Umstrittene Skulptur

Wie braun ist der Fackelläufer am Maschsee in Hannover?

Lange wurde um diesen Text gerungen. Jetzt, nach schwierigen Debatten, hat die Stadt die Hinweistafel an der Säule des Fackelläufers am Maschsee angebracht. Von „NS-Kunst“ ist darauf die Rede: Die Figur nehme „Bezug auf den Hitlergruß und das olympische Feuer“, heißt es. Eine eher vorsichtige Formulierung. Und doch kommt sie einem Urteil gleich: Der Fackelläufer des Bildhauers Hermann Scheuernstuhl, aufgestellt im Juni 1937, ist demnach künstlerisch ein Kind des Nazi-Ungeistes. Doch es gibt vieles, was gegen diese Sicht spricht.

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„Das ist doch kein Hitlergruß. Es ist offenkundig, dass Scheuernstuhl sich zu den olympischen Spielen in Berlin an griechischen Vorbildern orientierte“, sagt Wolfgang Glage, langjähriger Historiker am Landesmuseum Braunschweig. Marlise Scheuernstuhl, die inzwischen verstorbene Witwe des Künstlers, habe ihm vor einigen Jahren Einblick in den Nachlass des Bildhauers gewährt. „In dem Koffer waren auch Skizzen und ein Foto des sogenannten Antikythera-Jünglings, die er bei der Arbeit am Fackelläufer verwendet hatte“, sagt Glage. Man muss kein Kunsthistoriker sein, um zu sehen, wie sehr die berühmte Bronze aus dem Nationalmuseum Athen der Maschsee-Skulptur gleicht. Inklusive Armhaltung. Entstanden ist sie rund 2300 Jahre vor der Machtübernahme Hitlers.

„Hohe Nazis forderten mehrmals die Beseitigung des Fackelläufers – ihnen erschien er zu wenig vorwärts strebend und nicht dynamisch genug, sein Gesicht kam ihnen zu erschöpft vor“, sagt Glage – der Fackelläufer sei also gerade nicht kompatibel gewesen mit dem heroischen Körperkult der Nazis, den heutige Betrachter in ihm schnell entdecken.

Im Berliner Georg-Kolbe-Archiv stieß Historiker Glage zudem auf einen Brief, den Justus Bier, künstlerischer Leiter der Kestnergesellschaft, im Oktober 1935 an den Bildhauer Kolbe schrieb. Bier, selbst Jude, berichtet in dem konspirativen Schreiben von seinen Bemühungen, am Ufer des Sees das Aufstellen NS-konformer Kunst zu verhindern. Gemeinsam mit dem Kestner-Vorsitzenden Fritz Beindorff sei es ihm jetzt gelungen, eine Ausschreibung durchzusetzen, an der auch Scheuernstuhl teilnehme, schrieb Bier – so wolle er „die Möglichkeit schaffen, ein gutes Werk nach Hannover zu bringen“. Tatsächlich bekam Scheuernstuhl beim Wettbewerb den ersten Preis. Bier ging ins Exil. Hatte der Jude ungewollt eine Naziskulptur samt „Deutschem Gruß“ gefördert?

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In der Fachliteratur sei der Verdacht, der Fackelläufer könne den Hitlergruß andeuten, erst in den neunziger Jahren aufgekommen, sagt Kunsthistorikerin Ines Katenhusen, eine ausgewiesene Expertin für Hannovers Kulturszene in der NS-Zeit: „Ich selbst halte das für nicht sonderlich reflektiert und habe Probleme, da einen Hitlergruß zu erkennen.“ Nicht von ungefähr habe die Parteiführung damals die Aufstellung des Fackelläufers ein halbes Jahr verhindert – sie hatte massive Einwände gegen ihn: „Scheuernstuhl galt vielen als Linker, er war künstlerisch der Avantgarde verbunden, wurde von Nazis angefeindet – und Beindorff war Freimaurer“, sagt sie. Tatsächlich war der „Pelikan“-Chef, der die Plastik mit 50.000 Reichsmark sponserte, „Meister vom Stuhl“ in der Loge „Zum Schwarzen Bär“. „Den Nazis war Freimaurerei verhasst, und im Fackelläufer sahen sie eine freimaurerische Figur“, sagt Siegfried Schildmacher. Der Vorsitzende der Loge „Friedrich zum weißen Pferde“ arbeitet an einem Buch über verborgene Freimaurer-Symbole am Maschsee, und er hat Erstaunliches herausgefunden: Im Archiv – ausgerechnet von Beindorffs Loge – stieß er auf einen Entwurf, nach dem am Maschsee ursprünglich drei Säulen aufgestellt werden sollten – ein zentrales Symbol der Freimaurer. „Sie stehen bei uns für Weisheit, Schönheit und Stärke“, sagt er. „Realisiert wurde dann aber nur eine davon – der Fackelläufer krönt die Säule der Weisheit.“

In der Fackel erkennt Schildmacher weniger das Olympische Feuer als vielmehr die Flamme der Aufklärung, die ebenfalls in der Freimaurer-Symbolik einen festen Platz hat: „Dass der Träger diese Fackel nach unten hält, könnte man als heimliche Kritik am dunklen Zeitgeist werten.“ Einen Hitlergruß vermag der Vorsitzende der Loge nicht zu entdecken: „Diese Skulptur steht für das Gegenteil von all dem, was die Nazis wollten“, sagt er, und das habe er auch der Stadt im vergangenen Jahr in einem Brief geschrieben.

Kunst ist immer auch das, was man in ihr erblickt. Es sieht so aus, als würde der Fackelläufer noch für viele Diskussionen gut sein.

Scheuernstuhl schuf auch den „Fischreiter“

Hermann Scheuernstuhl (1894–1982) war NSDAP-Mitglied – und zugleich vielen Nazis ein Dorn im Auge. Seine Büste des früheren Stadtdirektors Heinrich Tramm stießen Nationalsozialisten 1933 von ihrem Sockel in der Kuppelhalle des Rathauses. Erst 1998 wurde sie wieder dort aufgestellt. Der Bildhauer, geboren in Pforzheim, hatte sein Atelier im heutigen Wilhelm-Busch-Museum.

Der Freigeist lebte streng vegetarisch, trieb eine Art Yoga, suchte den Einklang mit der Natur – und bekannte sich zur Mazdaznan-Religion, einer westlichen Variante des uralten asiatischen Zarathustra-Kultes. Der Künstler, der schon 1928 in der Kestnergesellschaft ausgestellt hatte, wurde 1965 vom SPD-Ministerpräsidenten Georg Diederichs mit dem Großen Verdienstkreuz des Niedersächsischen Verdienstordens ausgezeichnet. Scheuernstuhl schuf auch den „Rosslenker“ am Hohen Ufer und den eher pittoresken „Fischreiter“ am Maschsee. Sie beide heben, wie auch der Fackelläufer, jeweils einen Arm. Allerdings nur den linken.

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