Kirchrode

Zurmöhle ist Uhrmacher mit Geschichte

Rolf Zurmöhle begutachtet eine Uhr.

Rolf Zurmöhle begutachtet eine Uhr.

Hannover. Seit 25 Jahren läuft die Kirchturmuhr von St. Jakobi in Kirchrode nach seinem Takt: Uhrmachermeister Rolf Zurmöhle ist zuständig für den korrekten Lauf. Einmal wöchentlich zieht er das Uhrwerk von 1906 auf. Früher musste er die Pendeluhr sogar noch hochkurbeln. Heute erleichtert das inzwischen elektrische Aufzugswerk die Arbeit. „Wenn ich höre, dass sie zehn Sekunden zu früh ist, gehe ich wieder hoch und reguliere sie“, erklärt er und deutet auf die Funkuhr auf seinem Arbeitstisch. Neben ihr liegen die goldenen Einzelteile all jener komplexen Uhrwerke, die er instand setzt. Auch die Uhren der Kirche St. Martin in Anderten oder des Annastifts habe er bereits repariert.

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Gemeinsam mit seinem Bruder Gerd und dessen Frau Monika führt er den kleinen Juwelierladen in der Brabeckstraße 9 nunmehr seit gut vierzig Jahren. „Er ist der Chef“, sagt Rolf über seinen Bruder. Beide schmunzeln. Während Gerd und dessen Frau alles vom Wareneinkauf bis zu Kundenbetreuung im derzeit trubeligen Verkaufsraum organisieren, repariert Rolf im ruhigen Hinterzimmer an seinem Holztisch die verschiedensten Uhrwerke.

Seit Mitte letzter Woche ziehen sich nun allerdings mehrere rote Banner um das kleine Geschäft: Ausverkauf. Gerd und Monika Zurmöhle wollen sich zur Ruhe setzen. Vor ziemlich genau 65 Jahren, am 15. November 1949, eröffneten ihre Eltern Willi und Marianne Zurmöhle mit geliehenem Geld ein kleines Uhrengeschäft - in der Scheune des Bauernhofs Woltmann. Sie hatten lange gesucht nach einem Ort, an dem sie eine „lohnendere Existenz“ gründen konnten als in ihrem Heimatdorf. 1954 konnten sie das Grundstück dann auch kaufen: „Ein großer Fortschritt und ein glückliches Gefühl, jetzt nicht mehr auf einem Pachtgrundstück, in das wir soviel investiert hatten, zu wohnen.“

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So lässt es sich nachlesen in der 1974 von Marianne begonnenen Familienchronik. Handschriftlich akkurat hat sie vieles niedergeschrieben - der große Umzug nach Kirchrode, das Heimweh der Kinder, die während der Umbauarbeiten bei ihren Großeltern in Ribbesbüttel blieben, das 25-jährige Jubiläum des Geschäfts - im selben Jahr, in dem die Chronik begonnen wurde. Zwei Jahre später stirbt Marianne Zurmöhle.

„Sie war die Seele des Geschäfts“, sind sich die Brüder einig. Sie tauschen Blicke, ihre Gesichtszüge werden mild. „Ich weiß noch, dass meine Eltern mal aus Müdigkeit unter dem Weihnachtsbaum eingeschlafen sind“, erinnert sich der jüngere Bruder. „Da war es so trubelig, wie es derzeit bei uns ist.“

Für die Söhne war es immer völlig klar, dass sie den Betrieb übernehmen würden. Auf die Frage, was er sonst geworden wäre, schüttelt Rolf vehement den Kopf: „Ich habe schon immer gesagt: Ich werde Uhrmacher“. Rolf wurde von 1963 bis 1966 von seinem Vater ausgebildet („ging als Kammersieger durchs Ziel“, wie seine Mutter schreibt), während sein jüngerer Bruder ab 1966 bei Obermeister Walter Lohmann in Mittelfeld in die Lehre ging. Seit 1971 sind beide Mitinhaber des Geschäfts.

Während all der Jahre ist Gerd ein Vorfall besonders in Erinnerung geblieben: Drei Männer hatten den Laden gestürmt und die Brüder mit ihrer Waffe bedroht. „Ich nahm an, dass sie ohnehin nur mit Platzpatronen geladen sei“, gesteht er. Als die Täter mit Waren im Wert von 30 000 Euro flohen, versuchten die Brüder unverblümt und voller Tatendrang hinterherzurennen, jedoch ohne Erfolg. Bei der Festnahme durch die Polizei stellte sich dann allerdings heraus, dass die Waffe tatsächlich geladen war - und zwar scharf. Heute erzählt er die Geschichte mit Respekt - und auch ein wenig Stolz ob ihren gemeinsamen Mutes.

Ob das Geschäft in Familienhand bleiben würde, darüber hatten sich Gerd und Monika Zurmöhle lange keine Gedanken macht. Während die beiden älteren Söhne Philipp und Tim Grafik- und Produktdesign studiert haben, lag die Hoffnung zeitweise auf dem 25-jährigen Steffen, der seinen Bachelor in Schmuckdesign machte. Doch auch er habe eben einen anderen Weg eingeschlagen, sagen beide Elternteile verständnisvoll. Gerd Zurmöhle geht es nahe, was für eine Sympathie der Familie derzeit entgegengebracht wird. „Viele kommen zu uns und sagen: ‘Wie schade, Sie werden fehlen.’“

Doch die Entscheidung wirkt wohlüberlegt, das Ehepaar schaut dem Ruhestand besonnen entgegen. Für Rolf aber muss noch lange nicht Schluss sein. „Es ist genug Arbeit da“, sagt er und deutet auf die Uhrenteile auf seinem Tisch. „Man kann hier aktiv sein, auch wenn man nicht mehr ganz so fit ist.“ Zwar ist es noch ungewiss, wer den Betrieb übernimmt, doch Rolf Zurmöhle möchte hier weiterarbeiten. Inwieweit, das kann er noch nicht sagen. Die Kirchturmuhr aber wird weiterhin nach seinem Takt schlagen.

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