Laatzen

Abi mit 96 – Albert-Einstein-Schule ehrt Salomon Finkelstein

Familienfoto mit Abiturzeugnis: Ilana Finkelstein (von links), Jael Finkelstein, Salomon Finkelstein, Daniela Finkelstein und David Finkelstein.

Familienfoto mit Abiturzeugnis: Ilana Finkelstein (von links), Jael Finkelstein, Salomon Finkelstein, Daniela Finkelstein und David Finkelstein.

Laatzen-Mitte. Der Holocaust-Überlebende und Laatzener Ehrenbürger Salomon Finkelstein hat am Freitag das Ehrenabitur der Albert-Einstein-Schule (AES) erhalten – im Alter von 96 Jahren. Die Schüler und das Kollegium wollen damit ein Zeichen für die besonderen Verdienste setzen, die der Zeitzeuge an der Laatzener Schule hat.

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Verleihung des Ehrenabiturs an Salomon Finkelstein

Verleihung des Ehrenabiturs an Salomon Finkelstein

Finkelstein, ein sehr bildungsbeflissener Mensch, habe nie die Gelegenheit dazu gehabt, ein Abitur abzulegen, sagte Geschichtslehrer Wilhelm Paetzmann in seiner Laudatio vor rund 450 Schülern, Lehrern und Gästen im AES-Forum. Als er 17 Jahre alt war, wurde seine polnische Heimatstadt Łódz von deutschen Truppen besetzt und die Familie in der Folge ins Getto verschleppt. „Nach einer unbeschwerten Jugend erfuhr seine Biografie einen ungeheuren Bruch, als man ihn zur Sklavenarbeit zwang. Er war fortan nur noch der Häftling mit der Nummer 142 340“, sagte Paetzmann. Finkelstein habe sehr darunter gelitten, dass er die Schule nicht länger besuchen konnte, dies habe er auch in den Gesprächen mit Schülern deutlich gemacht. „Das fehlende Abitur ist ein Makel für sein Leben.“

Mit dem Ehrenabitur wolle die Schulgemeinschaft dem Holocaust-Überlebenden eine Freude machen, ergänzte Paetzmann. „Vor allem wollen wir so unseren Dank ausdrücken und uns auch die Verpflichtung auferlegen, dass wir uns an Ihnen orientieren und die Kraft aufbringen, uns bedingungslos zur Menschlichkeit zu bekennen und Unrecht entgegenzutreten ... Es ist eine Symbolhandlung, die für uns als AES längst überfällig ist, die Ihnen ohnehin zusteht“, fuhr Paetzmann in seiner Laudatio fort.

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Seit zehn Jahren mit den AES-Schülern im Gespräch

Seit zehn Jahren führt Finkelstein Gespräche mit den AES-Schülern. „Es bedeutet uns sehr viel, dass Sie Ihre schrecklichen Erlebnisse mit uns über viele Jahre geteilt haben“, sagte der Zehntklässler Felix. „Sie haben uns vertraut und uns Ihre Lebensgeschichte anvertraut. Das sehen wir als Ehre an.“ Die NS-Zeit, die so fern und unwirklich erscheint, sei den Schülern damit nähergekommen, ergänzte seine Mitschülerin Chiara Baake. „Es ist für uns eine Mahnung und Verpflichtung, nicht in solche menschenverachtenden Muster zurückzufallen.“

Der 96-Jährige, der heute in Hannovers Südstadt wohnt, hatte die Schüler stets dazu ermutigt, Zivilcourage zu wagen und nicht wegzuschauen. „Er hat damit stets deutlich gemacht, dass wir immer von den Schwächsten her denken und diese in den Blick nehmen sollten“, brachte Paetzmann in Erinnerung. Auch aufgrund dieser Begegnungen sähen sich die Schüler und Lehrer der AES dazu verpflichtet, für Rechtsstaatlichkeit, Toleranz und Menschlichkeit einzutreten. Was ist schon ein Bundesverdienstkreuz gegen ein Abitur, das es so vielleicht nur einmal in ganz Deutschland gebe.

„Bei seinem Wunsch, sein Abitur zu erhalten, sind unserem Vater die Nazis dazwischengekommen. Mit dieser Urkunde haben seine Unterdrücker von einst zumindest diesen Kampf gegen ihn endgültig verloren“, machte Daniela Finkelstein, Tochter des Geehrten, in ihrer Dankesrede deutlich.

Für seine Verdienste um die Gedenkkultur in Laatzen erhält Salomon Finkelstein das Ehrenabitur der Albert-Einstein-Schule

Für seine Verdienste um die Gedenkkultur in Laatzen erhält Salomon Finkelstein das Ehrenabitur der Albert-Einstein-Schule.

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Wie das reguläre Abiturdokument weist Finkelsteins Abiturzeugnis den Briefkopf der Schule auf, es ist zudem unterschrieben und gesiegelt. Noten gibt es allerdings nicht. Für Michael Fürst vom Landesverband der jüdischen Gemeinden ist die Ehrung „etwas wirklich Bedeutsames. Ein Abiturzeugnis wie heute hat es in Deutschland vermutlich noch nie gegeben, das Bundesverdienstkreuz haben hingegen Zigtausende.“

Ein emotionaler Höhepunkt der Veranstaltung war neben der Verleihung des Ehrenabiturs der Auftritt einer aus Schülern bestehenden Swingband, die Finkelstein einen „Blues for Salek“ widmeten. Das Stück hatte Musiklehrer Daniel Haupt eigens für Finkelstein komponiert. Zur Eröffnung sang Finkelsteins Tochter Jael den Titel „Summertime“ mit Begleitung der Band.

Abitur für Leon Schwarzbaum steht noch aus

Ursprünglich war geplant, dass am Freitag auch der Holocaust-Überlebende Leon Schwarzbaum das Ehrenabitur erhalten sollte. Bei einem Besuch an der AES hatte der Filmemacher Hans-Erich Viet im Januar den Film "Der letzte Jolly Boy" vorgestellt, mit dem der Regisseur einzelne Stationen aus dem Leben Schwarzbaums nachzeichnet. Im Gespräch mit den Schülern hatte Viet darüber berichtet, dass dessen Abiturzeugnis in den Kriegswirren verschollen und bis heute nicht wieder aufgetaucht ist. Der AES-Schüler Jan Büschke hatte daraufhin vorgeschlagen, Schwarzbaum mit einem Ehrenabitur der AES auszuzeichnen. "Der Gedanke wurde damals mit Applaus von den Schülern bestätigt. Damit war die Idee geboren", erinnert sich Paetzmann. "Es wurde dann schnell klar, dass wir auch Herrn Finkelstein mit einem Abitur ehren wollen." Aufgrund einer Erkrankung konnte Schwarzbaum am Freitag nicht an der Verleihung teilnehmen. Die Schule hofft, die Würdigung nachholen zu können.

Die Laudatio auf Salomon Finkelstein im Wortlaut

Lieber Salomon Finkelstein, verehrte Gäste, liebe Schülerinnen und Schüler,

es ist – so glaube ich – deutlich geworden, dass die heutige Verleihung des Ehrenabiturs eine ganz besondere Veranstaltung ist.

Gewöhnlich ist ja der Schulabschluss, das Entlassungszeugnis, die Eintrittskarte in die Erwachsenenwelt. Deutschland ist ja nun auch ein bürokratisches Land und wir alle wissen, dass ein Schulabschluss die Voraussetzung ist für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Deswegen seid Ihr Schülerinnen und Schüler ja schließlich alle hier!

Von daher ist es zutiefst unzeitgemäß, etwas Anachronistisches, dass wir heute Salomon Finkelstein ein Abiturzeugnis überreichen – mit fast 97 Jahren. Als Schule, die sich nach Albert Einstein benennt, dürften wir das vielleicht. Er ist ja schließlich der Begründer der Relativitätstheorie, die besagt, dass Raum und Zeit keine feststehenden Größen sind. So könnten wir den zeitlichen Graben von fast 100 Jahren locker relativieren und auch Laatzen und Lodz, die Heimatstadt von Salomon Finkelstein in Polen, vertauschen!

Aber es geht um etwas anderes, auf das uns schon die Eingangsmusik aufmerksam gemacht hat. Wir haben anfangs „Summertime“ von George Gershwin aus dem Jahre 1932 gehört – vielleicht nicht bewusst. Und wir haben die Swingchoreo gesehen, eine Musik und einen Tanzstil, der in der Jugendzeit von Salomon Finkelstein modern war – vor über 80 Jahren! Und diese Musik – insbesondere „Summertime“ – passt nicht nur zeitlich, sondern auch von ihrem Tenor her: Sie ist nicht unbeschwert, da ist ein melancholischer Unterton, die Heiterkeit ist vordergründig und gebrochen. Bei aller Klarheit und Gefälligkeit schwingt in ihr eine tiefe Traurigkeit mit. Wir werden auch noch einen Blues hören, er ist die musikalische Ausdrucksform der Schwarzen in Nordamerika gewesen, in dem sie ihr Leid zur Sklavenzeit zum Ausdruck brachten.

Deshalb passt diese Musik, dieser Stil zum heutigen Anlass, denn Salomon Finkelstein hat eine gebrochene Biografie, die nach einer unbeschwerten Jugend einen ungeheuren Bruch erfuhr, als man ihn zur Sklavenarbeit zwang, ihn in seinem Menschsein degradierte. Er war fortan nur noch ein Häftling mit der Nummer 142 340. Und ein Arbeitssklave soll arbeiten. Bildung, Lernen, die Schönheit der Welt, die Freude am Leben, an menschlicher Entfaltung, am Lebensglück, all das wurde den Menschen in den vom NS-Deutschland beherrschten Gebieten Osteuropas abgesprochen.

Und so ist es denn auch eine der ersten Gewaltmaßnahmen der deutschen Besatzungspolitik zu Beginn des 2. Weltkrieges in Polen gewesen, alle gebildeten Menschen zu ermorden und die Bildungschancen einzuschränken. Heinrich Himmler hat das 1940 selbst so formuliert: „Für die nichtdeutsche Bevölkerung des Ostens darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Volksschule hat lediglich zu sein: Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des eigenen Namens und eine Lehre, dass es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleißig und brav zu sein. Lesen halte ich für nicht erforderlich. Außer dieser Schule darf es im Osten überhaupt keine Schulen geben.“

Das müssen wir uns klarmachen: Das sah die NS-Politik vor. Die deutsche Besatzung zog vor allem einen Mord- und Vernichtungsexzess nach sich, ca. 2000 Menschen sind im Durchschnitt täglich zur Zeit der deutschen Besatzung ermordet worden. Die Menschen Osteuropas wurden als billige und willige Arbeitssklaven angesehen, die man heute mit dem recht harmlos klingenden Namen „Zwangsarbeiter“ bezeichnet.

Bei Salomon Finkelstein war es noch schlimmer: Als Mensch mit jüdischer Religion wurde ihm rassische Minderwertigkeit unterstellt – sein Leben galt im NS als unwert. Die Nationalsozialisten hatten es so bestimmt: die Juden sollten alle sterben – aber vorher sollten sie sich noch bis zur völligen Entkräftung kaputtarbeiten. „Vernichtung durch Arbeit“ nennt man das.

Salomon Finkelstein ist nur ein Mensch, ein Überlebender von ca. 6 Millionen ermordeter Juden. Er hat diese Zeit wie durch ein Wunder überlebt, zahlreiche Zufälle haben ihn vor der Ermordung bewahrt. Sein Überleben ist eine Ausnahme, der Tod war der Regelfall.

Er hat am eigenen Leibe Unmenschliches erlebt und mit ansehen müssen, er war der Brutalität der Aufseher und dem Zynismus der SS-Leute schutzlos ausgeliefert, täglich vom Tod bedroht – und das über 6 lange Jahre!

So etwas ist normalerweise nicht tragbar, daran zerbricht ein Mensch. Der Mensch ist letztlich ein zartes Wesen an Körper und Geist. Nach unseren heutigen Maßstäben ist es nicht zu erklären, woher Salomon Finkelstein diese seelischen Kräfte genommen hat, dass er weiter an das Leben geglaubt hat, dass er gegen den Augenschein am Lebensglück und der Menschlichkeit festgehalten hat.

Uns geht heute das Wort „traumatisiert“ leicht über die Lippen. Salomon Finkelstein hat überlebt, er ist nicht daran zerbrochen – aber er hat seelischen Schaden genommen. Er selber sagt: „Ich funktioniere bis heute nicht richtig.“

Wir müssen es so klar benennen: Wir stehen in der Konfrontation mit dem Lebensschicksal Salomon Finkelsteins an der Grenze des Verstehbaren, keiner von uns kennt sich in den Tiefen seines eigenen Wesens aus. Und das ist die Gunst unserer Zeit, dass wir diese Probe nicht zu bestehen brauchen – und das ist auch gut so!

Aber es geht heute nicht nur primär um das Überleben Salomon Finkelsteins in einer unmenschlichen Zeit. Es geht darum, dass Sie, lieber Herr Finkelstein, nach ihrer Befreiung 1945 – allerdings nach einer langen Zeit des Schweigens – die Kraft gefunden haben, zu uns in der AES über ihr Erlebtes zu sprechen – und das über 10 Jahre lang.

So nennen sie es selbst: Sie sprechen zu den Schülerinnen und Schülern. Und das ist eigentlich ein völlig unzulängliches Wort!

Sie haben das Erlebte, die Grausamkeiten, die Demütigungen aus der Erinnerung wieder hervorgeholt, haben sie noch einmal hochkommen lassen und in gewisser Weise noch einmal durchleben müssen, wo doch die menschliche Natur so veranlagt ist, dass sie das Schmerzliche zu verdrängen und zu vergessen sucht. Dass Sie das getan haben, dass Sie sich zu diesem seelischen Kraftakt durchgerungen haben, das zeigt Ihre Größe, Ihre menschliche Größe, die wir bewundern und zutiefst anerkennen! Und - das haben Sie für uns getan, für die Schülerinnen und Schüler, für die AES.

Die beiden Schüler hatten es bei der Begrüßung anfangs so gesagt: Uns verbindet eine Freundschaft. Richtig – doch eigentlich müsste es ein wenig anders ausgedrückt werden:

Salomon Finkelstein hat uns die Freundschaft erklärt, auch der Stadt Laatzen hat er die Freundschaft erklärt. Die Stadt hat ihm die Ehrenbürgerwürde verliehen und die Region Hannover die „Goldene Ehrennadel“, und unbescheiden möchte ich noch hinzufügen: Heute kommt noch das Ehrenabitur der AES hinzu.

Sie sind in Ihrer Jugend um alle Bildungschancen gebracht worden. Wir als Schulgemeinschaft möchten Ihnen mit dem Ehrenabitur eine Freude bereiten. Vor allem aber wollen wir so unseren Dank ausdrücken und uns auch die Verpflichtung auferlegen, dass wir uns an Ihnen orientieren und die Kraft aufbringen, uns bedingungslos zur Menschlichkeit zu bekennen und Unrecht entgegenzutreten.

Sie sagten einmal, wir sollen an den „kleinen Finkelstein“ denken, wenn wir von der Unrechtszeit des NS sprechen. Das ist das eine, was wir auch tun wollen, das ist die Haltung, quasi die „Goldene Regel“ der Zivilcourage, an den Schwächsten zu denken, wenn von irgendwelchen Maßnahmen die Rede ist. Und das hat nicht nur etwas mit NS zu tun, das muss auch auf heute übertragen werden als ihr „Langzeitvermächtnis“, das wir beherzigen wollen.

Und das andere ist heute eine Geste, die Verleihung des Ehrenabiturs. Und dabei bewegen wir uns ausschließlich im „Zeichenhaften“. Es hat nichts mit einem Abschluss im eigentlichen Sinne zu tun, Einsteins Relativitätstheorie hin oder her. Keiner geht davon aus, dass Sie morgen ein Medizinstudium aufnehmen. Es ist eine Symbolhandlung, die für uns als AES längst überfällig ist, die Ihnen ohnehin zusteht. Sie haben auf die Schülerinnen und Schüler nachhaltig eingewirkt, Sie haben uns immunisiert gegen billige Parolen, die da heute wieder zu hören sind wie: „Es ist alles gar nicht so schlimm gewesen!“

Wir als Schule sind einfach nur dankbar, dass Sie uns die Freundschaft erklärt haben. Für die AES sind Sie nicht der „kleine Finkelstein“, für uns sind Sie der „große Finkelstein“, an dessen Herzensgröße und seelischer Kraft wir uns orientieren können. In diesem Sinne ehren wir Sie mit dem Ehrenabitur, weil wir uns geehrt fühlen, dass Sie, lieber Salek, uns so lange begleitet haben.

Es bleibt nur der Dank. Der Dank im Namen der gesamten Schulgemeinschaft!

Von Daniel Junker

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