Isernhagen N.B.

Er malt auf Haut statt Leinwand

Drei Totenköpfe trägt Klaus Noreikat als Schmuck auf seiner Kopfhaut. Seine Kundin Melanie Zeller ist nicht seine einzige Kundin mit einer körperlichen Behinderung.

Drei Totenköpfe trägt Klaus Noreikat als Schmuck auf seiner Kopfhaut. Seine Kundin Melanie Zeller ist nicht seine einzige Kundin mit einer körperlichen Behinderung.

Isernhagen. Sein halbes Leben lang malt er Bilder nicht auf Leinwand, sondern auf menschliche Haut. In seinem Tattoo- und Piercing-Studio Tattoo Thunder mitten im Gewerbegebiet von N.B. achtet er auf Hygiene ebenso wie auf Akupunkturpunkte.

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Nicht nur aus Isernhagen, Burgwedel und Langenhagen kommen seine Kunden, sondern aus einem Umkreis von 40 bis 50 Kilometern. Ob Augenbraue, Bauchnabel oder Lippe - wer älter als 18 Jahre alt ist, kann sich bei dem 45-Jährigen ein Loch für Ringe, Stecker und anderen Körperschmuck stechen lassen. Der Nacken bleibt ausgenommen. „Da laufen zu viele Nervenbahnen entlang, die sich schlimmstenfalls entzünden und bleibende Schäden hervorrufen können“, erklärt er. Auch am Ohr könne es bei falscher Pflege zu folgenreichen Infektionen kommen.

Klaus Noreikat, der seit 1992 gewerblich tätowiert, hat während einer zweijährigen Tätigkeit in einem Hamburger Studio eine Heilpraktikerausbildung absolviert, um alles über Akupunktur- und Akupressurpunkte zu lernen.

„Jeder zweite Erwachsene in Deutschland hat ein Tattoo“, schätzt der 45-Jährige. „Inzwischen sind es mehr Frauen als Männer, und sie sind auch mutiger, was die Größe der Motive angeht.“ Seine Klientel sei zu 70 Prozent weiblich. Dass während des Stechens nur selten Laufkundschaft ins Studio kommt, schätzten besonders die Frauen - ein Vorteil der Lage im Gewerbegebiet.

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„Jugendsünden“ sind die haltbaren Hautbilder nach Noreikats Erfahrung nicht: „Die meisten lassen sich nicht mit 18 - oder mit Einverständnis der Eltern schon ab 14 - tätowieren, sondern mit Mitte 30 bis 40 Jahren.“ Ihn selbst hat die Faszination für Körperbilder schon früher gepackt. „Mit 13 habe ich mit Tusche und Nadel und Faden den ersten Versuch gemacht“, berichtet er. Eigentlich sollte es nur ein kleines Kreuz auf dem Oberarm werden, aber dann wurde der eine Balken zu lang, und das Tattoo wurde größer als geplant. „Später habe ich das aber übertätowiert“.

Heute trägt Noreikat neben anderen Tattoos auf der linken Seite des nackten Schädels drei Totenköpfe. Für ihn wie für die 33-jährige Kundin Melanie Zeller, die sich einen Diamanten an eine freie Stelle an ihrem Arm stechen lassen möchte, und den 18-jährigen Marvin Schreiber, der dabei zugucken will, sind Tätowierungen weder Provokation noch Mutprobe. „Es ist ein Körperschmuck, der ein Leben lang hält“, meint Noreikat. „Trotzdem gibt es immer noch Diskriminierung und Menschen, die Tattoos mit Kriminalität in Verbindung bringen“, sagt er und holt zur Bestätigung ein Playmobil-Pärchen aus dem Schrank: Der gute Polizist trägt Uniform, der böse Einbrecher ist tätowiert.

Immerhin: In Aachen durfte 2012 ein Mann mit Totenkopftattoo auf dem Arm Polizist werden.

Von Sabine Szameitat

Das Interview

„Aus der Masse hervorstechen“

Warum entscheiden sich Menschen für ein Tattoo? Tut das nicht weh? Sabine Szameitat hat darüber mit Melanie Zeller (33) aus Hannover gesprochen. Sie sitzt im Rollstuhl und betreibt unter KleeneMelle81 einen Videoblog auf YouTube.

Frau Zeller, Sie haben Tätowierungen an beiden Armen, am Rücken und am Schulterblatt, unter anderem Rosen und einen Kussmund, und jetzt soll noch ein Diamant hinzukommen. Warum machen Sie das?

Ich habe eine starke Skoliose, eine Rückgratverkrümmung, und fahre fast von Geburt an im Rolli. Aber wegen meiner Behinderung bin ich ja nicht gleich unsichtbar. Ich will mich verschönern und durch meine Tattoos aus der Masse hervorstechen. Deshalb stelle ich auch Videos von mir auf YouTube, in denen es um Beauty und Lifestyle geht.

Wann haben Sie mit den Tattoos angefangen?

Damals war ich 22. Seitdem sind noch einige Tattoos hinzugekommen.

Was ist, wenn sich Ihr Geschmack ändert?

Ich hatte einmal chinesische Schriftzeichen auf einem Unterarm. Als mir die nicht mehr gefallen haben, habe ich mir darauf ein Cover-up mit Rosen machen lassen. Die Farbe wird mit der Nadel unter die oberste Hautschicht gestochen.

Tut das nicht weh?

Ich finde, es fühlt sich eher wie ein leichtes Brennen oder Kratzen an. Aber nicht unangenehm.

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