, Bankbelege und Rentenversicherungsunterlagen ordentlich sortiert und abgeheftet sind. Auf der Straße grüßen wir lächelnd ältere Leute und unsere Freunde lassen wir bei Verabredungen auch nicht warten. Es ist eine Frage des gegenseitigen Respekts.Wir heißen unsere Gäste in einem ordentlichen Zimmer statt zwischen Müllbergen und dreckigen Socken willkommen.Im Beruf sind Ordnung, Pünktlichkeit und Disziplin wichtige Softskills, um gegenüber Kunden souverän und höflich aufzutreten.

Auch in der Schule und in der Uni ist es längst nicht mehr nur der Klassenstreber, der unbedingt gute Noten haben will. Nachhilfelehrer freuen sich über unseren neu entdeckten Fleiß. Außerdem helfen diese Tugenden, um vielleicht mal länger als nur für ein vierwöchiges Praktikum bleiben zu dürfen.

A. Genau mein Ding.

B. Ne, voll spießig!

Eine heile Familie

Die Deutschen seien vom Aussterben bedroht, es gebe zu wenig Kinder, heißt es, der Generationenvertrag sei kaputt. Unser Sozialstaat steht wegen des demografischen Wandels vor dem Zusammenbruch. Also müssen Kinder geboren werden. Da passt es doch, dass wir uns eine heile Familie mit Kindern wünschen.Wir wollen sonntags mit den Großeltern am Kaffeetisch sitzen, Kuchen nach altem Familienrezept essen und den Kleinen beim Spielen zusehen.

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Und wir wollen nicht allein sein, wenn wir nach einem stressigen Arbeitstag nach Hause kommen. Denn beim Abendessen mit der eigenen Familie finden wir Sicherheit und Geborgenheit, die es in dieser schnelllebigen Zeit sonst kaum gibt. Das sind keine Ziele für Leute in unserem Alter? Unsere Eltern mögen 1968 eine wilde Zeit erlebt haben, doch am Ende lebten sie uns doch ein heiles Familienbild vor. Sie sind unsere Vorbilder. Ihre Familienplanung übernehmen wir für uns. Nicht zu bald, aber in ein paar Jahren sicher.

A. Genau mein Ding.

B. Ne, voll spießig!

Sicherer Job

„Mach etwas aus deinem Leben, sei erfolgreich!“ Dieses Motto als lebenserfüllendes Ziel wird in den Medien und in der Gesellschaft transportiert. Und auch im Freundeskreis sind die Zukunftspläne ständig Thema: „Was hast du vor, was wirst du studieren?“ Im Unterton dieser Frage schwingt zugleich die Antwort mit: Wir wollen einen sicheren Job, der uns die nächsten 40 Jahre begleitet und ein geregeltes Einkommen verspricht. Wir sehen Schuldenberge, die sich auf unseren Schultern türmen, und setzen uns selbst unter Druck, denn wir spüren das Gespenst Zeitarbeit im Nacken.

Während wir hartnäckig unseren Lebenslauf mit Praktika und Auslandsaufenthalten spicken, hören wir unseren Eltern zu, die so viel sorgloser irgendein Nischenfach ohne Zukunftsaussichten studierten und heute trotzdem irgendwo untergekommen sind. „Macht euch nicht so einen Kopf“ sagen sie und beschweren sich dann über ihren jährlichen Rentenbescheid. Wir sind da vielleicht langweiliger, ängstlicher, aber auch zielstrebiger. Wir wissen schließlich: Unsere Renten sind nicht sicher.

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A. Genau mein Ding.

B. Ne, voll spießig!

Sechsmal A. angekreuzt? Das ist ja spießig. Macht aber nichts, wir können gut mitfühlen und sehen uns hoffentlich in 20 Jahren vor unseren Reihenhäuschen beim Gassigehen mit Dackel Waldo. Denn mal Hand aufs Herz, liebe Altersgenossen: Wir sind eine Spießergeneration – und zwar aus Überzeugung.

Einen Bausparvertrag abschließen und dabei trotzdem frei im Kopf bleiben: Das ist unsere Generation. Solange vor lauter kleinbürgerlichen Zielen der Horizont nicht bis zur nächsten Straßenecke oder Lohnauszahlung zusammenschrumpft, muss niemand sich fürs BWL-Studium oder eine Mütze aus Omas Kleiderschrank schämen. Wir sind doch alle ein bisschen spießig. Oder etwa nicht?

Marie Rode, Anne-Sophie Lucas, Ansgar Nehls, Andrea Hasenfuss, Lisa Günther, Malte Mühle undIsabell Rollenhagen

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