"Petze, Petze ärgert sich ..."

ZiSH spürt dem Petzen im Alltag nach

Amerikanische Diplomaten drücken sich manchmal gar nicht diplomatisch aus – und können Geheimnisse ebenso wenig für sich behalten
 wie die Politiker, die bei ihnen über Kollegen gelästert haben. Das zeigen die Enthüllungen der Internetplattform WikiLeaks. Doch auch im Privaten 
ist es schwer, Geheimnisse für sich zu behalten. ZiSH erklärt, warum das so ist. Und wieso es manchmal wichtig sein kann, Vertrauen zu brechen.

Petze, Petze ging in’ Laden, wollte ein Stück Käse haben. Käse, Käse gab es nicht, Petze, Petze ärgert sich“: So heißt es in dem berühmten Kinderreim. Die Petze bekommt nicht, was sie haben möchte – vor allem keine Anerkennung von ihren Mitmenschen. Mitleid haben da nur wenige – denn Petzen sind nicht sehr beliebt. Sie verraten Geheimnisse und brechen das Vertrauen ihrer Mitmenschen. Als größte Petze dieser Tage gilt die Organisation WikiLeaks.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ob Aufzeichnungen der US-Armee über den Krieg in Afghanistan oder Diplomatenberichte – im Internet veröffentlicht die Enthüllungsplattform Geheimdokumente, die eigentlich nicht für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt sind. Im Gespräch mit US-Diplomaten hatten Politiker über ihre Kollegen gelästert. Nun sind sie empört und fühlen sich verraten. Für manche, wie die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth, selbst relativ unbescholten aus der Diplomatenaffäre herausgekommen, bedeuten die Veröffentlichungen der Dokumente schlicht mehr Transparenz in der Demokratie. Doch es ist eine schonungslose Transparenz, die nun erst einmal dringend den diplomatischen Samthandschuh erfordert.

Dass die Enthüllung von Geheimnissen wehtun kann, kennt jeder auch aus dem Alltag abseits der Weltpolitik. Gepetzt wird auf dem Schulhof, dem Sportplatz, am Abendbrottisch.

„Beim Petzen verstößt man gegen ein Loyalitätsverhältnis, in dem man mit dem Verratenen steht“, erklärt Dietmar Hübner, Professor für Praktische Philosophie an der Leibniz Universität Hannover. Geschwister, Klassenkameraden oder Mannschaftskollegen bilden enge, soziale Gemeinschaften, in denen normalerweise besondere Solidarität gegenüber der nächsthöheren Instanz, also Eltern, Lehrern oder Trainern, erwartet wird. Werden in solchen Peergroups Geheimnisse ausgetauscht, dann in der Hoffnung, dass sie nicht nach außen getragen werden. Von einem Unrecht oder einer Grenzüberschreitung zu wissen, kann allerdings auch belastend sein.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

In diese Situation kam Ronja (die Namen aller Jugendlicher wurden von der Redaktion geändert), als ihr eine gute Freundin erzählte, dass sie fremdgegangen sei und es ihrem Freund noch nicht gebeichtet habe. „Ihr bedeutete der Seitensprung nichts“, erzählt Ronja heute. Für die Mitwisserin war es schlimm, mehr zu wissen als der Betrogene – schließlich war sie auch mit ihm gut befreundet. „Meine Freundin erwartete Verschwiegenheit von mir, doch ich fühlte mich verdammt unwohl dabei“, erzählt Ronja. Sie schwieg dennoch. Das Paar trennte sich wenig später. Aber Ronja behielt zwei Freunde.

„Petzen beschreibt immer etwas Negatives, ist aber nicht per se zu verurteilen“, sagt Detlef Ziesemer, Leiter der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutenausbildung am Winnicott-Institut in Hannover. Die Petze, der oft ungewollt ein Geheimnis anvertraut wird, durchlebe häufig einen Konflikt, mit dem viele einfach nicht umgehen könnten. „Wenn die ,Verräter’ sich dann entlasten, indem sie das Geheimnis verraten, kann das zunächt als Befreiung erlebt werden“, sagt Ziesemer. Die sozialen Konsequenzen könnten jedoch gravierend sein, denn wer petzt, bringe nicht nur den Verpetzten, sondern auch oft die ganze Gruppe gegen sich auf.

Laura kennt dieses Problem. Ihre Klassenkameradin Eveline wurde während einer wichtigen Matheklausur beim Spicken erwischt. Die Ertappte versuchte, ihre eigene Haut zu retten, indem sie auf ihre besten Freundin und Platznachbarin verwies: „Laura hat aber auch einen Spicker unter dem Tisch.“ Die Mathelehrin ignorierte den Versuch, eine weitere Mitschülerin anzuschwärzen. Eveline musste zum Schuldirektor.

„Eveline, du Petze!“, warf Laura ihrer Freundin später an den Kopf. Philosophieprofessor Hübner kennt solche Reaktionen: „Der eigentlich Schuldige sagt damit im Wesentlichen dreierlei: Du warst mir gegenüber nicht loyal, mein Regelverstoß war eine Bagatelle, und du wolltest dich bei der nächsthöheren Instanz anbiedern.“ Der Verpetzte ist gekränkt und fühlt sich verraten.

Dass so etwas nicht nur Freundschaften zerstören, sondern auch auf den rechten Weg zurückführen kann, hat Daniel erlebt. Seinem Freund Sven verriet er, dass er sich an der Kasse der Bar bediente, in der er arbeitete. Sven kannte auch den Besitzer der Bar gut und wusste, dass der nur wenig einnahm und vor der Pleite stand. Um Schlimmeres zu verhindern, stellte er seinem Freund ein Ultimatum: „Entweder du sagst es selbst oder ich verrate dich.“ Daniel beichtete und wurde sofort entlassen. Die Freundschaft war zerstört, das Vertrauen in den Freund verloren. Doch eine wichtige Lektion fürs Leben war es für beide. Nach einem Jahr Funkstille trafen sich Daniel, Sven und der Besitzer der Bar wieder auf ein Bier. Nicht als Freunde, aber mit Verständnis für den jeweils anderen.

„Den Vertrauensbruch zu vergeben, ist natürlich immer schwierig“, erklärt Ziesemer. Die meisten Verpetzten zeigten irgendwann Verständnis, da sie selbst schon einmal als Petze in einer ähnlichen Situation gesteckt hätten. „Das kann der ,Verräter’ aber nicht erzwingen“, sagt Psychotherapeut Ziesemer. „Vergeben kann immer nur der Verpetzte.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auch die verpetzten Politiker bemühen sich nun nach Kräften, das Vertrauen der Kollegen zurückzugewinnen. Bleibt abzuwarten, ob Lästerer und Petzen wieder zu besseren Freunden werden können als Sven und Daniel.

Felix Klabe und Malte Mühle, Mitarbeit: Isabel Christian und Lena Kix.

Mehr aus Hannover

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen