Essen als Statussymbol

Zeigt her eure Teller!

Bitte recht freundlich: Immer mehr Fotos von Gerichten landen im Internet.

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Hannover . Sie wollen die XXL-Kreation in der „L’Osteria“ noch schnell fotografieren – und auf Internetdiensten wie Facebook oder Instagram hochladen: „Mmh – mein Abendessen. Ob ich die schaffe?“ Restaurantleiter Christian Moltzen freut sich über die Aufmerksamkeit: „Hier kann jeder sein Essen fotografieren, wie er will.“

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Mittlerweile ist es üblich geworden, dass Gäste ihr Essen fotografieren und die Bilder mit mehr oder weniger vielsagenden Kommentaren ins Internet stellen. Bei Facebook oder Instagram rangieren Fotos vom Restaurantbesuch ganz vorn, wenn es um die Darstellung des Privatlebens geht – noch vor Familie oder Auto. Das massenhafte Fotografieren und Veröffentlichen von Essen hat es sogar zu einem neuen Modebegriff gebracht: „Food Porn“.

Doch nicht alle Wirte verstehen das Hochladen ihrer Kreationen auch als Werbung. In New York verbieten seit Längerem schon einige Restaurants ihren Gästen, mit dem Smartphone ihre Teller zu fokussieren. Nun hatte es auch ein Berliner Wirt so satt, dass er ein Verbotsschild in seinem Restaurant aufhing: „Bitte das Essen nicht instagrammen. (Und diesen Zettel bitte auch nicht!)“ Natürlich hielt sich niemand daran. Die Debatte erreichte Deutschland, nachdem der Aushang fotografiert und auf Facebook gepostet wurde.

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In Hannover ist noch kein Fall bekannt, bei dem ein Gastronom seinen Gästen die Essensfotografie verboten hat. Aber was sagen hannoversche Gastronomen zu dem Massenphänomen? Nervt es sie vielleicht doch hin und wieder?
Dietmar Althof, Gesellschafter der "Schlossküche", kann den Ärger seines Berliner Kollegen nicht nachvollziehen: "Ich finde es großartig, dass immer mehr junge Menschen Interesse am Essen zeigen. Dass man das fotografiert und mitteilt, ist heutzutage ein ganz normaler Vorgang." Er selbst fotografiere Speisen mit dem Handy, wenn diese ihm gefallen. "Zuletzt habe ich in einem Restaurant in Südtirol das Risotto fotografiert – es war so schön angerichtet." Allerdings lädt er die Fotos anschließend nicht im Internet hoch, sondern bewahrt sie als Erinnerung auf. Als störend empfindet es Althof höchstens, wenn "jemand mit seinem Handy lautstark telefoniert".

Sternekoch Andreas Tuffentsammer ist es gewohnt, dass Gäste seiner „Ole Deele“ in Burgwedel seine aufwendigen Kreationen fotografieren, bevor sie die Gabel in die Hand nehmen. „Ich habe überhaupt nichts dagegen. Im Gegenteil, es ist doch ein großes Lob, wenn die Gäste zur Kamera greifen.“ Natürlich weiß Tuffentsammer, dass die schnell geknipsten Fotos mit den Smartphones lange nicht so ansprechend sind wie professionelle Food-Fotografie. „Bei den Profis wird das Bild aber oftmals so verfälscht, dass es nicht die Wirklichkeit zeigt. Die Wahrheit bewegt sich wohl irgendwo dazwischen.“

Eine spanische Restaurantkette nutzt den Trend sogar für eine Marketing-Strategie: In ihren „Grupo Gourmet“-Restaurants veranstaltet sie Fotografie-Workshops für „Foodies“, zu denen Food-Blogger, Instagram-User und „ganz normale Leute, die gerne fotografieren“ kommen. Schließlich haben auch die Mitarbeiter etwas davon, wenn die Gäste bei ihren Besuchen appetitliche Fotos schießen und mit ihren virtuellen Freunden teilen.

Und was, wenn es ein Verbotsschild gibt? Haben Wirte das Recht, ihren Gästen zu verbieten, die Speisen zu fotografieren und hochzuladen? Juristen vertreten dazu folgende Auffassung: Köche, die wahre Künstler sind und besondere einmalige Kreationen schaffen, genießen wie Musiker und Maler den Schutz des Urheberrechts. Geht es also um die persönliche Handschrift eines Spitzenkochs, darf gemäß des Urheberrechts kein anderer, auch kein Restaurantgast, unbefugt ein Bild veröffentlichen. Allerdings trifft diese Regelung nicht auf die einfachen, alltäglichen und bekannten Speisen zu, die den Gästen verkauft werden. Küchenchefs können trotzdem ihre eigenen Regeln aufstellen, sofern sie nicht nur die Kochmütze aufhaben, sondern als Unternehmer und Haftender auch das Hausrecht haben. Von diesem Recht macht auch der Berliner Gastronom Gebrauch.

Joachim Stern, Inhaber des „Alten Jagdhauses“ in der Seelhorst, sieht zwar seine Kreationen als Kunst an. Am Fotografieren stört er sich aber nicht. Was ihn ärgert, sind „Gäste, die eine Kartoffel nicht von einem Kohlrabi unterscheiden können, aber glauben, ihre Meinung ist maßgeblich“. Dann ärgert sich der frühere Sternekoch über unberechtigte Kritik in den „Restauranttest“-Foren im Internet. Das gelte umso mehr, wenn die betreffenden Gäste die Fehler nicht gleich vor Ort angegeben hätten. „Wenn ich die Chance habe, einen Fehler zu korrigieren, haben wir alle mehr davon.“ Stern plädiert dann gern für eine Plattform für Gastronomen im Netz. Eine, auf der sich Wirte über schlecht gelaunte Gäste austauschen können.

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