Wilkenburg

Friedlicher Feldzug für Erhalt des Lagers

Reise in die Vergangenheit: Die Besucher lassen sich in die Zeit der Römer zurück versetzen.

Reise in die Vergangenheit: Die Besucher lassen sich in die Zeit der Römer zurück versetzen.

Wilkenburg. Wer am Ortsrand von Wilkenburg steht und in die Feldmark schaut, kann sich kaum vorstellen, dass sich dort auf einem 30 Hektar großen Areal einst ein römisches Marschlager für mehr als 20.000 Legionäre befand: umgeben von Spitzgraben, Schutzwall und Palisaden. Wie es vor rund 2000 Jahren in der Feldmark zwischen den heutigen Orten Arnum und Wilkenburg zugegangen sein muss – und welche Rolle der damals amtierende römische Kaiser Augustus gespielt haben könnte – das haben sich jetzt rund 30 Besucher bei einer Veranstaltung mit Bücherflohmarkt am künftigen Informationscenter der Römer Arbeitsgemeinschaft (AG) Leine erzählen lassen.

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„Augustus – Friedenskaiser und Despot“ – so lautete der Titel des Vortrags, zu dem die AG auf ihr neues Grundstück in der Kleingartensiedlung an der Straße Dicke Riede eingeladen hatte. Genau dort, wo auch eine der Infotafeln Auskunft über das vor drei Jahren entdeckte und archäologisch bedeutsame Bodendenkmal Auskunft gibt: Das einzige bekannte, nicht überbaute Marsch­lager nördlich des Limes ist zugleich das nördlichste in Deutschland.

Historikerin Karola Hagemann und Werner Pollak von der Römer AG berichten den Besuchern ihres Vortrages über die Bedeutung der archäologischen

Historikerin Karola Hagemann und Werner Pollak von der Römer AG berichten den Besuchern ihres Vortrages über die Bedeutung der archäologischen Funde zur Zeit des römischen Kaisers August.

Ein kleiner Feldzug, aber ein friedlicher, ist es auch für die fünf aktiven Mitglieder und weitere vier Helfer der Römer-AG. Sie wollen mit Informationsveranstaltungen möglichst viele Menschen erreichen. „Wir wollen sensibilisieren und auf diesen antiken Bodenschatz aufmerksam machen, damit durch den geplanten Kiesabbau nicht alle Möglichkeiten für weitere Grabungen dahin sind“, sagte die Historikerin Karola Hagemann in ihrer Einleitung. Die AG hat schon viele Hebel in Bewegung gesetzt, um ihr Anliegen zu unterstreichen. „Vor einem Jahr haben wir die Gartenparzelle am Rand des früheren Marschlagers bekommen“, erzählte Hagemann den Besuchern. Dort hat die AG begonnen, ein Informationscenter einzurichten. Eine Gartenhütte wurde zu einem Rundtempel umgestaltet und rot-weiß gestrichen, erzählt Hagemann: „Das ist römisch.“

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Kiesabbau oder Bodenkmal

Kiesabbau oder Bodenkmal? Über die Zukunft des Areals mit dem archäologisch bedeutsamen Römerlager bei Wilkenburg gibt es noch keine endgültige Entscheidung.

Erst seit April könne auch die Laube genutzt werden. Diese dient bisher noch als Lager und soll nach und nach zum Infocenter umgebaut werden. Viel Geld steht der AG nicht zur Verfügung. „Wir strecken alles privat vor. Spenden und Einnahmen aus Bücherflohmärkten decken nur einen Bruchteil der Kosten“, sagte Hagemann. Auch jetzt hatte die Hemminger Stadtbücherei wieder aussortiertes Material für einen Flohmarkt zur Verfügung gestellt. „Es steckt viel Idealismus in unserer Arbeit“, sagte Hagemann.

Die Besucher stöbern bei einem Bücherflohmarkt zwischen historisch bedeutsamen Literaturfundstücken

Die Besucher stöbern bei einem Bücherflohmarkt zwischen historisch bedeutsamen Literaturfundstücken.

Bevor sie und AG-Mitstreiter Werner Pollak zum Thema ihres Vortrages kamen, berichteten sie noch einmal über den Werdegang der Entdeckungen und die Bedeutung der Fundstücke: „2015 wurden erneut alte archäologischen Luftaufnahmen ausgewertet und auffällige Umrisse zum Anlass genommen, nach den Neunzigerjahren noch einmal dort zu graben“, berichtete Hagemann. Dank satellitengesteuerter Technik seien 2015 auch bedeutsame Funde gemacht worden. „Es konnte genauer gegraben werden.“

Elke und Wolfgang Rühmann begutachten eine Fototafel von den Ausgrabungen vor drei Jahren

Elke und Wolfgang Rühmann begutachten eine Fototafel von den Ausgrabungen vor drei Jahren.

Genau das wäre nicht mehr möglich, würde das inzwischen wieder zugeschüttete Privatgelände für den Kiesabbau frei gegeben: „Wenn es in 20 oder 30 Jahren neuere Techniken gibt, können doch viel detailliertere Aussagen über die Geschichte gemacht werden“, sagte Hagemann.

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Reise in die Vergangenheit

Reise in die Vergangenheit: Die Besucher lassen sich in die Zeit der Römer zurück versetzen.

Anschließend berichtete sie über Kaiser Augustus und den Aufstieg des machthungrigen und blutrünstigen jungen Mannes, der doch für Reichtum und Frieden in Rom sorgte, gleichzeitig aber auch Provinzen einnahm. „Uns hat er immerhin das Marschlager hinterlassen“, zog Hagemann ihre persönliche Bilanz. Wolfgang Rühmann, der aus Ronnenberg gekommen war, musste sie nicht erst von der Bedeutung und dem Erhalt des Bodendenkmals überzeugen: „Ich bin sehr daran interessiert, wer die Menschen sind und wo sie herkommen“, sagte er beim Abschied.

Kiesabbau oder Touristenattraktion?

Kiesabbau oder eine Denkmalstätte mit touristischem Nutzen? Noch ist unklar, ob auf dem zwischenzeitlich wieder zugeschütteten Privatgelände mit dem darunter liegenden Bodendenkmal wie vom Eigentümer und einem Unternehmen geplant Kiesabbau möglich wird. Außer der Römer AG Leine wehren sich auch Parzellenbesitzer der angrenzenden Kleingartenkolonie und eine Interessengemeinschaft von Anwohnern gegen den Verkauf des Geländes.

Archäologen des Landesamtes für Denkmalpflege wollen das Areal als Reserve für spätere Forschungen erhalten, und auch das Ministerium für Wissenschaft und Kultur, das Landwirtschaftsministerium und die Region Hannover haben schon Interesse am Erhalt der Stätte signalisiert.

Dennoch hat das Land kürzlich noch einmal darauf hingewiesen, dass die Region im Regionalen Raumordnungsprogramms die für den Kiesabbau zwischen Hemmingen und Arnum vorgesehenen Flächen nicht reduziert oder getauscht hat. Deshalb sind auch Klagen und Regressansprüche in Bezug auf den angestrebten Kiesabbau möglich.

Die Römer-AG möchte auf der Fläche ein Infocenter für Touristen und Schulen einrichten. Offen ist die Frage der Finanzierung. Eine Fachhochschule arbeite aber bereits an möglichen Visualisierungen und entwickele Ideen, sagte AG-Mitglied Karola Hagemann.

Reise in die Vergangenheit

Reise in die Vergangenheit: Die Besucher lassen sich in die Zeit der Römer zurück versetzen.

Von Ingo Rodriguez

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