Buchladen am E-Damm

Wo gibt es noch Antiquariate?

Foto: Der Antiquar Arno Kundlatsch sorgt sich um den Handel mit alten Büchern.

Der Antiquar Arno Kundlatsch sorgt sich um den Handel mit alten Büchern.

Nordstadt. Sie war Übersetzerin und lehrte an der Universität Hannover. Sie hinterließ nach ihrem Tod eine liebevoll gepflegte Bibliothek. Etwa 60 Regalmeter. Ihre Erben, beide schon betagt, konnten sich um den Nachlass nicht kümmern und beauftragten ein Räumungsunternehmen, von dem ein hemdsärmeliger Kostenvoranschlag kam: „Für 1000 Euro entrümpeln wir die Wohnung. Wenn wir die Bücher mitnehmen müssen, kostet es 250 Euro mehr.“

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Der Entrümpler kam zum Glück nicht zum Zuge. Die Erben wandten sich schließlich an Arno Kundlatsch, Antiquar und Buchhändler am Engelbosteler Damm. Ein kleiner, von Büchern überquellender Laden, eher unscheinbar, unter Kennern und in Uni-Kreisen aber als Internationalismus Buchladen eine Institution. Kundlatsch ist ein ausgewiesener Fachmann, er hat unter anderem gemeinsam mit einer Kollegin die Titelaufnahme der Bibliothek des Dichters Hugo von Hofmannsthal erarbeitet.

Der Antiquar erzählt die traurige Geschichte vom Nachlass der Dozentin, weil sie für ihn beispielhaft ist für sein Gewerbe: Büchersammlungen, nicht selten in einem langen Leben zusammengetragen, gelten nichts mehr. Gut ein Dutzend ernst zu nehmende Antiquariatsbuchhändler gibt es noch in Hannover. Viele handeln nur noch „von der Etage aus“ wie es unter Eingeweihten heißt. Sie haben ihre Ladengeschäfte geschlossen, weil von den kargen Erlösen die Mieten nicht mehr zu bezahlen waren, und bieten ihre Werke ausschließlich im Internet an. Vor nicht langer Zeit stellte ein Mann eines Morgens ein paar Pappkisten vor Kundlatschs Ladentür. Die Bibliothek seines verstorbenen Vaters. „Können Sie damit was anfangen? Sonst fahr ich das Zeug weiter zur Müllkippe.“ Mehr Verachtung für alte Bücher geht nicht.

Gewerbe mit langer Tradition

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Dabei war der Antiquariatsbuchhandel doch einmal ein blühendes Gewerbe mit langer Tradition. Zu den klingenden Namen der Branche gehörte in Hannover in der Nachkriegszeit Manfred Mielke. Er begann sein Unternehmen 1952, wie es in dieser Zeit nicht selten war, mit einem Bücherkarren und einem zwangsläufig eher überschaubaren Angebot. Inzwischen ist der Betrieb an seine Söhne übergegangen. Der Bücherkarren ist Geschichte. Der Optimismus der Gründerzeit ist verflogen. Auch Thomas Mielke sieht die Zukunft eher skeptisch: „Früher haben wir in der Hannoverschen Allgemeinen Anzeigen aufgegeben und private Bibliotheken gesucht. Heute kommt jede Woche ein Angebot.“ Mielke versucht dann am Telefon schon herauszufinden, ob sich eine Besichtigung überhaupt lohnt. „Die Leute wollen meistens nicht einzelne Bücher verkaufen, sondern ganze Sammlungen loswerden.“

Aber Sammlungen meidet Mielke lieber. Sein Lager quillt über. „Man kann da oft nur ein paar Exemplare wirklich gebrauchen, muss aber den ganzen Schwung nehmen.“ Und erfahrungsgemäß sind dann reihenweise Vorschlagsbände aus vielen Jahren Mitgliedschaft in einem Buchklub dabei. Solchen Werken ist ein Dasein als Ladenhüter gewiss. „Uns fehlen die jungen Kunden“, klagt Thomas Mielke. Antiquariatskunden gehörten zumeist zur älteren Generation.

Im Übrigen hat das Internet dafür gesorgt, dass sich der Handel mit alten Büchern kaum noch lohnt. Drei junge Berliner haben 1996 die Firma ZVAB (Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher) gegründet. Heute ist das Unternehmen nach eigener Aussage die weltweit größte Plattform für deutschsprachige Titel und inzwischen an den Internetriesen Amazon verkauft. Tausende von professionellen Antiquaren bieten dort rund 25 Millionen antiquarische oder vergriffene Bücher an. Dazu kommen weitere Plattformen wie Booklooker. Zusammen haben sie ein kaum noch überschaubares Überangebot geschaffen. Für die Kunden mag das manchmal ein Segen sein, für den kleinen Antiquar eher ein Fluch. Suchmaschinen machen die Preise auf Knopfdruck vergleichbar und haben einen brutalen Preiskampf entfacht.

Und sie haben dem Einkauf im Antiquariat um die Ecke einen wichtigen Reiz geraubt. Warum soll man sich noch die Mühe machen, in den Bücherkisten nach einem Schnäppchen zu suchen oder sich von dem Angebot überraschen lassen, wenn im Internet jederzeit alles verfügbar scheint? Und noch dazu zum besten Preis. Auf den ersten Blick jedenfalls. Ob das Buch am Ende wirklich so aussieht, wie im Netz angepriesen, ist nicht gewiss. Die Anstreichungen sind dann vielleicht nicht mehr mit Bleistift gemacht, wie man früher erwarten durfte, sondern mit Textmarker, oder der Einband ist nicht nur abgerieben, sondern hat schwer gelitten.

„Antiquariatsbuchhandel ist Vertrauenssache“

Arno Kundlatsch hat einen äußerst sparsamen Internetauftritt. Nur eine Seite mit seinen Kontaktdaten. Als rebellischen Akt will er das nicht verstanden wissen. Er ist auch kein Netzverächter, schließlich arbeitet er jeden Tag damit, aber ein kleiner Fingerzeig ist die Beinaheabstinenz dann doch. Antiquariatsbuchhandel ist für Kundlatsch Vertrauenssache – beim Ankauf und beim Verkauf. „Ohne persönliche Beratung geht das nicht“, sagt er. Und schließlich das Wichtigste: Ein altes Buch muss man anfassen, bevor man es kauft.

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Horst Timme, der sein Antiquariat in der Langen Laube hat, sieht das ähnlich. Er sieht die Zukunft seines Gewerbes nicht im Handel mit der Alltagsware, mit gebrauchten Ratgebern oder Romanen. Timme setzt auf das wertvolle Einzelstück: „Man könnte sagen, dass das antiquarische Buch zu einem Luxusgut werden wird.“ Aber an wen soll sich der Kunde dann noch vertrauensvoll wenden? Sachkundige und gut ausgebildete Antiquare werden immer seltener.

Arno Kundlatsch sitzt in der zuständigen Prüfungskommission der Industrie- und Handelskammer. Seinen letzten Auszubildenden hat er vor fünf Jahren befragt. Von Nachwuchsproblemen kann man da kaum noch sprechen. Vielmehr scheint es, als sei der Antiquar ein aussterbender Beruf.

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